Rheinzabern – Erstmals nahm die vhs-Rheinzabern am Kultursommer Rheinland-Pfalz teil. „Mit allen Sinnen lautete“ das vorgegebene Rahmenthema. Angesichts eines besonderen Jahres standen die drei Veranstaltungen der vhs unter dem Motto „Europa emotional“.
Schlugen zwei wunderbare Klassikkonzerte im Mai bzw. Juni musikalische Brücken nach Europa, so war die jüngste Veranstaltung am 2. Oktober weniger erbaulich, ging aber besonders tief unter die Haut.
Im Mittelpunkt stand eine Episode des I. Weltkriegs, als es an Weihnachten 1914 auf den Schlachtfeldern in Flandern zu Verbrüderungsszenen zwischen Franzosen, Briten, Belgiern und Deutschen kam. Der französische Regisseur Christian Carion hat diese Ereignisse in seiner Heimat in dem preisgekrönten Film „Merry Christmas“ verarbeitet.
In dem Film kommt es zu gemeinsam gesungenen Weihnachtsliedern, Fußballspielen, Bergung von Leichen aus dem Niemandsland, Gottesdiensten oder zum Austausch von Souvenirs. Stille hatte den Kriegslärm verdrängt. Sogar Vögel waren wieder da.
Aus dem anonymen Feind, dem „Franzmann“, dem „Boche“ oder dem „Hunnen“, waren Menschen mit ähnlichen Biographien, Leidensgenossen, gemeinsame Opfer geworden.
In seinem Buch „Der kleine Frieden im großen Krieg“ bezeichnet der Autor Michael Jürgs die Fraternisierungen als ein Wunder.
Nach wenigen Tagen war die Idylle zu Ende und schien in Vergessenheit geraten zu sein. Doch in Tagebüchern und Regimentschroniken finden sich viele Hinweise auf jene Fraternisierungen, die zum Teil verschwiegen oder aber herabgespielt wurden, weil sie verboten waren bzw. als Zeichen für Disziplinlosigkeit galten.
Die Kulturwissenschaftlerin Dr. Christine Beil, Eppelheim, legte die historischen Umstände für das Ereignis von Weihnachten 1914 dar und erklärte viele Zusammenhänge des folgenden Spielfilms. Nach der Anfangseuphorie vom August 1914 war bald Nüchternheit eingekehrt. Statt Urlaub auf dem Boulevard oder Weihnachten daheim bestand der Alltag aus Läusen, Ratten, Blutzoll, Schlamm und Schrecken. Bis Weihnachten 1914 hatte es an West- und Ostfront schon eine Million Kriegstote gegeben.
Während zuhause die Biertischstrategen Krieg spielten, kam an der Front das Gefühl des Verheiztwerdens, des Kononenfutters, des Verlassenseins auf. Die Zahl von täglich 17 Millionen Feldpostbriefen mag ein Indikator für die Stimmungslage gewesen sein.
Liebesgaben zu Weihnachten und insbesondere Zehntausende kleiner Tannenbäume beförderten das Heimweh und die Sehnsucht enorm. Und so war es kein Wunder, dass gut 100 000 Soldaten an Weihnachten 1914 sich mit dem Feind verbrüderten.
Doch der Krieg ging weiter, die Episode geriet in Vergessenheit und es bedurfte noch vieler Kriegstoten, ehe die Losung von der Versöhnung über den Gräbern zum Tragen kam. Die vielen Zuschauer waren von dem Film gefesselt und aufgewühlt zugleich.
Eine abschließende Diskussion ließ die Besucher nochmals zu Wort kommen. Da die direkte historische Tradition zum Ersten Weltkrieg verloren gegangen ist, hat ein Film wie „Merry Christmas“ seine Berechtigung, mag auch manche Szene etwas übertrieben sein. Reizvoll war indes die Gegenüberstellung historischer Fakten und filmischer Fiktion, wie sie ein Regisseur benutzt.
Ein gelungener Abend voller Emotionen und Motivation zum weiteren Beschäftigen mit dem Thema.
Die Fotos vom August 2014 zeigen einen der berühmtesten flandrischen Erinnerungsorte an den Ersten Weltkrieg, den Grande Guerre, im sogenannten Bayernwald bei Wijtschate im Ypern-Bogen. Im Gegensatz zum aufgeräumten Grabenfeld heute war dort einst eine wahre Mondlandschaft, in deren Tunnels, Gräben und Unterständen die jungen Männer Schreckliches erlebten. Viele Pfälzer Soldaten, darunter zahlreiche Rheinzaberner, fanden dort den Tod.
Hohen Blutzoll erforderte auch der Minenkrieg. Der heutige „Pool of Peace“ genannte Teich bei Wijtschate ist in Wirklichkeit der Krater einer der schlimmsten Minenexplosionen, als es im Jahre 1917 auf einen Schlag über 10 000 Tote gab. (Gerhard Beil)

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