Dienstag, 04. August 2020

Die Südpfalzwerkstatt feierte 40. Geburtstag: Lebenshilfe-Vorsitzender Georg Rothöhler: „Diesen Traum hätte man nicht zu träumen gewagt“

18. Juli 2015 | noch keine Kommentare | Kategorie: Allgemein, Kreis Südliche Weinstraße, Regional

Landrätin Riedmaier sagte einmal über Georg Rothöhler (rechts): „Er ist ein Kämpfer für die Sache“.
Foto: red

SÜW. Vor ein paar Tagen feierte die Südpfalzwerkstatt ihren 40. Geburtstag mit einer Feier und einem Tag mit einem bunten Programm und vielen Angeboten für die Besucher. Auch Georg Rothöhler, 1. Vorsitzender des Vereins Lebenshilfe Landau-SÜW, erinnerte sich beim Festakt gerne als Zeitzeuge an die Anfänge der Lebenshilfe vor 50 Jahren und die Gründung der Südpfalzwerkstatt zehn Jahre später.

Im Pfalz-Express-Interview (PEX) wird er noch einmal konkreter.

Georg Rothöhler bei der Begrüßung der zahlreich erschienenen Gäste zum 40-jährigen Bestehen der Südpfalzwerkstatt.
Foto: Pfalz-Express/Ahme

PEX: Landrätin Riedmaier hat Sie einmal „Kämpfer in der Sache“ genannt. Was war denn Ihr größter Kampf?

GR: Vieles, was in den letzten 40 Jahren entstand , war neu und alles musste neu erkämpft werden. Die größte Herausforderung war sicher die Gründung der Südpfalzwerkstatt- GmbH  :  es mussten drei Kommunen und  zwei Lebenshilfevereine zusammengebracht  werden und es waren viele Vorbehalte und auch viel  Misstrauen zu überwinden. Gott sei Dank waren fast alle Kämpfe schließlich erfolgreich.
PEX: Die Lebenshilfe wurde vor 50 Jahren gegründet. Sie sind nun 1.Vorsitzender. Erzählen Sie uns von damals und Ihrer familiären Situation?

GR: Der Verein wurde vor 50 Jahren gegründet. Vor 42  Jahren, Mitte November 1973, bin ich zur LH gekommen und am 23.November 1973 zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt worden, im Jahr  1986 zum Vorsitzenden. Ich war in dieser Zeit Dezernent des Landkreises SÜW  für Jugend, Soziales und Gesundheit sowie  das Bauwesen; ich  bin verheiratet und  habe drei Kinder, die damals noch zur Schule gingen. Meine ehrenamtliche Tätigkeit hat mich sehr viel Zeit gekostet, vor allem an den Abenden und am Wochenende und meine Familie musste oft auf mich verzichten.  In den ersten Jahren waren auch Vorbehalte in der Bevölkerung zu erkennen, wenn es z.B. um den Bau von Wohnheimplätzen in der Nachbarschaft ging . Oft war eine gewisse Angst erkennbar, die dann  abnahm, wenn erste Kontakte auch mit behinderten Menschen entstanden.

PEX: Die Lebenshilfe unterteilt sich ja in Konrad Lerch-Wohnheim GmbH, Förderkindergarten Südpfalz, Südpfalzwerkstatt, Offene Hilfen und Integrationsunternehmen (Cap-Markt und Hotel Kurpfalz). Hätten Sie gedacht damals, dass die Lebenshilfe solche Dimensionen annehmen würde?

GR: Niemand hat sich zu Anfang vorstellen können , dass ein relativ kleiner und auch unbedeutender Verein, eine Selbsthilfe-Gemeinschaft, solche Bedeutung bekommen könnte . Es ist wie ein Traum, den man damals gar nicht zu träumen gewagt hat.

Dokumentation über 40 Jahre Südpfalzwerkstatt.
Foto: Pfalz-Express/Ahme

PEX: Haben Sie denn alle Bereiche abgedeckt?

GR: Die LH deckt nicht alle inhaltlichen Bereiche für  geistig behinderte Mitbürger ab.
In Absprache mit den öffentliche Kostenträgern  und anderen Anbietern wird das Angebot an Tagesförderplätzen für Mehrfachschwerstbehinderte  und  auch die Frühförderung von andern freigemeinnützigen Trägern aus der Region vorgehalten.

Aber , was das   regionale Angebot angeht, gibt es doch  noch etwas zu tun. Es ist uns leider trotz hohem personellen und  finanziellen Einsatz nicht gelungen , unser Projekt in Edenkoben , also im Nordteil des Landkreises durchzuführen und  einen integrativen Kindergarten zu eröffnen, so dass dieses Angebot, das gerade für kleinere Kinder so außerordentlich wichtig ist, nicht zum Tragen kam, und die behinderten  Kinder dort  weite Fahrtstrecken in Kauf nehmen müssen.

PEX: Wie haben sich denn die Bedürfnisse in der Lebenshilfe gewandelt seit damals?

GR: Während früher weitgehend institutionelle Hilfe gefordert war, stehen heute die  erforderlichen  Einrichtungen weitgehend zur Verfügung. Heute liegt ein Schwerpunkt auf den ambulanten Angeboten, insbesondere bei der Hilfe zur weitgehenden Integration und auch Inklusion in den Bereichen  Kindergarten, Schule und Arbeit.

PEX: Sie führten ja bei der Geburtstagsfeier ein leidenschaftliches Plädoyer für die Arbeitsbedingungen in der Südpfalzwerkstatt. Wie weit kann denn Inklusion in allgemeiner Schule und  „normalem“ Arbeitsplatz gehen?

GR: Die Inklusion  ist für uns  ein oberstes Ziel.  Wir haben  über 50 Integrationshelfer beschäftigt, die behinderte Kinder in Kindergärten,  Schulen , auch weiterführende Schulen  begleiten.

Wir haben zwei große integrative Kindergärten, wir haben ein eigenes Integrationsmanagement in der Werkstatt, das behinderte Menschen  auf den freien Arbeitsmarkt begleitet und wir haben zwei Integrationsbetriebe, in denen behindere und nicht behinderte Menschen zusammen  gleichberechtigt arbeiten. D.h. wir wollen jedem behinderten Menschen das für ihn  größtmögliche Maß an Inklusion anbieten und ermöglichen.
So wie aber im Bildungsbereich der  jeweilige Schulweg auch eines nicht behinderten Menschen  von den ganz individuellen Fähigkeiten  abhängt, so ist gerade auch im Arbeitsbereich die Möglichkeit der Beschäftigung auf dem freien Arbeitsmarkt auch von den individuellen und ganz persönlichen Fähigkeiten eines behinderten Menschen abhängig.

Unsere über 850 behinderten Mitarbeiter leisten im Rahmen ihrer jeweiligen persönlichen Fähigkeiten hervorragende Arbeit, sie sind für ihre Leistungen anerkannt und wissen dies auch. Sie haben bei uns ihren Lebensmittelpunkt und ihre Freunde. Ihre Arbeit ist nicht nur Beschäftigung, sie hat einen wirtschaftlichen Effekt und somit einen Sinn.  Das ist für das  Selbstwertgefühl außerordentlich wichtig.

Auf dem freien Arbeitsmarkt werden die meisten unserer behinderten Mitarbeiter dies nicht erreichen. Wir wissen dies, weil wir mit großer personeller Unterstützung  immer wieder neue Versuche der Eingliederung  mit einzelnen Mitarbeitern machen und leider  erfahren, dass dies  nur in einigen wenigen Fällen gelingt. Jeder Versuch ist für den Betroffenen eine große Herausforderung,  und es ist schmerzhaft, wenn er fehlschlägt.

Leider wird immer wieder der Eindruck erweckt, als sei jeder behinderte Mitarbeiter in einer Werkstatt für Behinderte  integrierbar in eine private oder öffentliche Firma oder Einrichtung. Dies ist sicher für Körperbehinderte weitgehend möglich und ein  dort wichtiges Ziel der Inklusion. Für die bei uns arbeitenden Mitarbeiter ist dies oft nicht möglich. Für sie ist die Werkstatt in der heutigen Form der beste  Weg einer gemeinsamen Inklusion in die Arbeitswelt,  einer Arbeitswelt, in der  sie gemeinsam anerkannt sind und in der  sie gemeinsam etwas leisten und sich auch dabei zuhause  fühlen.

PEX: Wie wichtig ist eigentlich der Sport für die „Lebenshilfler“?  Mit den Judokas haben Sie ja bei den Special Olympics einige Eisen im Feuer, oder?

GR: Im Rahmen des arbeitsbegleitenden Dienstes  hat neben vielen andern Angeboten, der Sport eine große Bedeutung.Wir haben Gruppen, die Schwimmsport betreiben, Tischtennis spielen,  Rad fahren, Tanzsport ausüben. Wir haben  eine hervorragende Fußballmannschaft, und wir sind stolz auf unsere Judoka.  Der Sport ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeit in der Werkstatt.

PEX: Wie kann die Politik verstärkt Unterstützung bieten?

GR: Wir haben einen großen Rückhalt und großes Verständnis  bei unseren regionalen Politikern.
Ich würde mir wünschen, dass  dies auch in anderen Regionen so wäre,  und ich wünsche mir, dass  mehr noch als bisher die Mitbürger die Gelegenheit nehmen, z.B. an Tagen der offenen Tür sich einmal selbst zu überzeugen, was unsere Mitarbeiter in der Werkstatt leisten und wie wohl sie sich bei ihrer Arbeit  fühlen. (desa)

Ein Bild von 1973 , in der alten Sonderschule G in Offenbach. Heute ist hier das Büro der Geschäftsleitung untergebracht.
Foto: red

Gäste beim Festakt zum 40jährigen Bestehen der Südpfalzwerkstatt.
Foto: Pfalz-Express/Ahme

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