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Herbsttagung im Pfalzklinikum Klingenmünster: Grausame Behandlung psychisch Kranker in der Nazi-Zeit – „Den Opfern die Würde zurückgeben“

16. November 2016 | Kategorie: Kreis Südliche Weinstraße
Die Teilnehmer der Tagung hatten Erschütterndes zu berichten. Foto: Pfalzklinikum

Die Teilnehmer der Tagung hatten Erschütterndes zu berichten.
Foto: Pfalzklinikum

Klingenmünster – Mit über 100 Teilnehmern war die Tagung des Arbeitskreises zur Erforschung der nationalsozialistischen „Euthanasie“ und Zwangssterilisation gut besucht.

Aus dem ganzen Bundesgebiet, aus Frankreich und Luxemburg waren Experten und Angehörige angereist, um an der Veranstaltung zum Krankenmord teilzunehmen. Thematisch ging es nicht nur um die damalige Heil- und Pflegeanstalt Klingenmünster, sondern auch um andere psychiatrische Institutionen im Elsass, in Baden und der Pfalz sowie deren Vernetzung untereinander.

Nach einer offiziellen Eröffnung mit Grußworten unterschiedlicher Beteiligter aus Politik und dem Pfalzklinikum startete die Tagung mit dem öffentlichen Vortrag von Benoît Majerus.

Keine Aufarbeitung in Belgien

Er beleuchtete, ob die nationalsozialistischen Krankenmorde wirklich einen Bruch in der europäischen Psychiatriegeschichte darstellen.

„Der Bruch der Psychiatriegeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg spielt in Deutschland eine große Rolle, in Belgien hingegen nicht. Hier gab und gibt es keine Diskussionen zur Psychiatrie während der Nazizeit. Der Zweite Weltkrieg und die Psychiatrie zur NS-Zeit sind in Belgien und in anderen Ländern als Themen nicht existent. Ich stelle hier die provokante These auf, dass es keinen deutschen Sonderweg in der europäischen Psychiatriegeschichte gibt“, erklärte Majerus.

Schreckliche Schicksale

Auf der Tagung kamen aber nicht nur Historiker oder Experten anderer Fachrichtungen zu Wort, ein Fokus lag auch auf den Angehörigen der Opfer der nationalsozialistischen Psychiatrie.

Gabriele Bußmann, Enkelin einer in der NS-Zeit an Schizophrenie erkrankten Frau, erzählte die Geschichte ihrer Großmutter: „Meine Großmutter wanderte aufgrund ihrer großen Liebe nach Amerika aus. Dort begegnet ihr zum ersten Mal die Diagnose Depression. Sie kommt in die ‚Irrenanstalt‘ Clarinda in Iowa. Zurück in Deutschland hat sie Probleme mit der fremden Umgebung und kann sich im Leben nicht einfinden. Daraufhin empfiehlt ein Arzt ihre Einweisung in die Heil- und Pflegeanstalt nach Klingenmünster. Hier wird sie bereits nach vier Monaten entmündigt.“

Rosa Banzers Geschichte steht stellvertretend für die Schicksale der vielen Opfer der NS-Psychiatrie. Sie starb 1946 an den Folgen ihrer bewusst herbeigeführten Unterernährung.

Auch die 26-jährige Julia Frick, Studentin der Kulturanthropologie und stellvertretende Vorsitzende des Förderkreises Gedenkort T4 e.V., ist Enkelin eines Opfers der NS-Psychiatrie.

Ihr Großvater Walter Frick, ein gebürtiger Zweibrücker, starb in der Nervenheilanstalt Bernau bei Berlin, nachdem sein Schwager, SS-Hauptsturmführer am KZ Sachsenhausen, ihn nach einem Nervenzusammenbruch dorthin hatte bringen lassen.

Julia Frick betonte: „Eine Rollenzuweisung ist in der Analyse der NS-Zeit sehr schwierig. Allen ist eines gemeinsam, ob Opfer oder Täter, sie waren Menschen. In meiner Familie bestand eine grausame Verstrickung. Ich recherchiere das Schicksal meines Großvaters seit sechs Jahren. Bislang ist immer noch unklar, wie er genau ermordet wurde. Wir können die Opfer des Nationalsozialismus nicht wieder ins Leben holen, wir können ihnen aber ein Stück ihrer Würde zurückgeben, indem wir ihre Biografien recherchieren und aus den Opfern wieder Menschen machen. Das ist ein Ziel meiner Arbeit.“

Andreas Hechler, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Bildungsreferent von Dissens – Institut für Bildung und Forschung in Berlin, referierte über seine als „lebensunwert“ diagnostizierte Urgroßmutter und die noch heute zu spürenden Auswirkungen auf seine gesamte Familie.

„Meine Urgroßmutter wurde in Hadamar mit Kohlenmonoxid getötet. Aufgrund ihrer Psychiatrisierung bestanden in meiner Familie bis in die dritte Generation Probleme beispielsweise bei der Eheschließung. Die Nachfahren von Opfern der NS-Psychiatrie erleben noch heute eine gesellschaftliche Stigmatisierung, was in der Folge zu einer innerfamiliären Tabuisierung führt“, erklärte Hechler.

Insgesamt 16 Vorträge zu unterschiedlichen Themen im Kontext des „regionalvernetzten Krankenmordes“ standen von Freitag bis Sonntag auf dem Programm.

In den Beiträgen wurde deutlich, wie grausam die Maßnahmen im Umgang mit psychisch kranken, beeinträchtigen oder als „lebensunwert“ beurteilten Menschen in der NS-Zeit waren und inwieweit die Zusammenarbeit von Mitwissern und Tätern eine Rolle spielte.

Hier wurde deutlich, dass in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Klingenmünster auch nach 1945 eine erhöhte Sterberate vorhanden war. Eine Tatsache, die belegt, dass die Krankenmorde noch nach Ende des Nazi-Regimes weitergingen. Eine neue Entwicklung ist die Namensnennung von Opfern der NS-Psychiatrie in Veröffentlichungen. Details zum Arbeitskreis auf www.ak-ns-euthanasie.de.

Seit vergangener Woche ist im Dokumentationszentrum des Pfalzklinikums die überarbeitete Wanderausstellung zur NS-Psychiatrie geöffnet. Interessierte haben mittwochs von 14.30 Uhr bis 16 Uhr die Möglichkeit, die neu gestalteten Beiträge im Gebäude 43 anzusehen.

Weitere Infos zur Ausstellung und Besichtigung auf www.ns-psychiatrie-pfalz.de.

(red)

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