Freitag, 25. September 2020

Wahl der 72. Deutschen Weinkönigin: Sieben Fragen an Neustadts OB Marc Weigel

11. September 2020 | noch keine Kommentare | Kategorie: Neustadt a.d. Weinstraße und Speyer, Regional

Neustadts OB Marc Weigel gratuliert am 27.9.2019 Angelina Vogt zur Wahl als 71. Deutsche Weinkönigin.
Foto: red

Neustadt- Oberbürgermeister Marc Weigel ist zum dritten Mal als Oberbürgermeister Gastgeber der Wahl der Deutschen Weinkönigin. Vieles ist in diesem Ausnahmejahr coronabedingt anders. In einem kleinen Interview äußert sich Weigel zur diesjährigen Veranstaltung.

Mit welchen Erwartungen, Gefühlen und auch Hoffnungen blicken Sie auf diese Wahl am 25. September, die wie in den Vorjahren im Neustadter Saalbau stattfinden wird?

Weigel: In der Tat hätten wir uns alle wieder ein gesellschaftliches Event wie in den vergangen sieben Jahrzehnten gewünscht. Aber es ist richtig, die Corona-Regeln strikt einzuhalten. Auch wenn also diesmal einiges anders läuft, bin ich frohen Mutes, dass auch die Wahl 2020 ein ganz besonderes Ereignis wird.

Trotz weniger Besucher im Saal wird einem Millionen-Publikum an den Fernsehgeräten wieder einiges geboten. Ich freue mich jedenfalls riesig auf eine schöne, bunte und niveauvolle Show, die auch immer einigen Glanz auf Neustadt an der Weinstraße wirft.

Der SWR wird die Wahl wieder live übertragen. Aber es gibt zahlreiche Änderungen. Statt der 13 Weinanbaugebiete sind 2020 nur sieben mit ihren Kandidatinnen vertreten, da die übrigen sechs amtierenden Gebietsweinköniginnen coronabedingt ihre Amtszeit um ein Jahr verlängern. Dafür sind alle sieben für das Finale qualifiziert. Zuschauer wird es im Saalbau nicht geben. Und erstmals muss Neustadt Ende September/Anfang Oktober auch auf seine einzigartigen Traditions-Veranstaltungen wie dem Deutschen Weinlesefest, dem w.i.n.e.FESTival, dem Winzerfestumzug und dem Weindorf Haiselscher verzichten. Ist der Umstand, dass die Wahl der Deutschen Weinkönigin stattfinden kann und auch 2020 live übertragen wird noch das Beste, was Neustadt bezüglich seiner großen Wein-Events in diesem Pandemie-Jahr erreichen konnte?

Weigel: Ja, unter den aktuellen Einschränkungen ist das sicherlich so. Wie alle anderen Kommunen mussten wir viele Großveranstaltungen absagen. Dabei trifft uns als Genuss- und Weinregion natürlich besonders, dass unsere alljährlichen Top-Events – das Deutsche Weinlesefest, das w.i.n.e.FESTival, Deutschlands größter Winzerfestumzug und das beliebte Weindorf Haiselscher – coronabedingt ausfallen.

Dass unter diesen Umständen die Wahl der Deutschen Weinkönigin dennoch stattfindet, das ist dem großen Einsatz aller Beteiligten geschuldet. So können wir zumindest etwas Normalität und Hoffnung all denjenigen vermitteln, die beruflich mit Wein zu tun haben, aber auch den Millionen, die Weine aus den 13 deutschen Anbaugebieten so sehr schätzen und lieben.

Sie alle können am 25. September ab 20.15 Uhr live an ihren Bildschirmen dabei sein. Und vorab können sie schon am 19. September ab 16 Uhr per Livestream auf den Internetseiten des Deutschen Weininstituts sowie des SWR die Fachbefragung der sieben Kandidatinnen in einem SWR-Studio mitverfolgen. Weiterhin gibt es erstmals eine Livesendung zur Pfälzischen Weinkönigin, den Neustadter Weingarten, der mit einem umfangreichen Hygienekonzept ein gastronomisches Angebot vor dem Saalbau bereithält, sowie Sonderveranstaltungen, die in kleinem Rahmen besprochene Weinverkostungen zu verschiedenen Themen anbieten, wie zum Beispiel: Eine Weltreise zum Spätburgunder, König Riesling, die Burgunderfamilie u.v.m.

Sie sind gebürtiger Neustadter, damit gebürtiger Pfälzer. Bei einem Empfang und Abendessen zu Ehren der Kandidatinnen haben Sie alle sieben kennengelernt. Eine davon ist Anna-Maria Löffler aus Haßloch. Damit steht am 25.9. auch eine Kandidatin aus der Pfalz im Finale. Wie neutral können oder müssen Sie als Neustadts Oberbürgermeister bei der Wahl sein? Denn die Ausgangslage ist ja durchaus spannend: Mit zwölf Deutschen Weinköniginnen liegt derzeit noch die Weinregion Mosel vorn, gefolgt von der Nahe und der Pfalz mit je 10. Bei der Wahl von Frau Löffler könnte die Pfalz Platz zwei unter den Regionen einnehmen.

Weigel (lacht): Wir haben eine lange Tradition als guter Gastgeber dieser Wahl. Und ein guter Gastgeber bedeutet: Er ist immer auch ein neutraler Gastgeber. Das fällt uns umso leichter, da Neustadt ja zweifacher Ausrichter einer Weinköniginwahl ist.

Ebenfalls im Saalbau wählen wir ja eine Woche nach der Deutschen Weinkönigin am 2. Oktober die nunmehr 82. Pfälzische Weinkönigin. Dies wird übrigens erstmals auch live übertragen, vom RNF. Unser regionaler Wein-Enthusiasmus hat damit sein eigenes, großartiges Forum. Außerdem hatte ich die Ehre, vor einigen Wochen im Rahmen einer Abendveranstaltung alle sieben Kandidatinnen kennenzulernen.

Mich hat beeindruckt, mit wie viel Spaß am Miteinander die sieben Finalistinnen ihre Herausforderung angehen. Das sind alles großartige Persönlichkeiten, die mit Fachkenntnis und Empathie punkten. Wer die 72. Deutsche Weinkönigin wird, das entscheidet sicherlich die Tagesform. Verdient hätten diese Krone alle sieben.

Wo werden Sie die Wahl erleben? Ist im großen Saalbau ein Platz für den OB reserviert? Oder genießen Sie dieses Ereignis zuhause im Kreis Ihrer Familie – und mit einem Gläschen Wein von einem Neustadter Winzer?

Weigel: Da ich die Ehre habe, eines der Jury-Mitglieder zu sein, werde ich alles vor Ort im Saalbau genießen können. Bestimmt wird es auch dort ein oder zwei Gläschen Wein geben.

Nach Angaben des Deutschen Weininstituts (DWI) ist der Weinabsatz im 2. Quartal 2020 um 12,5 Prozent gestiegen. Heimische Weine profitierten bei den privaten Einkäufen mit einem Plus von rund 14 Prozent besonders stark von dieser Entwicklung. Wie hat sich dieser Trend hin zu heimischen Produkten auf die Genuss- und Weinregion Neustadt an der Weinstraße ausgewirkt?

Weigel: Es war beruhigend, dass uns dennoch in Neustadt der Wein nie ausgegangen ist. Keine Situation also wie vor Monaten bei Nudeln, Konserven, Hefe und Toilettenpapier. Aber ganz im Ernst: Wein von hier liegt natürlich voll im aktuellen Trend. Produkte aus der Region sind schwer gefragt.

Viele überlegen sich heute zweimal, ob der Transportweg für einen Cabernet Sauvignon aus Argentinien vertretbar ist, wenn der auch in Spitzenqualität vor der Haustür wächst. Und in Zeiten, wo stark auf frische Luft, Erholung und Abstand geachtet wird, bieten unsere neun Weindörfer einfach ein Riesen-Potenzial zum Genuss und Einkauf vor Ort.

Bis 2017 waren Sie als Oberstudienrat am Leibniz-Gymnasium tätig. Dieses Gymnasium liegt bekanntlich in idyllischer Lage direkt unterhalb des Hambacher Schlosses, der Wiege der Deutschen Demokratie. Ist Neustadt ein Musterbeispiel dafür, dass gelebte demokratische Traditionen und monarchische Repräsentantinnen auf wundersame Weise eine Liaison eingehen können?

Weigel: Nun, mit dieser Liaison können wir nicht nur gut leben, sie ist auch ein Aushängeschild unserer Stadt. Das Hambacher Fest von 1832 wurde geschickter Weise zwar als Fest gegenüber den damals autokratischen Obrigkeiten tituliert, zum Schutz der Veranstalter und ihrer Gäste, aber es war natürlich eine Demonstration, ein Aufbegehren für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte.

Die Neustadter konnten „dieses Fest“ glaubwürdig vermitteln. Denn Feiern, zumal mit Wein, das liegt hier einfach in den Genen. Da passt auch gut zusammen, dass das Gymnasium, an dem ich bis 2017 als Lehrer tätig war, den Namen eines freiheitsliebenden, gebürtigen Sachsen trägt, den von Gottfried Wilhelm Leibniz. Zu Recht gilt er als „Universalgenie“ – und auch als einer der Wegbereiter der Aufklärung. Womit sich wieder der Kreis schließt zum Hambacher Fest, was ja wegen seiner Teilnehmer auch ein gesamtdeutsches, gar europäisches Fest war.

Das Gymnasium ist nach Gottfried Wilhelm Leibniz benannt, den Sie gerade als Universalgenie und Vordenker der Aufklärung beschrieben haben. Geistvollen Menschen sagt man nach, dass diese geistreichen Genüssen, vor allem dem Wein, nicht abgeneigt seien. Ist deshalb Leibniz, neben seinen freiheitlichen, politischen und gesellschaftlichen Ausrichtungen, auch als Genussmensch ein würdiger und passender Repräsentant ihrer Stadt?

Weigel: Das darf man gerne so sehen. Zwar gibt es etwa zwei Dutzend Schulen in Deutschland, die den Namen von Leibniz tragen. Doch ich bin mir sicher, dass er sich im heutigen Neustadt ganz besonders wohlfühlen würde. Unsere Stadt ist geprägt von einer Vielzahl von Bildungseinrichtungen. Dazu zählen drei Gymnasien, die Internationale Schule und der Weinbau-Studiengang.

Auch hätte Leibniz seine Freude daran gehabt zu sehen, wie einige seiner Ideen aus dem 17. und 18. Jahrhundert in die Demokratiebewegung einflossen. Auf dem Hambacher Schloss ist das sehr ansprechend aufbereitet. Und: Wer liebt nicht den guten Wein als Gast an der Weinstraße? Gottfried Wilhelm Leibniz wäre schlau genug, auch dieses Angebot genau zu studieren und zu genießen. Unterm Strich: Ja, er wäre sicher ein glaubwürdiger Repräsentant dieser wundervollen Stadt. (red)

 

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