Montag 12.Oktober 2026

Neues Buch von Volkskundler Helmut Seebach: Der Pfälzerwald

10. August 2025 | Kategorie: Bücher, Ratgeber

Quelle: Bachstelz Verlag

Nicht politische Ideologie trieb in der Pfalz des 19. Jahrhunderts die Bevölkerung den Revolutionären in die Hände – es war der Hunger, die blanke Not. Helmut Seebach mit neuen Erkenntnissen.

In seiner jüngsten Publikation „Der Pfälzerwald“ schildert der Volkskundler und Autor Helmut Seebach diesen Lebensraum aus neuer Sicht, vor allem anders als von den meisten Autoren gewohnt.

Zunächst jedoch verleitet der eher banale Buchtitel zu der Annahme, einer der üblichen landschaftlichen Abhandlungen zu begegnen. Erst mit dem Untertitel „Beitrag zur Revolutions- und Kulturgeschichte eines Naturraumes“ erschließen sich die wahren Absichten des Autors.

Seebach konzentriert seinen Blick auf das ländliche Bürgertum im 19. Jahrhundert, speziell auf das im Pfälzerwald. Schon immer waren die dort lebenden Bauern darauf angewiesen, den Wald als Rohstoffquelle in ihr Dasein einzubeziehen, so führt Seebach aus.

Es war ihnen vergönnt, den seit dem frühen Mittelalter ihnen überstellten sogenannten Haingeraidewald gemeinsam und mit gleichen Rechten als ein ungeteiltes Eigentum ähnlich einem genossenschaftlichen Verband zu nutzen. In dem riesigen Waldgebiet, an Ausdehnung ähnlich dem heutigen Biosphärenreservat Pfälzerwald/Nordvogesen, gab es 16 solcher Waldgenossenschaften.

Die Geraidegenossen waren von Steuern und Abgaben befreit. Ihre Rechte durften sie jedoch nur entsprechend ihres wirklichen Bedarfs wahrnehmen. Geraideschultheiß und Waldmeister wachten darüber, dass dieses frühe Prinzip der Nachhaltigkeit von allen Beteiligten eingehalten wurde, und so beugte die geregelte Waldwirtschaft lange Zeit einem Raubbau vor.

Sie hielt bis ins frühe 19. Jahrhundert, nachdem die Haingeraidegebiete an das Königreich Bayern gefallen waren und damit unter staatlicher Verwaltung standen.
An Fallbeispielen weist Seebach nach, dass schon frühzeitig die Territorialherren in die genossenschaftlichen Rechte der ihnen unterstellten Dörfer zu ihren Gunsten eingegriffen hatten.

Wiederholt wollten die Landesherren die Geraiderechte durch angeblich ihnen zustehende Vorrechte verdrängen. Schließlich versuchten sie über den Anspruch auf das Jagdrecht die volle Forsthoheit zu erlangen.

In mehreren Kapiteln beschreibt Seebach, wie der Geraidewald genutzt wurde. Er sah damals anders aus als heute. Er war offener, artenreicher, stellte sich überwiegend als Laubwald dar und wurde vor allem genutzt als Waldweide für Gänse und Rinder, zur Schweinemast im Herbst, zum Sammeln von Waldfrüchten, zur Brennholzversorgung. Da es im Wald an Stroh fehlte, halfen sich die Waldbauern mit „Streuseln“ aus. Das war ein Gemenge aus Laub, niederen dürren Sträuchern, Moos, Heidekraut und Ginster. Die Streu verteilte man auf dem Stallboden. Der entstandene Mist kam als Dünger auf die Äcker.

Indem der Waldbauer von Ackerbau und Viehzucht abhängig war, hielt er auch das ihm gewohnte Recht, Streusel sammeln zu dürfen, für unverzichtbar. Doch die bayerische Regierung verbot das Streusel- und Holzsammeln.

Folgt man den Ausführungen Seebachs, so stürzte dieses Verbot die Waldbauern in bittere Armut bis hin zur Verelendung.
Denn noch vor Mitte des 19. Jahrhunderts hatten sich die waldbaulichen Pläne der bayerischen Forstverwaltung grundsätzlich geändert. Der bisher sich selbst überlassen gewesene Wald wurde in einen wirtschaftlich planbaren und systematisch geordneten Forst verwandelt.

Nicht mehr lediglich Brennholz sollte der Wald liefern, sondern im Wesentlichen höherwertiges Bau- und Nutzholz. Die damals entstandenen Monokulturen von Fichtenwäldern gehören heute noch zu den Baumbeständen und werden erst in jüngster Zeit in ökologisch sinnvollere Mischkulturen zurückverwandelt.

1823 wurden die Haingeraiden aufgelöst. Dann spätestens brach über die Waldbevölkerung die Existenznot aus. Nicht nur Streu- und Holzlese waren verboten. Auch Laub durfte nicht geholt, kein Gras gerupft oder geschnitten werden; der Wald sollte der nötig gewordenen Biomasse nicht beraubt werden.

Wer dagegen verstieß, dem drohten Geldstrafen oder gar Gefängnis, selbst Kindern. Dennoch wuchs der sogenannte Forstfrevel seit 1830 zur Alltäglichkeit an. Die Forstbehörden waren hilflos.

Ihre unerbittliche Einstellung der Bevölkerung gegenüber änderten sie trotzdem nicht. Hingegen wurde erwogen, notorische Forstfrevler zur Auswanderung nach Amerika zu zwingen. Viele ihrer Lebensgrundlage beraubten Waldbauern wanderten auch aus freien Stücken aus. Seebach erwähnt 18 Familien aus Gräfenhausen, die schon 1816 ein Gesuch zur Auswanderung gestellt hatten, weil sie wegen der strikten Vorschriften kein Vieh mehr halten konnten.

Seebach hält es daher nicht für verwunderlich, dass von den Demonstranten 1832 auf dem Hambacher Fest das existenzielle Recht eingefordert wurde, zum Kochen und Heizen herumliegendes Holz sammeln zu dürfen.

Die revolutionären Ereignisse von 1832 und 1848 hätten dennoch keine nennenswerte Verbesserung der prekären Lebensverhältnisse für die Menschen im Pfälzerwald gebracht. 1852 habe die Gemeinde Schopp ihren gesamten großen Waldbesitz verkaufen wollen, um geschlossen auswandern zu können.

Lesezeichen:

Helmut Seebach: Der Pfälzerwald, Lebensraum und Lebensgrundlage vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert. Beitrag zur Revolutions- und Kulturgeschichte eines Naturraums; Bachstelz-Verlag, 270 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 30 Euro. |ppo

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