Dienstag, 13. April 2021

Spektakuläre Entdeckung bei Tiefbauarbeiten: Tubus sine tempore unter Jockgrim

1. April 2021 | Kategorie: Kreis Germersheim, Regional

Ortsbürgermeisterin Sabine Baumann und Bürgermeister Karl Dieter Wünstel beim Erkunden des neuentdeckten Zugangs in das Jockgrimer Tunnelsystem.

Jockgrim – Bekanntermaßen kam es durch Terminverschiebungen aus unterschiedlichen Ursachen dazu, dass in und bei Jockgrim derzeit gleich zwei große Tiefbaumaßnahmen laufen – in der Buchstraße und an der Wilhelmsruhe. Was bislang vor allem ein großes Ärgernis war, hat nun zu einer spektakulären Entdeckung geführt – per Zufall.

Bei einem Vor-Ort-Termin an der Baustelle Buchstraßen staunten Bürgermeister Karl Dieter Wünstel und Ortsbürgermeisterin Sabine Baumann nicht schlecht, als ihnen aus der Baugrube unvermittelt ein Paket entgegengeflogen kam. Wenig später fuhr das Fahrzeug eines Paketdienstes mit quietschenden Reifen vor. Der Fahrer erklärte wild gestikulierend, dass er an der Baustelle Wilhelmsruhe abrupt hatte bremsen müssen, weil dort tatsächlich, wie beschildert, eine Sperrung bestünde. Dabei sei ihm ein Paket aus der halb geöffneten Schiebetür gefallen und unauffindbar in einer Baugrube verschwunden. Nun sei es ja wieder da, zeigte er sich erleichtert.

Recht verwundert über den Weg des Pakets befragte Wünstel das verwaltungsinterne Orakel der Verbandsgemeindeverwaltung. Auf dessen Rat hin wandte er sich dann unverzüglich an die Saarländische Universität Saarlouis-Eft-Hellendorf-zu-Perl, wo sein Bericht einen regelrechten Aufruhr verursachte. Professorin Gerda-Chantal Boden-Wieler vom Institut für Geopedologie und Psychosomatische Geographie und Professor Dr. em. Emmet Brown aus Hill Valley, Kalifornien, derzeit als Gastdozent im Saarland, eilten sofort vor Ort.

Boden-Wieler fasst die Erkenntnisse zusammen: „Da wurde durch reinen Zufall ein Tubus sine tempore entdeckt. Das ist ein unterirdisches Röhren- bzw. Gängesystem mit mehreren Ausgängen an die Erdoberfläche. Das Besondere: In einem Tubus sine tempore steht die Zeit still. Es vergeht praktisch keine Sekunde vom Betreten des Systems an einer Stelle bis zum Verlassen an einer anderen.“

Tubi sine tempore sind sehr selten. Der Wissenschaft bekannt ist vor allem das System in der Nähe von Manaus im Amazonas sowie ein kleineres im Sandkasten auf einem Spielplatz in Wanne-Eickel. Bei beiden sind Forschungsarbeiten schwierig – im Amazonas besteht eine permanente Gefährdung durch plötzlich aus dem System auftauchende Krokodile, die an einem anderen Eingang hineingeschwommen sind, in Wanne-Eickel darf der Sandkasten von Personen über 12 Jahre nicht betreten werden. Die Ruhr-Universität bemüht sich seit neuneinhalb Jahren um eine Ausnahmegenehmigung.

Weiterer Zugang entdeckt

Das Interesse am Jockgrimer Tubus sine tempore ist groß. Inzwischen wurde ein weiterer Zugang im Bürgerpark entdeckt, zugänglich gemacht und mit einer Plane geschützt. Sowohl Ortsbürgermeisterin Baumann als auch Bürgermeister Wünstel konnten bereits Fachleute vor Ort begrüßen und auch mehrfach bei Erkundungsgängen begleiten. Die Zeit für ausgedehnte Vor-Ort-Termine zu finden ist völlig unproblematisch, steht doch die Zeit im System still. Nur den richtigen Ausgang zu finden, müssen sie noch üben. Bereits zweimal sah man sie etwas bedröppelt von der Wilhelmsruhe in Richtung Verwaltungsgebäude zurücklaufen.

Bürgermeister Wünstel beim Sprung zur Wilhelmsruhe – oder war es doch zur Buchstraße?

Ungeahnte Möglichkeiten für Mitarbeiter und Tourismus

Wünstel plant, für die aktuell sehr stark ausgelastete Bauabteilung und das nicht minder eingespannte Ordnungsamt einige Büroräume im Tubus sine tempore einzurichten. „Dort können die Mitarbeiter dann einen Teil ihres Arbeitspensums erledigen, ohne dass dies Zeit in Anspruch nimmt. Anschließend ist die Weiterarbeit im Verwaltungsgebäude vorgesehen.“ Termine für Bürger wird es zunächst aber nicht im System geben, „denn wir können nicht mit hundertprozentiger Sicherheit gewährleisten, dass sie an derselben Stelle wieder herauskommen. Und momentan können wir keinen Shuttle-Service zur Wilhelmsruhe einrichten.“

Baumann will das System für ein Tourismus-Projekt nutzen. Ihr schwebt eine Abenteuer-Rutsche von der Bahnlinie hinunter zur Wilhelmsruhe vor. Nach dem Rutschen soll der Rückweg bequem und ohne Zeitverlust über den Tubus sine tempore zum Startpunkt zurückführen. Noch sucht sie nach dem passenden Zugang.

Surfen ohne Zeitverlust

Weiter gediehen ist das Projekt eines Internet-Cafés im Tubus. Hier soll jeder nach Herzenslust im Internet surfen, soziale Medien nutzen und Videos schauen können, ohne dafür Zeit zu verlieren. Die brandschutztechnische Genehmigung seitens der Kreisverwaltung soll kurz bevorstehen, Sorgen bereitet allerdings noch die Bewertung durch die Untere Denkmalpflegebehörde. Baumann: „Da im Tubus sine tempore keine Zeit existiert, kann die Behörde noch nicht einschätzen, inwiefern das System als historisch einzustufen ist und die Nutzung und Gestaltung daher einer Genehmigung bedarf.“ Auch für die Lösung von Verkehrsproblemen ist der Tubus sine tempore vielversprechend. Durch den Ausbau eines solchen Systems wären Fahrzeiten, Verspätungen oder gar Staus kein Thema mehr.

Am Donnerstag, 1. April 2021, soll der Tubus sine tempore ganztägig der interessierten Bevölkerung vorgestellt werden. Besucher werden gebeten, gut auf mitgeführte Gegenstände zu achten, damit diese das System nicht über einen anderen Zugang verlassen und dann gesucht werden müssen. Es wird dringend empfohlen, Kinder an die Hand zu nehmen.

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