Samstag 12.September 2026

Kommandeur Christian Zerau im Interview: Der Allrounder, der die Südpfalz-Kaserne fit für die Zukunft macht

23. September 2025 | Kategorie: Kreis Germersheim, Kreis Südliche Weinstraße, Landau, Regional

Soldat und Organisations-Talent: Oberstleutnant Christian Zerau, Kommandeur des Luftwaffenausbildungsbataillons.
Foto: Pfalz-Express / Licht

Germersheim / Roth – Die Bundeswehr steht vor einem umfassenden Umbau. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hatte angekündigt, die Truppenstärke deutlich zu erhöhen, um den neuen NATO-Verteidigungszielen gerecht zu werden.

Konkret sollen künftig rund 460.000 Soldatinnen und Soldaten zur Verfügung stehen – das umfasst 203.000 aktive Kräfte, die bisherigen 60.000 Reservisten sowie zusätzlich 200.000 neue Reservisten, die nun nötig werden. Militärplaner gehen davon aus, dass die Obergrenze von 460.000 erhalten bleibt, aber künftig mehr aktive Soldaten und möglicherweise weniger Reservisten vorgesehen werden.

Im Juli 2025 besuchte Bundesverteidigungsminister Pistorius die Südpfalz-Kaserne in Germersheim und sicherte dem Standort Investitionen in Höhe von rund 100 Millionen Euro zu. Diese Mittel sollen die Infrastruktur modernisieren, neue Ausbildungsinhalte integrieren und den Standort als attraktiven Arbeitgeber positionieren.

Im Interview erläutert Oberstleutnant Christian Zerau, Kommandeur des Luftwaffenausbildungsbataillons in Germersheim und Roth, wie diese Veränderungen die Ausbildung und den Alltag der Soldaten beeinflussen könnten.

PEX: Herr Oberstleutnant, mit wie viel Zuwachs rechnen Sie in den nächsten Monaten und wie und wo werden die neuen Soldaten untergebracht?

Zerau: Wir wissen, dass Zuwachs kommt, und planen unsere Trainingsplätze entsprechend. Letztes Jahr hatten wir 2.300 Soldaten, 2026 werden es voraussichtlich etwa 3.200 sein, also eine Steigerung von rund 1.000 innerhalb von zwei Jahren. Um den Mehrbedarf an Grundausbildung zu ermöglichen, müssen die Trainingsplätze für die einsatzvorbereitende Ausbildung zwar teilweise reduziert werden, aber das ist derzeit gut machbar.

PEX: Reichen Personal und Ressourcen, auch für weitere Kompanien?

Zerau: Materielle Ressourcen sind tatsächlich kein Problem. Klar, die Einkleidung und Verpflegung müssen natürlich funktionieren. Das Personal ist jedoch tatsächlich etwas begrenzt. Lösungsmöglichkeiten: Die Ausbildungsgruppen werden größer, und vielleicht müssen wir auch verstärkt Hilfsausbilder einsetzen. Auch die Belastung für das Ausbildungspersonal wird spürbar steigen, aber das ist allen bewusst. Gleichzeitig eröffnen sich dadurch auch neue Möglichkeiten, zum Beispiel für Berufssoldaten. Also, es bedeutet nicht nur mehr Arbeit, sondern auch mehr Chancen.

Bis 2030 sollen insgesamt sieben weitere Kompanien aufgestellt werden, allerdings nicht in Germersheim; hier ist die Infrastruktur der limitierende Faktor. Geplant sind unter anderem eine dritte Ausbildungskompanie in Roth sowie Einheiten in Untermaitingen, Fürstenfeldbruck, Kaufbeuren und Diepholz.

PEX: Wie wirkt sich die erweiterte Grundausbildung mit zusätzlichen Modulen, zum Beispiel Gefechtsschießen, Brandschutz oder ABC, auf das Stammpersonal aus? 

Zerau: Seit Anfang des Jahres sind neue Inhalte dazugekommen, mit Schwerpunkt auf Landes- und Bündnisverteidigung. Der Fokus liegt also klar auf der praktischen Ausbildung. Einige andere Inhalte werden daher online vermittelt oder als Hausaufgaben bearbeitet. Wir müssen einfach digitaler werden.

Die Rekruten müssen zudem mehr Eigenverantwortung übernehmen als früher. Nur so funktioniert alles in dem vorgegebenen Zeitraum. Überstunden der Rekruten werden in die Stammverbände übernommen und dort abgegolten.

PEX: Wie erleben Sie die Motivation und Einstellung der jungen Soldatinnen und Soldaten in der Grundausbildung?

Zerau: Man merkt die Dynamik, nicht nur hier im Verband. Die Ernsthaftigkeit ist deutlich spürbar, weil die Rekruten wissen, wie wichtig es ist, vorbereitet zu sein. Die meisten kommen aus Überzeugung zu uns, und Abbrecher gibt es hier vergleichsweise wenige. Wir sind ein gutes Team, alle zusammen. Hier in Germersheim arbeiten wir viel mit Menschen, Materialprobleme gibt es aktuell nicht. Die Einstiegsvoraussetzungen sind mittlerweile sehr gut, die Ausrüstung ist top. In den letzten zehn Jahren hat sich hier schon viel getan, da können wir uns wirklich nicht mehr beschweren.

Infrastruktur und Ausstattung

PEX: Wie ist der Stand der Modernisierung in der Südpfalz-Kaserne – und wo hakt es aktuell am meisten?

Zerau: Zwei Gebäude wurden bereits abgerissen und komplett neu aufgebaut. Wir haben mehrere Sanierungsabschnitte definiert. Die Arbeiten sind teilweise wirklich aufwendig: Es geht nicht nur um Wohn- und Unterrichtsgebäude, sondern auch um Versorgungsanlagen wie Strom, Wasser und Gas, die komplett modernisiert werden müssen. Wir gehen da Schritt für Schritt vor, damit der laufende Betrieb möglichst wenig beeinträchtigt wird.

Die Infrastruktur ist nach wie vor ein limitierender Faktor, der Modernisierungsbedarf zieht sich schon viele Jahre hin. Verteidigungsminister Pistorius hat rund 100 Millionen Euro für die Liegenschaft zugesagt, was natürlich ein riesiger Schritt ist. Am Ende sind die Landesbauämter für die Umsetzung zuständig, und die haben ja auch ihre eigenen Herausforderungen.

Bauen ist nach wie vor Ländersache, daher haben wir als Bundeswehr nur begrenzten Einfluss auf die Abläufe. Trotzdem müssen wir eng dranbleiben, damit alles vorankommt. Momentan stehen wir bei den großen Infrastrukturprojekten auf Platz drei – immerhin Platz drei, aber eben auch „nur“ Platz drei. Zum Vergleich: Auch am Fliegerhorst Büchel laufen riesige, langwierige Projekte, die zeigen, wie komplex solche Vorhaben sind.

Immerhin ist der Umzug ins Sanitätsversorgungszentrum so gut wie abgeschlossen, das war wirklich eine längere Geschichte.

Es gibt aber Hoffnung: Die Baugesetze sollen geändert werden, sodass künftig auch der Bund selbst bauen darf – mit Generalunternehmern. Das wäre eine echte Stellschraube, um Projekte schneller umzusetzen. Aktuell zieht sich alles eben noch, wenn man nicht permanent dranbleibt.

PEX: Welche spürbaren Verbesserungen bringt das „Zeitenwende“-Gesetz für Ihr Bataillon konkret?

Zerau: Das Gesetz stellt Mittel aus dem Sondervermögen bereit, die unter anderem in neue Gebäude, Modernisierung der Infrastruktur und Trainingsmöglichkeiten fließen. Für uns bedeutet das, dass wir langfristig viel bessere Rahmenbedingungen für Ausbildung und Einsatzvorbereitung bekommen.

Aktuelle sicherheitspolitische Lage

PEX: Drohnen über Polen, russische Manöver in Belarus – ist Ihr Bataillon in solche Szenarien oder deren Nachbereitung in irgendeiner Form involviert?

Zerau: Nein, direkt involviert sind wir da nicht. Aber das Thema Drohnen spielt natürlich auch bei uns in der Ausbildung eine Rolle. Das ist schon in der Grundausbildung mit drin – zum Beispiel Gefährdungspotential, Erlernen von Schutz- und Gegenmaßnahmen und das Üben entsprechender Abläufe.

Leistungsfähigkeit der Bundeswehr

PEX: In den Medien heißt es oft, die Bundeswehr könne diese und jene Aufgaben nicht leisten. Wie stehen Sie zu dieser Kritik?

Zerau: Naja, einfach mal eine Brigade nach Litauen zu schicken, geht natürlich nicht mit einem Fingerschnippen. Das sind enorme logistische und personelle Herausforderungen.

Russland produziert aktuell sehr viel Kriegsmaterial, aber ein großer Teil davon landet in Depots und wird gar nicht direkt in der Ukraine eingesetzt. Deshalb müssen wir uns auf alles vorbereiten, auch wenn der Ernstfall hoffentlich nie eintritt. Wenn die NATO irgendwo noch Lücken hat, werden diese konsequent geschlossen. Insgesamt ist die NATO gut aufgestellt.

Gleichzeitig unterstützt das Zeitenwende-Gesetz den Aufwuchs: Finanzielle Anreize, Unterstützung für Familien, bessere Rückkehrmöglichkeiten innerhalb Deutschlands nach einer Auslandsverwendung, zum Beispiel Trennungsgeld oder Mietzuschüsse.

Insgesamt merkt man deutlich, dass sich Dinge spürbar positiv entwickeln und damit können wir uns auch mal stolz hinstellen und sagen: Ja, wir kriegen das hin.

PEX: Gibt es bürokratische oder gesetzliche Hürden, die Sie stören?

Zerau: Ja, ein Punkt, der uns teilweise das Leben schwer gemacht hat, war die Soldateneinstellungsüberprüfung. Dafür brauchen wir die Genehmigung vom Militärischen Abschirmdienst (MAD). Wenn das Ergebnis zu lange dauert, darf die Ausbildung nicht fortgesetzt werden und man muss man leider nochmal von vorne anfangen. Und das kann sich ziemlich in die Länge ziehen.

Es gibt aber schon gesetzliche Anpassungen, die das Verfahren künftig deutlich beschleunigen sollen. Wenn sich hinterher herausstellt, dass mal ein Soldat doch nicht für sicherheitsrelevante Aufgaben geeignet ist, wird er konsequent entlassen. Eine Armee muss solche Fälle aushalten können. Insgesamt könnten die Verfahren dadurch aber schneller abgeschlossen werden.

Persönliche Perspektive als Kommandeur

PEX: Wie erleben Sie persönlich Ihre Tätigkeit als Kommandeur?

Zerau: Ehrlich gesagt, ich finde das großartig, was wir hier machen. Es ist ein superspannender Job und eine ehrenvolle Aufgabe, gerade in dieser besonderen Zeit. Ich bin dankbar, dass ich das machen darf. Es fällt mir relativ leicht, die Leute mitzunehmen, weil alle spüren, dass der Stellenwert der Grundausbildung ein anderer ist. Die Arbeit macht richtig Spaß. Ich hoffe natürlich, dass ich mit meinen Ideen niemanden überfahre.

Flexibilität ist aber absolut entscheidend. Wir müssen beweglich bleiben, auch was den Aufwuchs betrifft, das ist alternativlos. Wir sind quasi Servicedienstleister für die Luftwaffe und machen das, was von uns erwartet wird. Dinge ändern sich hier sehr schnell, deshalb müssen wir vieles bedenken: von der Küche über Material bis hin zum Bekleidungsmanagement der Bundeswehr, das rechtzeitig über den Bedarf informiert werden muss, damit genügend Ausrüstung für die neuen Soldaten bereitsteht.

Auf jeden Fall ist es toll zu sehen, wie wir hier in der Region von den Menschen wertgeschätzt werden. Wir fühlen uns integriert und unterstützt. Ich hoffe, dass die Bevölkerung Verständnis und Toleranz hat, wenn es mal mehr Schießbetrieb oder Übungen gibt, und dass die Menschen vor Ort das nachvollziehen können. 

PEX: Vielen Dank für das Gespräch! 

Das Interview führte Claudia Licht

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