
Foto (Archiv): Kevin Schrief
Jerewan – Armeniens Premierminister Nikol Paschinjan hat die Bundesregierung aufgefordert, eine klare Haltung beim Konflikt seines Landes mit Aserbaidschan zu beziehen.
„Ich erwarte eine klare Position. Wenn die internationale Gemeinschaft die geopolitische Bedeutung dieser Situation nicht korrekt bewertet, sollte Europa die Türkei bald nahe Wien erwarten“, sagte er der „Bild“.
Bergkarabach ist eine mehrheitlich von Armeniern bewohnte Region im Südosten des Kleinen Kaukasus, die zwischen Armenien und Aserbaidschan umstritten ist. Nach schweren Gefechten hatte sich der Konflikt zuletzt wieder zu gespitzt. Beide Seiten verhängten das Kriegsrecht.
Auf die Frage, ob die deutsche Regierung öffentlich erklären solle, wer den aktuellen Krieg um Bergkarabach begonnen hat, antwortete Paschinjan ausdrücklich: „Ja. Und Deutschland sollte die Einbindung von in Syrien rekrutierten Terroristen und Söldnern in diesen Konflikt in der Region durch die Türkei bewerten.“
Der armenische Premier kritisierte den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan scharf: „Ich glaube, dass die Türkei nach 100 Jahren in die Region Südkaukasus zurückgekehrt ist, um den Genozid an den Armeniern fortzusetzen, der im Herbst 1915 in der Türkei stattfand.“
Paschinjan sagte weiter: „Es ist das Ergebnis der imperialistischen Politik Erdogans und der Türkei. Das Ziel lautet wahrscheinlich, die Existenz eines unabhängigen Staates Aserbaidschan zu beenden, damit die Türkei ihn übernehmen kann. Als ich über den Genozid an den Armeniern und die entsprechende Politik sprach, wollte ich betonen, dass dies nicht nur eine Manifestation des historischen Hasses auf die Armenier ist. Das Problem besteht darin, dass die Armenier im Südkaukasus das letzte Hindernis für die Expansion der Türkei Richtung nördlicher Südosten und Osten darstellen.“
Denn die „imperialistische Politik der Türkei“ reiche deutlich weiter als in den Südkaukasus. „Schauen wir uns das Vorgehen der Türkei im Mittelmeerraum, in Libyen, im Nahen Osten und Irak und in Syrien an“, sagte Paschinjan. Seine Auffassung sei, dass Bergkarabach und Armenien aktuell eine „Zivilisationsfront“ bildeten. „Und wenn die internationale Gemeinschaft nicht angemessen auf diese Tatsache reagiert, sollte die Türkei nahe Wien erwartet werden.“
Merkel wegen steigender Opferzahlen in Bergkarabach besorgt
Währenddessen ist Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) besorgt über die anhaltenden Auseinandersetzungen und steigenden Opferzahlen in der Konfliktregion Bergkarabach. In einem Telefonat mit Ministerpräsident Paschinjan habe sie am Sonntag deutlich gemacht, dass alle Seiten die Kampfhandlungen unverzüglich einstellen und Verhandlungen aufnehmen müssten, teilte die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer mit.
Merkel unterstütze „in jeder Hinsicht“ die Erklärung der Co-Vorsitzenden der Minsker Gruppe (Frankreich, Russland, USA) vom 1. Oktober. Die Bundeskanzlerin habe sich zudem dafür ausgesprochen, dass eine humanitäre Feuerpause zur Bergung von Soldaten vereinbart werden sollte, so Demmer weiter. (dts Nachrichtenagentur/red)
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