Sonntag, 20. Oktober 2019

„Kunst & Kultur rund um die Villa Böhm“: Das „Narrenschiff“ – Interview mit Michael Landgraf

22. August 2017 | noch keine Kommentare | Kategorie: Allgemein, Kultur, Neustadt a.d. Weinstraße und Speyer, Regional
Die Villa Böhm bot die passende Kulisse für eine satirische Performance. Foto: Pfalz-Express/Ahme

Die Villa Böhm bot die passende Kulisse für eine satirische Performance zum „Narrenschiff“.
Foto: Pfalz-Express/Ahme

Neustadt. Die Kulturabteilung der Stadt Neustadt lud vom 14. bis 20. August zum 4. Künstler-Symposium.

10 Künstler aus sieben Nationen waren in Neustadt an der Weinstraße zu Gast, die hier gemeinsam in einer Werkwoche in verschiedenen Sparten wirkten. Vom 23. August bis 3. September wird eine Ausstellung mit den „Best-of-Werken“ der letzten vier Symposien stattfinden.

Die Werkwoche wurde am Sonntag durch ein abwechslungsreiches kulturelles und kulinarisches Rahmenprogramm flankiert (siehe Bildergalerie).

 

Danach wurde zu Spiel und Spaß, Kunstaktionen und Mitmachkunst, Musik und Unterhaltung in das weitläufige Gelände rund um die Villa Böhm eingeladen. Dazu gehörte auch ein Poetry Jam und Performance Art mit Masken und Larven: „Das Narrenschiff“ mit Tine Duffing , Michael Landgraf und Katharina Dück beeindruckte am Nachmittag die Zuschauer.

Michael Landgraf präsentierte als Druckermeister der Renaissancezeit den historischen Hintergrund des „Narrenschiffs“ von Sebastian Brant aus dem Jahr 1494 und trug Passagen daraus vor. Katharina Dück gab in Form eines Poetry-Jams moderne Antworten auf die Texte und hielt damit ihren Zeitgenossen den „Narrenspiegel“ vor. Tine Duffing unterstrich das Ganze mit Objekt-und Maskentheater.

Der Pfalz-Express (PEX) befragte Michael Landgraf zum „Narrenschiff“

Michael Landgraf Foto: Pfalz-Express/Ahme

Tine Duffing – Michael Landgraf – Katharina Dück.
Foto: Pfalz-Express/Ahme

PEX: Das war ja heute eine beeindruckende Performance im Park der Villa Böhm mit Ihnen, Tine Duffing und Katharina Dück. Gratulation! Sie als Druckermeister der Renaissancezeit beleuchteten den historischen Hintergrund des „Narrenschiffs“ von Sebastian Brant aus dem Jahr 1494. Es verbindet Sie eine besondere Liebe zu diesem Buch. Wie sieht diese denn aus? Und wo kommt sie her?

ML: Das Buch habe ich in den 1970er Jahren entdeckt – als Auszug in einem Schulbuch. Mich faszinierte, wie offen der Autor Missstände der Gesellschaft offenlegt und einem dadurch den Spiegel vorhält. Als ich erfuhr, dass das Narrenschiff das meistverkaufte Buch vor Luthers Bibel war, wurde mir klar, dass gute Satire immer schon bei den Leuten ankam.

PEX: Was ist das Einzigartige an diesem Buch?

Sebastian Brant ist ein Gelehrter, dem es gelingt, in einfachen Versen hundert Narreteien der Zeit vor 500 Jahren auf den Punkt zu bringen. Schon in der Vorrede und im ersten Kapitel mahnt er an, dass der erst entstandene Buchdruck keine Besserung der Welt bewirkt hat. Das Narrenschiff bietet dadurch eine Gesellschaftsanalyse und eine frühe Form der Medienkritik.

PEX: Warum sind die Beschreibungen darin immer noch in gewissem Sinn zeitgemäß und berühren uns?

ML: Weil die Themen, die gewählt werden, zum großen Teil aktuell sind. „Von neuen Moden“ und „Von Selbstgefälligkeit“ offenbart die uns heute nicht unbekannte Selbstverliebtheit und den Modewahn. „Vom vielen Schwatzen“ und „Vom Zwietracht stiften“ spiegeln typisch menschliche, aber unangenehme Eigenschaften.

PEX: Wie unterscheidet sich ein Narr des 15. Jahrhunderts von einem Heutigen?

ML: Das Narrenschiff greift Tagesaktuelles von damals auf, das heute nicht mehr so aktuell ist – beispielsweise was die Kirche betrifft. Das Buch wurde vor der Reformation geschrieben und vieles hat sich durch diese verändert. Allerdings sind die meisten angesprochenen Narreteien leider immer noch aktuell.

PEX: Haben Narren eigentlich Narrenfreiheit? Oder wie war das bei Brant? Musste er nicht Repressalien befürchten?

ML: Brant selbst hielt seine Satire so offen, dass alle gut über das Angesprochene lachen konnten. Repressalien mussten die erleiden, die aus seinen Reimen eine Lehre zogen und konkret Leute wie beispielsweise den Papst oder bestimmte Fürsten benannten.

PEX: Und wie sieht das heute aus? Ich denke da an Böhmermann…

ML: Böhmermann geht konkrete Leute an, nennt Politiker beim Namen, die er satirisch auf den Arm nimmt. Vieles wirkt aber bei ihm zu platt und er genießt durch die Meinungsfreiheit den Schutz der Narrenfreiheit. Vielleicht gelingt es eher dem Team der „Heute Show“, ansatzweise so schelmisch wie Brant der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Aber die literarische Größe von Brant erreichen heute wenige.

PEX: „Loser, Sprücheklopfer, zivilisierte Narren“: Katharina Dück personifizierte die Jetztzeit. Sind das wirklich die heutigen Narren? Was ist so närrisch daran, mit der Aida auf Kreuzfahrttour zu gehen?

ML: Katharina Dück hat sich auf geniale Weise als närrische Person unserer Tage von den „Losern“ damals abgegrenzt und sich als „zivilisiert“ dargestellt. Als Party-Girl auf der Aida offenbarte sie jedoch, dass man auch heute noch ganz schön Gaga sein kann.

Unterstützt durch die Inszenierung von Tine Duffing ist es insgesamt gelungen, das Angesprochene künstlerisch anspruchsvoll und dennoch gut verständlich zu visualisieren. Ich bin sehr dankbar für diese unterschiedlichen und inspirierenden Herangehensweisen von uns dreien. Und dass die Leute bei drei Auftritten jedes Mal so gefesselt waren, freut uns Künstler natürlich sehr.

PEX: Wäre es an der Zeit, ein heutiges Narrenschiff zu erfinden?

Der Gesellschaft und einem selbst den Spiegel vorzuhalten tut immer gut. Bei allem gilt: Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung. (desa)

Titelblatt des "Narrenschiffs". Quelle: Landgraf

Titelblatt des „Narrenschiffs“.
Quelle: Landgraf

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