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Windkraft im Landkreis Bad Dürkheim: Ja, doch nicht im Pfälzer Wald

23. Januar 2014 | Kategorie: Allgemein, Kreis Bad Dürkheim, Regional

 

Der Landkreis Bad Dürkheim steht zur Windkraft, lehnt sie aber im Pfälzer Wald ab.
Foto: Ahme

Bad Dürkheim. Grundsätzlich befürwortet der Landkreis Bad Dürkheim den Vorstoß der Landesregierung, die Energiewende voran zu bringen, und dafür zwei Prozent der Landesfläche für Windkraftanlagen (WKA) zur Verfügung zu stellen.

In diesem Sinne ist es ebenfalls begrüßenswert, dass Verbandsgemeinden und Städte im Kreis ihre Flächennutzungspläne fortschreiben wollen, um darin Vorranggebiete und Ausschlussgebiete für Windkraftanlagen auszuweisen und so einer „Verspargelung“ der Landschaft, also vereinzelt aufgestellten WKA, entgegen zu wirken.

Doch: Diese Vorrangflächen müssen nach Ansicht der Kreisverwaltung Bad Dürkheim außerhalb des Biosphärenreservats Pfälzerwald liegen. Zu dieser Überzeugung kamen die Fachbehörden der Kreisverwaltung. Landrat Hans-Ulrich Ihlenfeld: „Ich stehe inhaltlich voll hinter diesem Schluss. Der Pfälzerwald, insbesondere als Biosphärenreservat betrachtet, ist ein besonders schützenswertes Gebiet, dessen einzigartiger Charakter nicht durch Windkraftanlagen gefährdet werden darf.“

Mehrere Kommunen im Kreis planen momentan eine Änderung ihrer Flächennutzungspläne, um Windkraftanlagen in ihren Gemarkungen bündeln zu können. Die Kreisverwaltung nimmt zu diesen Fällen Stellung. Bei der rechtlichen Betrachtung mehrerer Fälle wurde deutlich: Windkraftanlagen im Pfälzerwald sind aus ihrer  Sicht unzulässig.

Begründung
Im aktuellen Landesentwicklungsplan (LEP IV) weist das Land Rheinland-Pfalz aus, dass zwei Prozent der Landesfläche für Windenergie genutzt werden sollen, um die Energiewende voran zu bringen. Auch zwei Prozent der rheinland-pfälzischen Waldfläche sollen dafür eingesetzt werden.

Die Kreisverwaltung Bad Dürkheim kommt zu dem Schluss, dass diese Waldfläche nicht im Pfälzerwald liegen darf. Dem steht die Landesverordnung über den „Naturpark Pfälzerwald“ als deutscher Teil des Biosphärenreservats Pfälzerwald-Nordvogesen vom 22. Januar 2007 entgegen: Windkraftanlagen sind nicht mit dem hier beschriebenen Schutzzweck des Naturparks vereinbar. Die Kreisverwaltung sieht diese Naturparkverordnung als vorrangige Norm gegenüber dem LEP IV.

Als deutscher Teil des Biosphärenreservats ist der Pfälzerwald besonders schützenswert. Schutzzweck nach § 4 der Landesverordnung über den Naturpark ist u.a. die „Erhaltung der landschaftlichen Eigenart und Schönheit des Pfälzerwaldes mit seinen ausgedehnten, unzerschnittenen, störungsarmen Räumen, Waldgebieten, Bergen, Wiesen und Bachtälern (…), mit seiner Biotop- und Artenvielfalt und seinem naturnahen Charakter sowie seinen Bestandteilen traditioneller Kulturlandschaften.“ Schutzzweck ist weiter „die Erhaltung oder Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes und seines Reichtums an Pflanzen- und Tierarten als wesentliche Voraussetzung hierfür, die Sicherung der Mittelgebirgslandschaft für die Erholung größerer Bevölkerungsteile, für das landschaftliche Naturerleben und einen landschaftsgerechten Fremdenverkehr“.

Der Pfälzerwald ist das größte zusammenhängende Waldgebiet Deutschlands. Es ist gekennzeichnet durch seine nicht durch industrielle Hochbauten überformten Sichtbeziehungen, seine weitgehende Unzerschnittenheit und seine Störungsarmut. Es ist in seiner Form einzigartig. Die Biotop- und Artenvielfalt und der naturnahe Charakter sind für Mensch wie Natur zu erhalten: Im Sinne des Naturschutzes, der Naherholung und des Fremdenverkehrs.

Schon der Bau von wenigen Windkraftanlagen stört Natur und Landschaftsbild, verändert den Charakter des unzerschnittenen Pfälzerwalds erheblich. Die Anerkennung als Biosphärenreservat könnte durch WKA gefährdet sein. Als einzigartiges Rückzugsgebiet für Freizeit, Erholung und Tourismus mit besonderem Stellenwert in der Metropolregion Rhein-Neckar würde er an Bedeutung verlieren.

Die einzigartige Kultur- und Naturlandschaft muss geschützt werden – wie es auch die Landesverordnung für den Naturpark vorsieht. Die Ausweisung von Standorten für Windkraftanlagen läuft diesem Schutzzwecke im gesamten Naturpark Pfälzerwald als deutscher Teil des Biosphärenreservats zuwider.

„Die Fachbehörden der Kreisverwaltung haben sich mit diesem juristisch komplexen Thema intensiv auseinander gesetzt. Sie haben versucht, die Pläne der Gemeinden und des LEP IV mit der Naturparkverordnung des Pfälzerwaldes in Einklang zu bringen. Doch gemeinsam mit meinen Fachbehörden bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Windkraftanlagen im Pfälzerwald nicht mit der Naturparkverordnung vereinbar sind“, so Landrat Ihlenfeld.

Die Haltung von Landrat Ihlenfeld und der Kreisverwaltung wird übereinstimmend gestützt von der Oberen Naturschutzbehörde (SGD Süd), dem bisherigen Träger Naturpark Pfälzerwald e.V. und Naturschutzverbänden. Sie alle vertreten die Auffassung, dass die Ausweisung von Konzentrationszonen für Windenergieanlagen im Naturpark Pfälzerwald als deutscher Teil des Biosphärenreservates Pfälzerwald-Nordvogesen nicht mit dem Schutzzweck nach § 4 der für den Naturpark geltenden Landesverordnung vom 22. Januar 2007 vereinbar sei.

Regionalplan des Verbands Region Rhein-Neckar (VRRN)
Im Zusammenhang mit der allgemeinen Stellungnahme zu Windkraft im Pfälzerwald möchte die Kreisverwaltung Bad Dürkheim außerdem zu den aktuellen Plänen des neuen Regionalplans des Verbands Rhein-Neckar Stellung beziehen.

In den aktuellen Vorschlägen zum neuen Regionalplan, der bis Ende 2014 festgeschrieben werden soll, weist der Verband Ausschluss- und Vorrangflächen für Windkraftanlagen aus. Der Plan orientiert sich an den Vorgaben des LEP IV, der den Haardtrand inklusive einer sechs Kilometer breiten Pufferzone als „Historische Kulturlandschaft“ als besonders schützenswert kennzeichnet und WKA in diesem Korridor ausschließt. Demnach weist der aktuelle Vorschlag des VRRN für den Haardtrand (auch über die Grenzen des Naturparks Pfälzerwald hinaus) Ausschlussflächen aus, was die Kreisverwaltung befürwortet.

Jedoch gibt es auch Gebiete, die bei fachgerechter Betrachtung innerhalb der „Historischen Kulturlandschaft“ liegen, die NICHT als Ausschlussflächen ausgewiesen sind. Dazu zählt unter anderem der Grünstadter Gemeindeberg.

„Es ist für mich nicht nachvollziehbar, warum diese Fläche für Windenergieanlagen freigegeben werden sollte. Auch hier wird die Besonderheit der Kulturlandschaft mit ihren Sichtachsen durch Windkraftanlagen beeinträchtigt“, so Landrat Hans-Ulrich Ihlenfeld. „Als Landkreis plädieren wir daher dafür, dass alle Bereiche, die innerhalb der Historischen Kulturlandschaft liegen, ausnahmslos als Ausschlussgebiete im neuen Regionalplan ausgewiesen werden. Dazu zählen für mich auch Flächen östlich vor Neustadt und Grünstadt, wenn durch Windkraftanlagen die Blickbeziehungen zum Haardtrand gestört werden.“

Was bedeutet Biosphärenreservat?
Der Naturpark Pfälzerwald ist der deutsche Teil des von der UNESCO anerkannten Biosphärenreservats Pfälzerwald-Nordvogesen. Ein Biosphärenreservat ist eine Modellregion für nachhaltige Entwicklung in ökologischer, ökonomischer und sozialer Hinsicht. Für die Weiterentwicklung sorgt das Programm „Der Mensch und die Biosphäre“ (MAB), das weltweit die wichtigsten Ökosysteme untersucht, evaluiert und vernetzt. Es geht dabei nicht vorrangig um Naturschutz im klassischen Sinne, sondern um einen interdisziplinären Ansatz, bei dem vor allem der Mensch als Bestandteil der Biosphäre gesehen wird.
2013 hat das MAB-Nationalkommitee den deutschen Teil des Biosphärenreservats Pfälzerwald-Nordvogesen untersucht.

Es kam zu dem Resultat: Der Pfälzerwald ist eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete Westeuropas. Er weist weitgehend unzerschnittene Naturräume und eine hohe biologische Vielfalt auf – was nur noch selten in Westeuropa zu finden ist. Die Anregung des MAB war daher, den Pfälzerwald noch mehr zu schützen als bisher. Die Entwicklung von Windkraft im Pfälzerwald sieht der MAB mit Sorge. Ihre Empfehlung: im bewaldeten Gebiet komplett auf Windenergieanlagen verzichten.

Was steht im LEP IV?
Mit der Teilfortschreibung „Erneuerbare Energien“ des LEP IV, die am 11. Mai 2013 in Kraft trat, hat das Land Rheinland-Pfalz Rahmenbedingungen für die Windenergienutzung gesetzt:
­ Die Kommunen sollen Klimaschutzkonzepte aufstellen.
­ Zwei Prozent der Landesfläche sollen für die Windenergienutzung bereitgestellt werden, darunter auch zwei Prozent der Fläche des Waldes.
­ Ein geordneter Ausbau der Windenergienutzung soll im Zusammenwirken von Regionalplanung und Bauleitplanung sichergestellt werden.

Als verbindliche Kriterien für die Festlegung von Ausschlussgebieten für die Windenergienutzung in Rheinland-Pfalz wurden festgelegt bestehende und geplante Naturschutzgebiete;  Kern- und Pflegezonen des Biosphärenreservats Naturpark Pfälzerwald; Kernzonen der UNESCO-Welterbegebiete Oberes Mittelrheintal und Obergermanisch-Raetischer Limes;  landesweit bedeutsame historische Kulturlandschaften (Flächen, die bereits im geltenden LEP IV genannt sind, wie z.B. Moseltal, Lahntal, Vulkaneifel rund um die Maare, etc.) und der Haardtrand (Hangkante des Pfälzerwalds) mit einem Korridor von maximal sechs Kilometern nach Westen, wobei die regionalen Planungsgemeinschaften die jeweiligen Gebiete räumlich konkretisieren sollen.

Die Windhöffigkeit ist entscheidend dafür, ob ein Gebiet Vorranggebiet für die Nutzung von Windkraft werden kann. In der Begründung der Rechtsverordnung wird der Begriff dahingehend konkretisiert, dass Standorte dann als windstark gelten, wenn sie eine durchschnittliche Windgeschwindigkeit von 5,8 bis 6,0 m/sek in 100 Meter über dem Grund aufweisen.

Mit der Ausweisung von Vorranggebieten und Konzentrationsflächen soll auch eine Bündelung der Netzinfrastruktur erreicht werden. Einzelanlagen sollen nur dann genehmigt werden, wenn weitere Anlagen in räumlicher Nähe möglich sind.

Aktuelle Pläne von Städten / Verbandsgemeinden

Gegenwärtig sind im Landkreis Bad Dürkheim 12 Windenergieanlagen mit einer Nennleistung von insgesamt 18.700 kW am Netz. Zwei weitere sind genehmigt mit einer Nennleistung von je 3.000 kW.

Folgende Änderungen ihrer Flächennutzungspläne planen Städte und Verbandsgemeinden im Landkreis, um zukünftig Vorrangflächen für WKA auszuweisen:
VG Grünstadt-Land/Stadt Grünstadt
VG Freinsheim
VG Hettenleidelheim
Neu geplante Konzentrationsflächen für Windenergieanlagen im „Naturpark Pfälzerwald“ und damit innerhalb des deutschen Teils des im Jahr 1998 von der UNESCO anerkannten Biosphärenreservats Pfälzerwald/Nordvogesen:
Gemarkung Ebertsheim (Gemeindeberg) (ca. 22 ha)
Gemarkung Bobenheim am Berg, Weisenheim am Berg, Dackenheim, Herxheim am Berg (ca. 83,3 ha)
Gebiet Tiefenthal (ca. 100 ha)

Gemarkung Stadt Grünstadt, Battenberg, Kirchheim, Kleinkarlbach, Neuleiningen
(Im Wald) (ca. 267 ha)
Gemarkung Herxheim am Berg, Kallstadt (ca. 16,7 ha)
Gebiet Wattenheim (Wattenheimer Häuschen) (ca. 51 ha)

Gemarkung Weisenheim am Sand, Kallstadt (ca. 79,5 ha)
Gebiet  Altleiningen/Höningen (Leuchtenberg) (ca. 67 ha)

Gemarkung Freinsheim (ca. 44,6 ha)
Gebiet nördlich Carlsberg (Türkberg) (ca. 33 ha)
Summe: ca. 289 ha
Summe: ca. 224 ha
Summe: ca. 251 ha

Außerhalb des „Naturparks Pfälzerwald“ neu geplante bzw. schon vorhandene Konzentrationsflächen für Windenergieanlagen:
Gemarkung Kindenheim (Kahlenberg) (ca. 111 ha)

Gemarkung Obrigheim (Kranichsweide) (ca. 43 ha)

Gemarkung Dirmstein (Stahlberg Ost) (ca. 24 ha)

Summe: ca. 178 ha

Damit werden von den Kommunen im nördlichen Landkreis zur Zeit  80 % der Konzentrationsflächen im Naturpark geplant, nur knapp 20 % außerhalb des Naturparks. (kv-düw)

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2 Kommentare auf "Windkraft im Landkreis Bad Dürkheim: Ja, doch nicht im Pfälzer Wald"

  1. Herbert Schreiber sagt:

    Man kann den Verantwortungsträgern im Landkreis Bad Dürkheim für ihre vernünftige und klare Haltung nur gratulieren! Es bleibt zu hoffen, dass sich auch die anderen Landkreise, die am Biosphärenreservat Pfälzerwald-Nordvogesen Anteil haben, dieser Position anschließen werden.

    Erhalten wir auch zukünftigen Generationen dieses einzigartige Naturparadies!

    Herbert Schreiber

  2. Max Weremchuk sagt:

    Running Against the Wind
    Das Ende der deutschen Kulturlandschaft

    Vor einiger Zeit hat Energieminister Tarek Al-Wazir gesagt: „Windräder werden unsere Landschaft sicherlich weniger stark verändern als Hochhäuser das Stadtbild von Frankfurt verändert haben.“
    Leben wir in derselben Realität? Oder im selben Land?
    Eine Stadt kann man nicht mit der Landschaft in der Natur vergleichen. Eine Stadt besteht aus immer größer werdenden Häusern. Das ist normal. Eine Naturlandschaft mit Windrädern zu übersäen, die alles dominieren und den Horizont ausfüllen, ist etwas ganz anderes. In einer Stadt erwarte ich Häuser vorzufinden, in Naturparks und Biosphären haben Beton- und Stahlklötze nichts verloren. Sie sind Fremdobjekte.
    Ich komme ursprünglich aus Kanada, aber lebe seit sehr vielen Jahren hier in Deutschland, in Rheinland-Pfalz. Ich liebe die Landschaft hier und meine Frau und ich fahren regelmäßig auf Entdeckungstouren am Wochenende. Als Freunde aus Kanada vor ein paar Jahren zur Besuch kamen, konnte ich ihnen (voller Stolz) viele wunderschöne Stellen zeigen. Sie waren überrascht und überwältigt. Sie hatten sich so etwas in Deutschland nicht vorstellen können – diese Schönheit und vor allem diese Vielfalt von unterschiedlicher Schönheit innerhalb eines so kleinen Radius. Sie sind keine „Stadtmenschen“, sondern solche, die schon überall in Kanada und USA gewesen sind, d.h. schon einiges an Schönheit gesehen hatten – dennoch waren sie zutiefst beeindruckt.
    Allerdings kann ich jetzt mit der Landschaft hier nicht mehr „angeben“, denn die Stellen gibt es nicht mehr. Sie sind vollgespickt mit Windrädern soweit das Auge reicht – und es werden immer mehr. An manchen Stellen fast 360° ringsherum. Es macht keine Freude mehr rauszufahren.
    Das Gerede von 2% Landesfläche ist auch irreführend, denn die optische Wirkung ist viel mehr als nur 2%. An manchen Stellen ein fast nahtloser Übergang von einer Windrad-Landschaft zur nächsten.
    Das ist auch der Unterschied zu dem Stadt-Vergleich. Eine Stadt steht an einem Ort, an einer bestimmten Stelle, aber Windräder sind überall. Wenn mir eine Stadt nicht gefällt oder ich einfach mal „raus“ muss, kann ich wegfahren. Ich kann der Stadt „entkommen“ – aber den Windrädern kann ich nicht entkommen! Sie umgeben mich von allen Seiten. Egal wo ich jetzt hinfahre. Es gibt bald keine Windrad-freien-Stellen mehr, wo das Auge sich „ausruhen“ kann.
    Manche Menschen meinen, dass man sich an so etwas gewöhnen kann. Dass wir eines Tages diese „Windrad-Landschaft“ als „normal“ ansehen werden.
    Ja, wenn man sich an ständige Zahnschmerzen als etwas Normales gewöhnen können.
    Der Mensch ist zäh, das ist wahr, und kann in der ungemütlichsten Umgebung überleben. Über-leben – nicht LEBEN.
    Was von den Bürgerinnen und Bürgern dieses Landes verlangt wird, ist Resignation („wir kommen nicht daran vorbei“). Eine Leugnung und Unterdrückung der eigenen Empfindung für eine vermeintlich höhere Sache. Wir sollen uns selbst einreden, dass schwarz weiß ist.
    Der Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, hatte einen Pro-Windrad Artikel in „Die Welt“ veröffentlicht, die „Alternativlos windig“ betitelt war.
    Warum alternativlos?
    Fehlt es an Fantasie oder Erfindergeist, dass es angeblich keine Alternativen gibt?
    Warum keine anderen, weniger Landschaft zerstörenden Ideen?
    Vielleicht, weil mit Windrädern noch zu viel Geld zu machen ist?
    Dagegen kann man nichts machen. Keine noch so stichhaltigen Argumente oder Beweise helfen gegen diese Macht.
    Man kann so viel über Umwelt und erneuerbare Energie und was sein muss und was unvermeid-lich kommen wird usw. reden wie man will, so lange, bis man vielleicht auch tatsächlich beginnt es selbst zu glauben – aber es geht nur um eins und eines allein – GELD.
    Bei dem Vorantreiben von mehr und noch mehr und noch mehr Windrädern und Windparks geht es weniger um „Klimaschutz“ oder „Lebensbedürfnisse künftiger Generationen“ oder das Nicht-verzichten-Wollen auf „Strom und Wärme“, wie viele so nüchtern behaupten, sondern einzig und allein um Geld – sehr viel Geld! Alles andere ist Sand in die Augen der Bürger gestreut. Lug und Trug.
    Wenn es ab und zu, hier und da, doch ausnahmsweise einer Gemeinde gelingt, einen Windpark zu verhindern, ist die enttäuschte Reaktion nicht eine über „Umwelt“ und Energiefragen oder Klimaschutz, sondern über das Geld, das die Gemeinde durch das Nicht-Aufstellen verliert!
    „Nicht statthaft“ ist das Lospreschen die Natur zu zerstören unter dem Vorwand „es muss sein“ anstatt andere, wesentlich weniger Natur vernichtende Lösungen zu suchen und zu entwickeln. Aber leider ist „das schnelle Geld“ zu verführerisch.
    Herr Palmer schreibt über das Verkennen „der Zahl der notwendigen Windkraftanlagen“ und dass die „Zahl von derzeit rund 25.000 Windkraftstandorten“ verdoppelt werden muss. Wenn die Landschaft jetzt schon so geschändet ist, wie wird es nach der Verdoppelung aussehen?
    Ich kann nicht begreifen, wie man so etwas Unsinniges überhaupt mal ernst genommen hat: „Im besten Fall produziert ein Windrad so und so viel Strom, aber Deutschland braucht so und so viel Strom, wir müssen also das Land mit Windrädern füllen um das Ziel zu erreichen.“ Hier hätte man schon die dringende Notwendigkeit einer anderen, vernünftigeren Lösung erkennen müssen.
    Diese „Lösung“ ist einfach naiv. Es ist, als ob man einen Wagen anstatt von einem Pferd ihn von Mäusen ziehen lassen will. Wenn 200 es nicht schaffen, dann einfach auf 300 oder wenn es sein muss auf 400 erhöhen! Irgendwann mal wird sich der Wagen bewegen.
    Irgendwann mal, wenn genügend Windräder stehen, wird es klappen.
    Wie oft sind „gute Dinge“ gescheitert, weil das Geld gefehlt hat – manchmal auch trotz Spendenaufrufen. Man weiß, dass eine Sache gut, aber der Aufwand zu groß oder der Gewinn nicht hoch genug ist. Also lässt man es liegen. Aber bei den Windrädern ist das ganz anders. Die schießen aus dem Boden wie Pilze, über Nacht. Plötzlich sind sie da. Sie bringen Geld – und Geld bewegt die Welt. Ich bin gespannt, ob sie eines Tages, wenn damit kein Geld mehr zu machen ist, genauso schnell abgebaut werden – die „Renaturierung in wenigen Tagen“, von der Herr Palmer schreibt.
    Herr Palmer machte sich auch lustig über solche, die sonst nichts für die Natur übrig hatten, aber jetzt plötzlich protestieren, weil irgendein Windrad ihre Sicht stört. Wenigstens liegt diesen Men-schen etwas von der Natur am Herzen, nämlich die Schönheit. Was ist mit den vielen Windrad-Befürwortern, die nur dafür sind, weil es ihnen Geld bringt und denen die Natur völlig egal ist? Ob es Bauern sind – ohne im Geringsten ihre wertvolle Arbeit verunglimpfen zu wollen – die ihr Land zur Verfügung stellen, weil sie damit im Jahr mehr Geld verdienen als mit der Ernte, oder Kom-munen oder Politiker und Beamte, die weiter kommen wollen. Früher mussten Formulare zuerst ausgefüllt werden und dann wurden sie – vielleicht – genehmigt/unterschrieben. Heute werden Blanko-Formulare schon unterschrieben. (Oft genug werden Beamte bedroht mit „Unterschreiben Sie die Genehmigung. Sie wollen doch weiter bei uns arbeiten – oder nicht?“)
    Mich interessiert ernsthaft, wie viele der lautstarken Windkraft-Befürwörter in unmittelbarer Nähe von Windrädern wohnen? Ich glaube, die Wirklichkeit ist, wie Reinhard Mey einst sang: „Vom Städteplaner, der die Schönheit von Beton erklärt. Und dann am Abend in sein Bauernhaus auf’s Land rausfährt.“ Oder, umgedichtet: „Der Umweltminister, der die schöne Notwendigkeit von Windrädern erklärt. Und dann im Urlaub in den Dschungel fährt.“
    Und wenn manche Menschen doch hinausgehen, um die Natur – soweit es möglich ist – zu ge-nießen trotz dieser Landschafts-entstellenden Fremdobjekte und dabei in die Nähe von im Bau befindlichen Windrädern geraten (weil sie überall auch in Wäldern und Naturparks aufgestellt werden), kommt es schon vor, dass sie angepöbelt und regelrecht fortgejagt werden, als ob sie mutmaßliche Terroristen wären, die Anschläge auf einen Hochsicherheitstrack ausführen wollen!
    Wer weiß, vielleicht entwickelt sich etwas mit der Zeit wie eine Art „Tal-Tourismus“, denn die Täler scheinen wirklich die einzigen Stellen zu sein, wo man dem Anblick der Windräder entkommen kann. Wir können uns dann einteilen in „Höhen-Menschen“, die Windräder als schön empfinden und sich über verspargelte Horizonte freuen und die „Täler-Menschen“, die Täler und Schluchten bevorzugen, weil dieser Teil des Landes Windrad-frei zu bleiben scheint. (Nur Pech für die, die im Flachland wohnen.)
    Windräder zerstören in nie dagewesenem Ausmaß die Landschaft und vernichten jede Lebens-qualität und Freude. „Künftige Generationen“ werden uns für das, was hier forciert wird, nicht danken, sondern genau das Gegenteil. Windrad-Befürworter bereiten mit ihrem Einsatz nur den Weg für das, was man schon in zahlreichen Science-Fiction-Filmen gesehen hat – eine hässliche, düstere, menschenfeindliche Zukunft. Menschen, die in ihren luftdichten Häusern in einer Holog-ramm-Scheinwelt leben, weil die Realität „da draußen“ einfach zu trist und bedrückend ist. (Die Windräder am Horizont sehen schon aus wie gelandete Raumschiffe aus „Krieg der Welten“.) Die Windräder liefern uns Storm, so dass wir mit unseren elektronischen Geräten eine Fantasie-Schönheit betrachten können, die uns die Windräder gestohlen haben. „Schöne neue Welt“!
    Lebensqualität wird durch die verschandelte Landschaft zerstört. Vielleicht trösten sich manche damit, dass die Windräder Storm für ihren Fernseher liefern, sodass sie dann Sendungen über unberührte Landschaften in anderen Ländern anschauen können, während das Grauen vor ihrer Haustür steht. Oder vielleicht können sie mit dem gesparten Geld für Strom (wenn er überhaupt wirklich günstiger wird) oder mit dem gemachten Geld aus dem Windrad-Geschäft dem Horror hier im Ausland am Strand irgendwo für eine kurze Weile entkommen.
    Reinhold Messner hat es ganz treffend zusammengefasst: „Alternative Energiegewinnung ist un-sinnig, wenn sie genau das zerstört, was man eigentlich durch sie bewahren will: die Natur.“
    Wie heißt es in dem alten „Der rosarote Panther kehrt zurück“-Film über die Auswirkungen von Inspektor Clouseaus wohlgemeintes und selbstsicheres, aber dennoch tollpatschiges Treiben? „Gstaad: Heute noch ein Paradies in den Alpen – morgen eine Wüstenei.“
    Die Unesco hat der Landschaft Pfälzerwald/Nordvogesen das Naturschutzsiegel eines Biosphä-renreservats verliehen. Man ist bereit zu riskieren diese Auszeichnung zu verlieren und versucht Auflagen zu umgehen, indem man die Biosphären neu definiert. Schlicht und einfach eine Schande ohne gleichen.
    Windräder machen körperlich krank – auch wenn manche das nicht wahrhaben wollen und ab-streiten, aber eins ist unbestreitbar – sie machen seelisch krank! Das Geringste, was sie tun, ist die Menschen stumpf zu machen. Stumpf gegenüber einem Empfinden für Schönheit – denn man versucht mit diesen grausamen „Dingern“ klar zu kommen. Sie sind da und man muss sie hinnehmen. Man muss „mit ihnen leben“. Aber das geht nur, wenn man sich selbst belügt. Wenn man sich immer einreden muss „Sie stören doch nicht so sehr“ oder „Sie sind nötig“ – man belügt sich selbst. Etwas geht verloren.
    Was hier von Statten geht ist unverantwortlich und grausam. Es ist regelrecht unmoralisch.
    Aber vielleicht bin ich unfair.
    Vielleicht kann man der Windkraft-Energie doch etwas Positives abgewinnen.
    Immerhin wird die Wirtschaft dadurch angekurbelt, weil Photographen, Texter, Werbeagenturen und Verlage zusätzlich Arbeit bekommen. Denn alle Bildbände über deutsche Landschaften und Bundesländer wie auch Reiseführer und Prospekte müssen neu erstellt und gedruckt werden um die neue Realität wiederzugeben. D. h. neue Fotos und neue Texte und neue Auflagen.
    Kreativität wird auch stark gefördert, da man in den Texten, die die deutsche Landschaft be-schreiben, Wörter wie „lieblich“, „traumhaft“, „verwunschen“, „wunderschön“, „beeindruckend“, „einmalig“, „unberührt“ oder „reizend“ nicht mehr benutzen kann ohne unehrlich zu sein.
    Ein Nachteil ist, dass Bücherreihen wie „111 Orte in . . . die man gesehen haben muss“ wahr-scheinlich ganz eingestellt werden, denn wenn man einen Ort mit Windrädern gesehen hat, hat man alle gesehen.
    Aber nicht verzweifeln, denn Antiquariate werden die Verluste aufwiegen und zusätzliche Gewinne machen, indem Menschen die alten, nicht mehr aktuellen Bildbände aus nostalgischen Gründen kaufen, bevor alle Erinnerungen daran, wie Deutschland einst ausgesehen hat, verschwinden.
    Man wird sich aber beeilen müssen die neuen Reiseprospekte mit Urlaubszielen in Deutschland zu drucken, sonst kann es passieren, dass Kunden sich beschweren, dass die Fotos vom Urlaubsziel – ohne Windräder – nicht mit den Verhältnissen vor Ort übereinstimmen und sie ihr Geld zurückverlangen. Die gemachte Enttäuschung ist so, wie wenn man über einen Prospekt einen Porsche bestellt, aber einen VW Käfer geliefert bekommt.
    Aber dadurch wird doch das Reisen ins Ausland gefördert und kommt den vielen Reisebüros hier zu Lande letzten Endes zu Gute, da aus unerklärlichen Gründen einige Menschen in Deutschland die Ästhetik der Windräder einfach nicht richtig wertschätzen können und unberührte Natur oder so etwas Unverständliches bevorzugen und anderswo suchen.
    Und da gibt es noch die ungeahnten Möglichkeiten für Eltern und Großeltern, ihre Kinder und Enkelkinder mit Geschichten darüber zu beeindrucken, wie alles früher ausgesehen hat. Das wird ihnen wie ein Märchen vorkommen, da sie sich eine Landschaft ohne Windräder nicht vorstellen können. Wer weiß, vielleicht könnten die Geschichten von „wie es früher war“ die Märchen von Grimm und Andersen ersetzen. Eine neue, moderne, an die Zeit angepasste Version. Denn irgendwie ist die Geschichte über die Windräder und warum wir sie brauchen und warum sie DIE Lösung sind der Geschichte von „Des Kaisers neue Kleider“ sehr, sehr ähnlich. So wie in jenem Märchen will die Mehrheit heute – um nicht als dumm zu erscheinen – nicht zugeben, dass der Kaiser eigentlich splitter nackt und alles nur Einbildung und Selbsttäuschung ist.
    So gesehen haben Windräder DOCH etwas Gutes bewirkt.
    Moment mal! Jetzt kommt es mir!! Vielleicht sind es doch nicht die Politiker, die diesen Windrad-wahn vorantreiben, sondern die Verlage und Reisebüros, die alle unter einer Decke stecken und sich zusammengetan haben um ihre Umsätze zu erhöhen, denn sie sind durch die Umstände „gezwungen“ neue Bücher und Prospekte zu produzieren!

    Max Weremchuk
    67304 Kerzenheim