Wochenend-Seminar der Naturfreunde Rheinland-Pfalz: Thema „Fluch und/oder Segen der Digitalisierung“

13. bis 15. März im Naturfreundehaus Hochstadt

23. Februar 2020 | noch keine Kommentare | Kategorie: Computer & Internet, Kreis Südliche Weinstraße

Das Naturfreundehaus in Hochstadt.
Foto: red

Hochstadt. Von  Freitag, 13. März 2020, bis Sonntag, 15. März 2020 findet ein Wochenend-Seminar des Landesverbands Naturfreunde Rheinland-Pfalz im Naturfreundehaus Hochstadt statt.

Die Seminarleitung hat Dr. Doris A. Zimmermann, Sozialwissenschaftlerin und Historikerin, Bad Staffelstein-Stublang inne. Infos zur Anmeldung findet man hier.

Ihr Thema heißt Fluch und/oder Segen der Digitalisierung

Sie beschreibt die Ausgangssituation folgendermaßen: „Die Globalisierung hat eine neue Dimension erreicht: Menschen, Staaten und Organisa­tio­nen sind in einem beispiellosen Ausmaß durch digitale Netzwerke miteinander ver­bun­den und voneinander abhängig, und damit hochgradig verwundbar. Ein Blick auf das heutige Weltsystem zeigt zugleich: immer mehr Krisen, Kriege und Flüchtlinge, explodierende Ungleichheit, Zerstörung von Natur und Umwelt sowie der Demokratie und des Sozialstaates – Ergebnis der neoliberalen Revolution mit Digi­talisierung und Finanzkapitalismus als treibende Kräfte der globalen Entwicklung.

Statt die drängenden Menschheitsprobleme zu lösen und Frieden zu schaffen, werden technische Revolutionen wie „Digitalisierung“, „Künstliche Intelligenz“, „Big Data“, „In­dus­­trie 4.0“, autonomes Fahren oder „smarte“ Apparate und Konzepte vor allem von IT-Giganten aus dem Silicon Valley (USA), Wirtschaftsverbänden und der Politik geprie­sen.

Und dies, obwohl seit einigen Jahren renommierte Persönlichkeiten aus Wissen­schaft, Kultur, Wirtschaft und Politik auf die Gefahren des „Technologischen Totalitaris­mus“ (Frank Schirrmacher) hinweisen. Damit verbunden ist die „unheilvollste Allianz“ (Harald Welzer) aus privaten IT-Konzernen und staatlichen Institutionen einschließlich der Geheimdienste, deren gemeinsames Ziel die Totalüberwachung von Personen, Grup­­pen und der Gesellschaft insgesamt ist.

Dies bedeutet eine historisch einmalige Zusammenballung von Macht, ohne jede demokratische Legitimation und Kontrolle. Hinzu kommen neue Gefahren etwa durch die Militarisierung des Cyberspace und digi­tale Hochrüstung, Cyberkriege und Cyber-Kriminalität. Die Politik, so Jakob Augstein 2017, habe vor den „digitalen Massenvernichtungswaffen“ kapituliert. Etliche internatio­nale Expert/-innen verweisen auf die Entwicklung hin zur „programmierten Gesell­schaft“, zur „metrischen Lebensführung“ oder gar zum (digitalen) Neufeudalismus.

In der Tat, der einstige emanzipatorische Traum vom Netz ist ausgeträumt. Unter den gegenwärtigen Bedingungen wird die Digitalisierung die globalen Menschheitsprobleme eher verstärken denn zu ihrer Lösung beitragen. Einer der Gründe dafür liegt in der viel­fach zitierten „Kalifornischen Ideologie“ im Silicon Valley, die einem reduktionistischen Menschenbild und einem technologischen Determinismus huldigt – verquirlt mit einer Hybris aus Weltenrettertum und Transhumanismus.

Dies führt zu der Kernfrage: Unter welchen Bedingungen könnte die Digitalisierung zur Bearbeitung der globalen Probleme beitragen? Oder: Welche Digitalisierung wünschen wir als Bürger/-innen, welche nicht? Dazu gibt es weltweit zahlreiche Ideen und Konzepte, die auf alternativen Denkansät­zen beruhen. Es ist an der Zeit, diese ernsthaft zu diskutieren und daraus politische Schluss­folgerungen zu ziehen. Frank Schirrmacher, der 2014 verstorbene Mitheraus­ge­ber der FAZ, hat als einer der Ersten auf die Gefahren des digitalen Totalitarismus hin­gewiesen und dazu aufgefordert, „sich dem Versuch einer Programmierung der Gesell­schaft und des Denkens zu widersetzen“. Höchste Zeit, damit zu beginnen.“

Lernziele

1. die historischen Aspekte der Entstehung von Computer und Internet zu beleuchten,
2. Grundfragen zum sog. technischen Fortschritt und die ihm zugrunde liegenden Menschenbilder zu erörtern und ein kritisches Technikverständnis zu gewinnen,
3. die aktuellen Entwicklungen der Digitalisierung in verschiedenen Dimensionen zu beleuchten sowie deren Treiber und Akteure kennen zu lernen, zu verstehen und kritisch einzuschätzen,
4. mögliche Alternativen zu erörtern und zu diskutieren.

Programm

Freitag, 13. März 2020

18.00 – 19.00 Uhr Begrüßung, Vorstellung, Abendessen

19.00 – 19.15 Uhr Einführung und Überblick zum Seminar
Dr. Doris A. Zimmermann

19.15 – 21.00 Uhr Vortrag mit Diskussion
Ökonomische, technische und politische Dimension der Digitalisierung
– Ökonomische Dimension: „Überwachungskapitalismus“
(Shoshana Zuboff), „Digitaler Kapitalismus“ (Philipp Staab):
extreme Konzentration ökonomischer Macht durch wenige
Leitunternehmen aus dem Silicon Valley, USA; Arbeitswelt:
Stichwort „Industrie 4.0“, “Internet der Dinge”; Share
Economy, Clickworking, Kontrolle und Überwachung etc.
– Technische Dimension: historische Wurzeln der
Digitalisierung, Technikdeterminismus als Ideologie, Tech-
Religion des Silicon Valley, Transhumanismus, Künstliche
Intelligenz, Vermachtung des Internets, Cloud Computing,
alles wird „smart“, oder? Cyborgs, Androiden, Biometrie etc.
– Politische Dimension: „Unheilige Allianz“ von
IT-Konzernen und Staat, Begründungen, Programme;
Abkehr vom verfassungsrechtlichen Trennungsgebot von
Polizei, Geheimdiensten und Militär: „Cyber-Agentur“ etc.
geopolitische Dimension und Strategien der EU,
Militarisierung etc.

Referentin: Dr. Doris A. Zimmermann

Samstag, 14. März 2020

9.00 – 12.30 Uhr Interaktives Gespräch
Soziale, ökologische und militärische Dimension der
Digitalisierung
– Soziale Dimension: Bedrohung der Demokratie – „smarte
Diktatur“ (Harald Welzer), Zunahme sozialer Ungleichheit, vermessene und verdatete Welt, metrische Lebensführung,
Atomisierung der Gesellschaft, Zerfall des öffentlichen
Diskursraumes, Online-Sucht, Gesundheitsschäden etc.
– Ökologische Dimension: steigender Ressourcen- und
Energieverbrauch, „ökonomisch-ökologische Doppelkrise“
(Klaus Dörre), Elektronikschrott etc.
– Militärische Dimension: IT-Giganten als Akteure im
Rüstungssektor, Militarisierung des Cyberspace, Cyber-
War – digitale Kriegsführung, Cyber-Crime und Predictive
Policing (Vorhersage von Verbrechen) etc.

Input und Moderation: Dr. Doris A. Zimmermann

12.30 – 13.30 Uhr Mittagessen

13.30 – 15.30 Uhr Arbeitsgruppen – mit Arbeitsmaterialien
– „Bildung 4.0“: Kommerzialisierung und Digitalisierung der
Schulen etc.
– „Soziale Medien“: Facebook Monopol, Fake News,
Desinformations-Kampagnen, Bots, Trollfabriken,
Filterblasen, Hass im Internet, Deep Fakes etc.
– „Kernschmelze der Privatsphäre“ (James Bridle): totale
Überwachung; Sammlung und Verkauf unserer Daten;
personalisierte (Online-)Werbung, Manipulation und
Vorhersage von Verhalten etc.
– „Ich habe nichts zu verbergen“ – eine gefährliche Illusion,
Smartphone, Self-Tracking, „Sprachassistenten“ im „Smart
home“, E-Commerce bei Amazon: Konsumwahn; Folgen für
den Einzelnen und die Gesellschaft insgesamt

Einführung: Dr. Doris A. Zimmermann

15.30 – 16.00 Uhr Kaffeepause

16.00 – 18.00 Uhr Präsentation und Diskussion der Ergebnisse aus den
Arbeitsgruppen

Moderation: Dr. Doris A. Zimmermann

Sonntag, 15. März 2020

9.00 – 12.00 Uhr Kurzvortrag und Diskussion
Alternativen: ökonomisch, politisch, sozial
– Barcelona, Spanien, Beispiel „Smart City“: demokratisch,
lokale Wirtschaft, Open Source, transparente Verwaltung
– „Digitale Suffizienz“: Konzept von Lange/Santarius (2018)
– EU: Digitale Souveränität, Abkopplung von US-Monopolen,
europäische Digitalisierungssysteme, Dezentralisierung und
Demokratisierung der IT-Infrastruktur u. Ä.
– Weitere Vorschläge aus der internationalen Diskussion –
dar. „Magna Charta“ für das Internet (Tim Berners-Lee)

Zentrale Frage: Welche Digitalisierung wollen wir, welche nicht? Oder: Wie wollen wir in Zukunft leben? Was können
wir dazu tun?

Input und Moderation: Dr. Doris A. Zimmermann

12.00 – 12.30 Uhr Abschlussreflexion

12.30 – 13.30 Uhr Mittagessen und anschließend Abreise

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