Dienstag 21.Juli 2026

Damit sie nicht vergessen werden!“ Gedenken an die Nazi- Opfer – Erste Stolperstein-Verlegung in Edenkoben

27. Juni 2026 | Kategorie: Kreis Südliche Weinstraße, Regional, Regional

Franz-Matthias Mann verlegte die Stolpersteine.
Foto: Lambert

Edenkoben. Edenkoben hat ein sichtbares Zeichen für Erinnerung und Verantwortung gesetzt. Am Dienstag, 23. Juni, wurden vor der Weinstraße 95 und vor der Tanzstraße 4 jeweils drei Stolpersteine gesetzt, die an Menschen erinnern, die während der Nazi-Herrschaft entrechtet, verfolgt, vertrieben und sogar ermordet wurden.

Die kleinen, in das Straßenpflaster eingelassenen Steine mit aufgebrachten Messingtafeln, wurden vor den Häusern verlegt, in denen die Betroffenen zuletzt ihr eigenes Zuhause hatten. Sie tragen die Inschrift „Hier wohnte“ sowie die Namen, die Lebens- und die Sterbedaten der Opfer und holen deren Schicksale zurück in das öffentliche Bewusstsein.

Stadtbürgermeister Daniel Poth hielt fest: „Diese Stolpersteine zeigen uns wohin Hass und Ausgrenzung führen können. Es ist sehr erfreulich, dass wir von allen Hausbesitzern in deren Gebäuden einst jüdische Mitbürgerwohnten wohnten, auf volle Zustimmung stießen, als wir anfragten ob wir Stolpersteine verlegen dürfen!“
Landrat Dietmar Seefeld freute sich, dass auch junge Menschen zur Veranstaltung gekommen waren. „Es ist sehr wichtig auch die junge Generation mitzunehmen. Setzt euch damit auseinander was damals passierte!“

Landrat Dietmar Seefeldt: „Wichtig, die junge Generation mitzunehmen“.
Foto: Lambert

Verbandsbürgermeister Daniel Salm sagte: „Nie wieder dürfen solche Grausamkeiten in unserem Deutschland passieren.“ Er erinnerte an den 22. Juni 1941 als Nazi-Deutschland die Sowjetunion überfiel, das Fanal zur Ermordung von Millionen Juden in Europa.

Schülerinnen und Schüler der Realschule plus Edenkoben und des Gymnasiums Edenkoben sowie Jugendliche des Jugendzentrums erforschten einige Lebensläufe aus einer Liste von 50 Todesopfern, um an diese zu erinnern und diese zu würdigen. Einen Teil dessen was sie erforschen konnten, trugen die Schülerinnen und Schüler des Leistungskurses Geschichte der elften Klassen des Gymnasium vor.

So unter anderem fiktive Gespräche mit Opfern. „Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich mir eine Welt ohne Verfolgung Deportation. Gewalt und Mord vorstelle“, zitierten sie ein Jüdin. „Gurs wurde für viele der Vorhof zur Hölle. Ein Mensch ist aber erst dann vergessen, wenn sein Name vergessen wird!“ stellten sie fest.

Stolpersteine in der Weinstraße 95
Foto: Lambert

In der Weinstraße 95 wird nun der Geschwister Julius, Helene und Dr. Franz Weidenreich gedacht, in der Tanzstraße Emilie Blum, Michael Wolff und Luise Wolff geb. Blum. Letzteren beiden gelang die Flucht in die USA, nach dem man sie zuvor schon 1940 ins Internierungslager Gurs in Südwestfrankreich verschleppt hatte. Sie starben in den USA in den 1950er bzw. 1960er Jahren. Nach Edenkoben waren sie nie mehr zurück gekehrt. Emilie Blum wurde ebenfalls 1940 nach Gurs deportiert, wo sie am 28. November 1940 ermordet wurde.

Julius Weidenreich flüchtete in die Niederlande, wo er aber schon am 1. Februar 1940 in Rotterdam den Tod fand. Helene Widerreich flüchtete ebenfalls nach Holland, wurde dort interniert, 1943 deportiert und am 23. April 1943 im Vernichtungslager Sobibor, im Südosten Polens, ermordet. Franz Weidenreich, promovierter Arzt und berühmter Anthropologe, emigrierte im Frühjahr 1935 nach Peking und siedelte 1941 in die USA über, wo er am 11. Juli 1948 in New York City starb.

Stolpersteine in der Tanzstraße 4
Foto: Lambert

Norbert Lingenfelder, aus Edenkoben, der sich intensiv mit den Opfern der Nazi-Zeit in Edenkoben beschäftigt, berichtete, dass die Familie Heidenreich in der Weinstraße 95 über hundert Jahre ein Einzelhandelsgeschäft betrieb. Auch gab Lingenfelder wissenswertes über das Lager Sobibor bekannt. Die Opferzahlen, Schätzungen sprechen von bis zu 250.000 ermordeten Juden, erschrecken bis heute.

Für Edenkoben war die Erstverlegung ein besonderer Moment. Der Künstler Gunter Demnig, Initiator des europaweiten Stolperstein-Projekts, wollte die Steine selbst verlegen, sowie er es immer tut, wenn in einem Ort erstmals solche Steine verlegt werden, doch leider musste er Krankheitsbedingt passen. Sein Assistent Frank-Matthias Mann vertrat ihn und verankerte die Steine im Straßenpflaster.

Demnig entwickelte die Idee der Stolpersteine Anfang der 1990er Jahre und setzte diese 1996 um. Bis heute wurden 126.000 Stolpersteine in 32 europäischen Ländern verlegt.

„Es ist eine große Freude für Gunter Demnig und seine die Stiftung, wenn wie heute, wieder ein neuer Ort mit Stolpersteinen hinzukommt“, sagte Frank-Matthias Mann.
Ein junger Mann sah die neu verlegten Stolpersteine in der Tanzstraße und fotografierte diese. „Sind das die ersten dieser Steine hier in Edenkoben? Das ist eine ganz tolle Sache. Sehr gut, dass an diese Menschen erinnert wird!“

Foto: Lambert

Erinnerungskultur der Stadt zu den Opfern des Nationalsozialismus

Die Stolpersteine erinnern daran, Verantwortung für die Geschichte zu übernehmen und die Würde der Verfolgten und Ermordeten zu bewahren.
Mehrere Bürger Edenkobens wie beispielsweise Alfred Kuby, der ehemalige Stadtbürgermeister Franz Schmidt oder der ehemalige Heimatbundvorsitzende und Museumsleiter Herbert Hartkopf, haben in diversen Büchern, sowie Zeitungs- und Zeitschriftenveröffentlichungen die Geschichte der Edenkobener Juden und deren Vernichtung im dritten Reich seit den 1980er Jahren aufgearbeitet und thematisiert.

Norbert Lingenfelder brachte über die CDU-Fraktion im Stadtrat einen Antrag ein, woraufhin vor 25 Jahren eine Straße nach Dr. Franz Weidenreich benannt wurde.
Ein weiterer Antrag zielte auf die Errichtung eines Mahnmals zum Gedenken an die Opfer des Nazi-Herrschaft ab. 2008 wurde das Mahnmal eingeweiht, auf dem die Namen von 19 Edenkobener Nazi-Todesopfern, davon 17 Juden, angebracht sind.

Norbert Lingenfelder erfuhr von weiteren Todesopfern, die in Edenkoben geboren wurden oder kürzere oder längere Zeit hier lebten. So wurde 2025 das Mahnmal um eine Hinweistafel ergänzt, die 50 Namen von Todesopfern, davon 47 Juden, enthält.

Ende 2025 wurde die „Gurs-Ausstellung“ zur Deportation der Juden aus der Pfalz und Baden (1940 nach Gurs) durch den Heimatbund im Museum über mehrere Wochen gezeigt und durch einen Vortrag und weitere Informationen von Herbert Hartkopf und Norbert Lingenfelder) ergänzt.

Es beschäftigen sich mehrere Mitglieder des Heimatbundes mit der Thematik und liefern seit über einem Jahr immer wieder Informationen und Daten, um vorhandene Informationen zu bestätigen oder zu ergänzen. Teilweise gibt es auch Abweichungen, zum Beispiel beim Todesdatum oder Todesort.

Die Schüler und Jugendlichen, die Teams des Museums und des Stadtrates sowie Lingenfelder selbst nutzen Informationen aus der Verwaltung, aus dem Archiv des Museums und aus diversen deutschen und internationalen Archiven wie dem Bundesarchiv in Koblenz oder der internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel. Die Liste mit allen Namen und vorhandenen Daten aktualisiert Lingenfelder und stellt diese dem gesamten Team zur Verfügung.

Eine Gruppe von Stadträten, Schülern der Realschule und weiteren Ehrenamtlichen hat 2026 in bisher vier Arbeitseinsätzen die Grabsteine des jüdischen Friedhofes gereinigt. Eberhard Dittus, Beauftragter der jüdischen Kultusgemeinde Rheinpfalz, wird eine Informationsbroschüre zum jüdischen Friedhof in Edenkoben erstellen. Auch ist eine öffentliche Führung über den Friedhof ist geplant.

Nach dem nun die ersten Stolpersteine verlegt sind, soll nach und nach allen Opfern mit solchen Steinen gedacht werden. (Heinz Lambert)

Schüler trugen fiktive Gespräche mit den Opfern vor.
Foto: Lambert

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