Dienstag, 10. Dezember 2019

„Politik trifft Gastronomie“: Gastro-Probleme auf dem (Runden) Tisch

Diskussionsrunde in Rhodt unter Rietburg – „Mein Arzt darf auch nach 12 Stunden noch operieren. Schnitzel umdrehen darf ich nicht!“

20. November 2019 | noch keine Kommentare | Kategorie: Kreis Südliche Weinstraße, Regional

Foto: Südliche Weinstrasse e.V.

Rhodt unter Rietburg – Bei einem ersten Runden Tisch der Gastronomen im Verein Südliche Weinstrasse im Juli 2019 benannten viele Gastronomen politische Themen, die den Betrieben unter den Nägeln brennen: Fachkräftemangel, unterschiedliche Mehrwertsteuersätze und eine Vielzahl an Regulierungen.

Das führt dazu, dass immer mehr Restaurants mittags schließen oder nur noch drei bis vier Tage in der Woche geöffnet sind. Deshalb luden der Verein Südliche Weinstrasse e.V. und der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DeHoGa) Rheinland-Pfalz die südpfälzischen Abgeordneten im Bundes- und Landtag ein, um sich mit den Gastronomen über deren Probleme auszutauschen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Fünf Abgeordnete sind dieser Einladung in den Durlacher Hof in Rhodt unter Rietburg gefolgt: Dr. Thomas Gebhart (CDU), Dr. Tobias Lindner (Grüne), Mario Brandenburg (FDP), Peter Lerch (CDU) und Martin Schmidt (AfD).

Selbstverständliche Zusammenarbeit verschiedener Nationen

Zunächst hielt Heike Knauf vom Parkhotel Landau ein flammendes Plädoyer für die Berufe und Karrieremöglichkeiten in der Hotellerie, die auch viele Chancen für Integration böten. Allein im Parkhotel Landau arbeiteten Menschen aus 17 Nationen in Selbstverständlichkeit miteinander. „Die Hotellerie heißt alle willkommen, die zu ihr kommen wollen.“ erklärte Knauf.

Forderungskatalog zu Mehrwertsteuer, Arbeitszeiten, Mindestlohn

Danach stellte Thomas Langhauser vom Gutshof Ziegelhütte aus Edenkoben die wichtigsten Problemfelder und Forderungen des Dehoga vor.

1.   Einen niedrigeren und vor allem einheitlichen Mehrwertsteuersatz auf Gastronomie-Leistungen. „Es ist doch grotesk: Ein gemütliches gesundes Essen im Sitzen, bei dem – ökologisch sinnvoll –Mehrweggeschirr verwendet wird, kostet 19 Prozent Mehrwertsteuer, Essen zum Mitnehmen in Einwegverpackungen 7 Prozent,“ erläuterte er.

2.    Der DeHoGa wünscht sich eine Anerkennung der Branche als Saisonbetrieb und eine damit einhergehende Flexibilisierung der Arbeitszeiten. Dies hätte zur Folge, dass die Mitarbeiter in der Hochsaison pro Tag nicht nur 10 sondern 12 Stunden beschäftigt werden könnten, um diese Zeiten in der Nebensaison wieder abzufeiern. „EU-Gesetze würden dies erlauben, die deutschen Gesetze aber nicht“ so Langhauser.

Ein Gastronom wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass es in anderen Branchen durchaus Ausnahmeregelungen gibt: „Mein Arzt darf auch nach 12 Stunden noch operieren. Schnitzel umdrehen darf ich nicht!“

3.    Außerdem erklärte Langhauser, dass „die gesetzlichen Regelungen für Minijobber an der Realität in der Gastronomie vorbei gehen. So muss z.B. die „Arbeit auf Abruf“ mindestens zwei Wochen vorher angekündigt werden, was häufig noch gar nicht absehbar ist.

„Berlin geht eher in die andere Richtung“

Alle Abgeordneten zeigten viel Verständnis für die Anliegen der Gastronomen, gerade hinsichtlich der Mehrwertsteuersätze. Hier würden sich alle einen großen Wurf wünschen, der aber nicht schnell realisierbar ist.

Thomas Gebhart wies darauf hin, „dass die Diskussion in Berlin derzeit aber eher in die andere Richtung weist, nämlich die vor einigen Jahren vorgenommen Mehrwertsteuersenkungen für Übernachtungen wieder zurückzunehmen.“

Die Abgeordneten versprachen aber, sich im Sinne der Gastronomen zu engagieren, weil gerade im Hinblick auf Müllvermeidung und Nachhaltigkeit sehr gute Argumente bestehen.

Flexiblere Arbeitszeiten

Das von der Bundesregierung beschlossene und zum 1. März 2020 in Kraft tretende Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das die Einwanderung qualifizierter Arbeitnehmer aus Drittstaaten erleichtern soll, kann den Gastronomen helfen, ihren Fachkräftebedarf leichter zu decken. Mario Brandenburg versprach, sich für flexiblere Arbeitszeitregelungen einzusetzen.

Fairer Lohn ja – sind 12 Euro zu viel?

Danach wurde über die mögliche Erhöhung des Mindestlohns diskutiert. Die Gastronomen wiesen darauf hin, dass eine Erhöhung auf 12 Euro pro Stunde für die sehr personalintensive Hotellerie- und Gastronomie-Branche eine große Belastung bedeuten würde, wenngleich man sich einig war, dass ein fairer Lohn gezahlt werden muss.

Außerdem gab man zu bedenken, dass bei einer Erhöhung des Mindestlohns auch eine proportionale Erhöhung der 450 Euro-Grenze vorgesehen werden müsse.

Nur wenige zahlen gerne mehr für Qualität

Tobias Lindner stellte die Frage, ob höhere Qualität bezahlt wird. „Kein Volk gibt so wenig Geld für Lebensmittel aus wie die Deutschen. Ist es möglich, das Preisniveau zugunsten der Qualität zu erhöhen?“ fragte er. Nach Einschätzung der anwesenden Gastronomen ist die Zahl der preissensiblen Gäste in der großen Mehrheit und nur wenige sind bereit, für gute Produkte und Servicequalität mehr zu bezahlen.

In der weiteren Diskussion wurden noch viele Detailfragen besprochen: von der Sozialversicherungspflicht für Phantomlohn, eine unangekündigte offene Kassennachschau bis hin zur Bonausgabepflicht beim Bäcker. „Gut gemeint – aber schlecht gemacht.“, war hier das einhellige Urteil.

„Zukunft des Tourismus an der SÜW so wichtig“

Am Ende der rund zweistündigen Diskussion gab es  viel positives Feedback von beiden Seiten. Die Gastronomen bedankten sich dafür, auf offene Ohren gestoßen zu sein. Und die Politiker freuten sich über die sachliche Diskussion und boten in Einzelfällen ihre direkte Unterstützung an.

„Die Südliche Weinstraße ist wie kein anderer Landkreis in der Pfalz geprägt vom Tourismus. Unsere Alleinstellungsmerkmale sind Wein und Genuss und damit sind die Gastgeber – gerade die speiseorientierte Gastronomie – für die Zukunft des Tourismus an der SÜW so wichtig,“ sagte Landrat Dietmar Seefeldt.

Die von Thomas Langhauser und seiner Frau Andrea geleiteten Miniköche sorgten zum Abschluss mit kleinen Zwiebelkuchen noch für einen regionaltypischen Abschluss.

 

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