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Aus der Not eine Tugend gemacht: Rheinzaberner Umzug wird nachgeholt – Ortsbürgermeister Beil von Narren entmachtet

9. Februar 2016 | Kategorie: Kreis Germersheim
Hofmarschall Christian Lauer führt Ihr Tollitäten durch ein Spalier ins Rathaus. Fotos: Beil

Hofmarschall Christian Lauer führt Ihr Tollitäten durch ein Spalier ins Rathaus.
Fotos: Beil

Rheinzabern –  Der Fasenachtsdienstag im Römerdorf fand zumeist im Saale statt, denn Petrus meinte es mit den Narren nicht allzu gut.

Als gegen 10 Uhr die Unwetterwarnung der Polizei eintraf, musste man sich innerhalb weniger Minuten entscheiden. Das Herz sagte Ja, doch der Verstand blieb beim Nein zu einem Umzug, weil die Nachteile überwogen.

Umzugsorganisator Jürgen Müller gelang es, rechtzeitig die über 45 angemeldeten Gruppen mit mehr als 1.000 Teilnehmern zu verständigen. Am 13. Februar soll der Umzug aber nachgeholt werden.

Routinemäßig hatte derweil der närrische Tross mit dem Prinzenpaar an der Spitze die beiden Kindergärten gestürmt, ehe das Rathaus kapitulierte.

Ortsbürgermeister Gerhard Beil begrüßte mit einem Gedicht die Narrenschar und bat um Milde. Seine Absetzung war aber nicht zu verhindern.

In seinem Gedicht würdigte der Ortschef das Ehepaar Helene und Konrad Gehrlein und dankte beiden mit Blumen, Zibärtel und einem Gutschein.

Das Ehepaar Helene und Konrad Gehrlein mit dem Prinzenpaar und Ortsbürgermeister Beil.

Das Ehepaar Helene und Konrad Gehrlein mit dem Prinzenpaar und Ortsbürgermeister Beil (li.).

Über zwanzig Jahre lang war die Narrenschar auf ihrem Eroberungszug durchs Dorf bei Familie Gehrlein zu Gast, wo man fürstlich mit Fasneachtsküchle, Spargelsuppe und Kurzen bewirtet wurde. Beil drückte diese großartige Geste in Reimform aus:

„In mehr als deren zwei Jahrzehnten
Mit Tankstell, Wärmstubb‘ sie verwöhnten
Den Narrentross, wenn in den Gassen
Die Kondition hatt‘ nachgelassen.

Wenn schleppte sich das Komitee
Durchs Mühlgässel bei Eis und Schnee,
Die Hofkapell‘ – es ging kaum noch –
Schon blies auf ihrem letzen Loch,

Kam ne Oase – wupp, wupp, wupp –
Mit Fasnachtskiechle, Sparchelsupp,
E Schnäpsel, ‘s konnt ach mäner sei:
So viel wie in de Kopp ging nei.

Wie in der Wüste kam des Schäne.
Beim Konn un seiner Frau Helene
Ein Märchen spielt‘ – ich war nie da:
Gehrleins Hof – Fatamorgana.

Heut‘ sind sie uns‘re Gäste hier,
Damit wir danken ihm und ihr.
Für Engagement und Lebensfreude.
Was seid Ihr bloß für nette Leute!

Denkt positiv, macht stets uns Fräd
Und bringt uns Lebensqualität.
Mit Blumen, Zibärtel und Bon
Sag ich Dank, Helen‘ und Konn.“

Tosender Beifall und ein „Hoch soll’n sie leben!“ des MV Lyra war zusätzlicher Dank.

Erst danach huldigte der abgesetzte Ortsbürgermeister dem Prinzenpaar, dem er mit Blumen und Literatur dankte, ehe es zum Ehrenwalzer in den ehrwürdigen Mauern des Rathauses kam, wo sich das Gefolge despektierlich breitmachte und die närrische Monarchie feierte.

Ehrenwalzer für das Prinzenpaar Moritz I. und Sophie I..

Ehrenwalzer für das Prinzenpaar Moritz I. und Sophie I..

Zur Demütigung des Ortsoberhaupts musste dieser sogar noch seine eigene Absetzung in einer Proklamation verkünden. Dazu heizte der Musikverein Lyra mit Pauken und Trompeten ein. Einen Trost-Ramazzotti aus dem Reagenzglas gab es danach bei Apotheker Lothar Wissel.

Trotz des ausgefallenen Umzugs mussten die Rheinzaberner nicht Trübsal blasen, sondern machten aus der Not eine Tugend.

Am Nachmittag wurde kurzentschlossen eine Discoparty auf die Beine gestellt, wo es ordentlich rund ging. Lediglich eine Gruppe von 70 Personen aus Lützenhardt im Schwarzwald war nicht mehr zu erreichen.

Ihre beschwerliche Anreise erwies sich jedoch nicht als „Metzelgang“, denn es wurden neue Freundschaften geknüpft. Augenzwinkernd meinte der Ortsbürgermeister, dass die Lützenhardter wohl schuld seien an der Wetterkalamität.

In Lützenhardt erinnert man sich des Räuberhauptmanns Hannikel, der einst auch in der Pfalz sein Unwesen trieb. Auf dem Schaffott hatte dieser Hannikel noch einen letzten Wunsch äußern dürfen: Bei allen Festen sollte es regnen.

Die Rheinzaberner Verantwortlichen indes treffen sich am Mittwoch um 18.30 Uhr in der Festhalle zu einer Organisationsbesprechung. Man will den Schwung des Tages mitnehmen bis zum Wochenende, um kommenden Samstagnachmittag den „Zuch“ starten zu lassen.

Mehr demnächst bei Pfalz-Express.

Früh übt sich: Gardennachwuchs in Wartestellung.

Früh übt sich: Gardennachwuchs in Wartestellung.

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Ein Kommentar auf "Aus der Not eine Tugend gemacht: Rheinzaberner Umzug wird nachgeholt – Ortsbürgermeister Beil von Narren entmachtet"

  1. Anna Müller sagt:

    Am Aschermittwoch ist Fasching / Karneval vorbei. Das ganze nachzuholen finde ich persönlich Quatsch.
    Was machen die Verantwortlichen wenns am Samstag auch regnen und stürmen soll?