Die Pfalz zu Kriegsbeginn 1914: „Russische Eier und französischer Sekt“

24. Oktober 2014 | noch keine Kommentare | Kategorie: Kreis Germersheim, Regional

Christian Decker mit Darstellungen der Kriegsbegeisterung auf Feldpostkarten, aber auch der eintretenden Ernüchterung schon kurz darauf.
Fotos: Beil

Rheinzabern – Christian Decker, Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde Kaiserslautern, gab in seinem Vortrag bei der vhs-Rheinzabern interessante Einblicke in die Situation in der Pfalz zu Kriegsbeginn 1914.

Decker beschrieb das Augusterlebnis 1914, das im Konsens über den aufgezwungenen Krieg kumulierte, dem man sich mit vaterländischer Gesinnung anzuschließen habe. Besonders in Garnisonsstädten wie Germersheim, Landau, Kaiserslautern oder Zweibrücken ging es rund.

Extrablätter verkündeten die Kriegserklärungen und die Mobilmachungsmodalitäten. Derbe Parolen und Satiren waren Ausdruck der Selbstüberschätzung, aber auch der misslichen Lage. „Russische Eier, französischer Sekt, deutsche Hiebe, ei, wie das schmeckt!“, war ein beliebter Reim, der aber auch den Zweifrontenkrieg symbolisierte, den man doch von Seiten der kaiserlichen Regierung hatte vermeiden wollen.

Patrouillen von Bürgerwehren wegen teilweise paranoider Angst vor Spionen waren ebenso an der Tagesordnung wie der Einsatz von freiwilligen Frauenvereinen im Roten Kreuz.

Einquartierungen auf dem Weg zur Front in Lothringen bedeuteten große Belastungen für die pfälzische Zivilbevölkerung. Verpflegung von Soldaten und Pferden führten schnell zu Getreidemangel und steigenden Preisen, die auch durch Rationierungen nicht in den Griff zu bekommen waren.

Auf den strategisch wichtigen Ost-West-Bahnen Germersheim-Landau Zweibrücken oder Ludwigshafen-Neustadt, Kaiserslautern rollten Tag und Nacht die Züge. Auf dem Weg zurück brachten sie die ersten Kriegsgefangenen, und vor allem aber Verwundete, die in den Lazaretten („Betten für Blessierte!“) entlang der Bahnstrecken untergebracht wurden.

Statt „Urlaub auf dem Boulevard“ oder einem „Ausflug nach Paris“, wie so manche Parole auf den Waggons der ausfahrenden Frontzüge lautete, erhielten die Soldaten in den„Stahlgewittern“ der Westfront ihre „Feuertaufe“. Ein durchindustriealisierter Krieg von mit bis dahin ungekannter Brutalität und Opferzahl hatte begonnen. In den Schlachten bei Metzt, in Flandern und an der Somme zahlten die Pfälzer Regimenter fürchterlichen Blutzoll. Zensur von Zeitungen und Feldpostbriefen konnten die Realitäten nicht unterdrücken.

Im Grunde setzte ein totaler Krieg ein, der auch die „Heimatfront“ mit einbezog. Umstellung auf Kriegsproduktion der Betriebe, Mangel an männlichen Arbeitskräften, massenweise Frauenarbeit in den Fabriken der Städte, Sparappelle, würdeloses Anstehen nach Brot, Verlängerung der Lebensmittel durch Zusätze u.a.m. brachten weitere Probleme.

So wich die Begeisterung des August 1914 schnell dem tristen Kriegsalltag mit seinen steigenden Verlustzahlen. Immer mehr machten Durchhalteparolen die Runde. Es wird noch einiges über die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts mit all ihren Auswirkungen zu erzählen geben. Christian Decker machte mit seinem lebendigen Vortrag Appetit darauf – nicht nur auf „russische Eier und französischen Sekt“. (Gerhard Beil)

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