Der aus Annweiler-Queichhambach stammende Volkskundler Helmut Seebach hat mit einem vierten Band seine Reihe zu den kulturellen Folgen der Schweizer Reformation in Europa, Skandinavien und Pennsylvania abgeschlossen.
Darin gelingt es ihm am Beispiel der Felsbilder im Pfälzerwald und in den Nordvogesen die Existenz gläubiger Christen nachzuweisen.
Der spirituelle Eifer der Schweizer Reformierten sucht sich sichtbaren Ausdruck zu verschaffen in gemeißelten Bildern auf anstehendem Fels in den Alpen, Mitteleuropa und in Skandinavien mit gleichartigen Zeichen, Symbolen und Bildern.
In der Pfalz entstammen die Felsbilder einer Zeitspanne vor 1600 und reichen bis ins 18. Jahrhundert. An den meisten Bilderfelsen ist eine fast hundertjährige Überlieferungslücke aufgrund des 30jährigen Krieges erkennbar.
Es finden sich zahlreiche Inschriften, Zeichen, Symbole, Initialen und Hausmarken in Vergesellschaftung mit Jahreszahlen. Diese können aufgrund der gleichen Bearbeitungsspuren (Tiefe der Meißelung) und gleichen Darstellungsformen (Serifen an Buchstaben und Zahlen) zur Altersbestimmung der Felsbilder herangezogen werden, anders als bei den alpinen und skandinavischen Beispielen, wo keine wissenschaftlich gesicherte Altersbestimmung möglich ist.
Übereinstimmende Motive der Felsbilder auf pfälzischem Boden mit denen aus Skandinavien und den Alpen sind: Mensch/Mann-(figur), bewaffneter Mensch, (Fuß-)Schuhsohle, Vogel, Fisch, Pferd, Schiff, Schalengrube, Wetzrille, Kreis, Kreuz, Swastika, Pentagramm, Raute, Spirale, Labyrinth.
Der so genannte Bürgermeisterfelsen beim Parkplatz „Hahnenschritt“ trägt über 100 Zeichen und Symbole. Darunter befinden sich auch rein religiöse Symbole wie Vogel und Fisch in solitärer Stellung.
Nur wenige Zeichen aus dem pietistischen Bilderrepertoire erkennen wir heute noch als christliche Symbole wie beispielsweise (Andreas-)Kreuz, Taube, Lamm, Fisch oder Schiff. Sensationsfunde sind ein Schiff am Asselstein und ein gehörnter Moses auf dem Schletterberg zwischen Bindersbach und Leinsweiler.
Der Ur-Grund für die Anfertigung von Felsbildern überhaupt liegt in der Bibel. Handlungsorientierung und Handlungsanleitung für die Gläubigen bietet dabei Hiob 19,21-25:
„Ihr seid doch meine Freunde! Habt Erbarmen! Was mich zu Boden schlug, war Gottes Hand! Warum verfolgt ihr mich so hart wie er? Habt ihr mich denn noch nicht genug gequält? Ich wünschte, jemand schriebe alles auf, daß meine Worte festgehalten würden, mit einem Meißel in den Fels gehauen, mit Blei geschwärzt, damit sie ewig bleiben!“
Das über hundert Jahre währende Spekulieren der Archäologen über die Bedeutung von Schalennäpfchen und Wetzrillen, wie sie beispielsweise an der Queichhambacher Kirche zu sehen sind, ist zu Ende.
Der Schlüssel zum Verständnis liefert das Buch der Offenbarung des Johannes. In Kapitel 16 werden die Engel gebeten, hervorzutreten und die Schalen auszugießen. Die sieben Schalengerichte sind die letzen Gerichtsschläge vor der Aufrichtung des Reiches Gottes.
Auffallend unter den Felsbildmotiven sind die zahlreich vorkommenden verschiedenen Kreuzesformen wie Griechisches oder Lateinisches Kreuz, Radkreuz, Doppelkreuz, Viererkreuz und Hakenkreuz.
Das Hakenkreuz/Swastika gilt bis dato in den Sozial- und Humanwissenschaften als noch nicht vollständig ge- und erklärt hinsichtlich Ursprung und kultureller Bedeutung. Die im allgemeinen Bewusstsein weit verbreitete These einer germanischen Kontinuität des Hakenkreuzes wird von Seebach eindrucksvoll widerlegt.
Es hat nichts mit germanischen Zeichen zu tun. Das Hakenkreuz ist vielmehr eine der vielfältigen, verehrungswürdigen Kreuzesformen, die den Reformierten bekannt und in ihrer religiös-christlich konnotierten Bildersprache in Gebrauch war. Das Hakenkreuz in Mitteleuropa ist urchristlicher Herkunft.
Die Kulturideologen in der Zeit des Nationalsozialismus bedienten sich christlicher Zeichen und Symbole, ohne dies zu wissen. Dies war nur möglich, weil selbst Kirchenvertreter keine Kenntnisse (mehr) über (ihre) traditionell christlich konnotierten Zeichen und Symbole hatten und haben. Nur deshalb konnten „sinnentleerte“ Zeichen semantisch völlig „neu“ belegt werden, wie dies exemplarisch die Kulturgeschichte des Hakenkreuzes zeigt.
Helmut Seebach. Wenn Steine reden … Pietistische Felsbilder im Pfälzerwald.
Eine grundsätzliche Berichtigung in europäischem Zusammenhang.
Grenze – Grenzzeichen – Loogfelsen – Schalennäpfchen – Wetzrillen – Felsbilder – Kulthöhlen – Kriemhildenstuhl. Annweiler-Queichhambach 2018. ISBN: 978-3-924115-41-8
172 Seiten, 54 Abbildungen, Preis: 29,80 Euro. Erhältlich im örtlichen Buchhandel.

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