Samstag, 15. Juni 2024

Themenabend in Kandel: Islamwissenschaftler Tarek Badawai: Immer mehr „Wir – Ihr“ in der Gesellschaft

1. September 2016 | Kategorie: Kreis Germersheim, Politik regional, Regional
Dr. Tarek Badawai: 1989-1994: Studium der Erziehungswissenschaft, Publizistik und Psychologie an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz 1984-1988: Studium der Islamischen Studien (Schwerpunkt: Islamischen Religionspädagogik) in Kuwait. Fotos: pfalz-express/Licht

Dr. Tarek Badawai: Kurzinfo: 1989-1994: Studium der Erziehungswissenschaft, Publizistik und Psychologie an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz.
1984-1988: Studium der Islamischen Studien (Schwerpunkt: Islamischen Religionspädagogik) in Kuwait.
Fotos: pfalz-express/Licht

Kandel – Ein Thema mit Brisanz: „Der Islam – zwischen Friedfertigkeit und Gewalt“ lautete das Motto einer Diskussionsveranstaltung in der Stadthalle, veranstaltet von der Jungen Union Kreis Germersheim und Verbandsbürgermeisterkandidat Michael Niedermeier.

Als Gesprächspartner hatte man den Islamwissenschaftler und -Theologen Dr. Tarek Badawia von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz (derzeit beurlaubt zwecks Leitung einer Nachwuchsforschergruppe an der Universität Erlangen) eingeladen.

Es hätte ein hochinteressanter und konstruktiver Abend werden können – wäre da nicht auf einen zu verkopften Vortrag mit einem teils empfindlich agierenden Referenten eine völlig zerfahrene Diskussion gefolgt.

„Zurückgestuft auf Null“

Badawia, gebürtiger Palästinenser, hineingeboren in einen bis heute aussichtslos scheinenden Konflikt, 1991 als Flüchtling mit seiner Familie nach Mainz gekommen, ist heute ein Mann mit hoher Reputation. 2001 promovierte er in Erziehungswissenschaft zum Thema: „Der Dritte Stuhl – Zum kreativen Umgang Immigrantenjugendlicher mit kultureller Differenz“ mit summa cum laude.

Die derzeitige Situation sei schwierig und beängstigend, sagte Badawia, weil Muslime immer mehr mit Terroristen gleichgesetzt würden. Selbst seit Jahrzehnten in Deutschland lebende Muslime würden seit der Flüchtlingswelle in der öffentlichen Meinung alle in einem Topf geworfen: „Zurückgestuft auf Null, als hätten wir gar nichts erreicht.“

„Westliche Politik hat ganze Region destabilisiert“

Im Übrigen sei der Missbrauch von Religion sei kein typisches Merkmal de Islams. Fundamentalismus gebe es in allen Religionen.

Die Region im Nahen Osten sei durch westliche Politik destabilisiert worden – die schlimmsten Konsequenzen müssten die Muslime und nicht andere Völker tragen: „Aber auch hier holt uns die Globalisierung und der globale Krieg ein.“ Das „Durcheinander in den Köpfen“ betreffe vor allem muslimische Jugendliche.

DEN Islam gibt es nicht

Übrigen gebe es nicht den Islam, sondern viele unterschiedliche Lesarten der Verse. Badawai wandte sich scharf gegen die unzähligen „YouTube“- oder „Möchtegern-Theologen“. Die Interpretation von sieben Zeilen nehme mitunter ein halbes Jahr Studium in Anspruch. Deshalb sei die Auslegung nur etwas für Religionsgelehrte.

Die Auslegungen hätten immer auch einen geografischen Hintergrund. In Ägypten gelte beispielsweise eine andere Interpretation als in Marokko. Diese Pluralität sei sogar erwünscht.

Bei 136 Nationen mit Muslimen gebe es, anders als beispielsweise eine Amtskirche, keine vereinheitlichende Institution. „Wir haben keine „eine Stimme“, keine Vertretung.“

Leider sei die wahabitische Schule derzeit immer mehr auf dem Vormarsch, sagte Badawai. Die Vollverschleierung beispielsweise sei eine dominante wahabitische Lesart, „die meisten Muslime wollen das nicht.“

Die Medien aber konstruierten heutzutage ein Feindbild des Islams: „Die Muslime würden sogar für den Weltuntergang verantwortlich gemacht werden“.

„DITIB war jahrzehntelang o.k.“

Warum die Politik nun plötzlich – „nach Jahrzehnten problemloser Zusammenarbeit“ – Bedenken wegens des Moscheenverbands DITIB habe, sei völlig unverständlich. Gespräche mit anderen Verbänden habe man auf Eis gelegt. „Praktische verwaltungstechnische“ Vorschläge erwarte er nun von der Politik zur Lösung des Dilemmas, so Badawai.

Nichts anfangen konnte der Gelehrte auch mit der Forderung, der Islam solle sich reformieren: „Aus der Perspektive eines hier lebenden Moslems sage ich, Islam und Demokratie passen zusammen.“ Für den Westen stehe aber schon das Gegenteil fest.

Auf eine Frage aus dem Publikum, mindestens zwei demokratisch geführte muslimische Länder zu benennen, reagierte Badawai unwirsch: „Auf diesem Niveau diskutiere ich nicht.“

Badawai plädierte jedoch für einen Islam-Unterricht an deutschen Schulen, der von an deutschen Universitäten ausgebildeten Theologen geführt werden solle.

Zugewanderte brauchen Optionen

Der Integrationsarbeit der Bundesregierungen stellte Badawai ein schlechtes Zeugnis aus. Diese werde erst seit 2006 politisch bearbeitet, obwohl schon 1978 der erste Antrag auf Islamunterricht gestellt worden sei. Bis heute trügen alle Beteiligten die Konsequenzen dieser unklaren politischen Linie mit.

Wenn man als Zugewanderter ausreichend Optionen vorfinde, entwickele man auch Bezüge zur Kultur des Gastlands: „ Wenn die Optionen nicht da sind, bleibt man in der Parallelwelt.“

Besonders Jugendliche ohne Perspektive seien für salafistische Demagogen leichte Beute. „Aber ein junger Mensch, der eine Perspektive hat, entscheidet sich immer für das Leben, nicht für den Tod.“ Das würden auch neueste Studien aus der Salafismusforschung belegen.

„Wir – Ihr“

Immer wieder würden Muslime auf eine Position des „nicht dazugehören Wollens“ zurückgestuft werden, kritisierte Badawai, sämtliche Gespräche und Diskussionen drehten sich um Religion: „Oder haben Sie schon einmal mit einem Muslim über Umweltprobleme gesprochen?“

Auch dass er selbst, der sich als Deutscher fühlt, häufig darauf angesprochen werde, woher er „ursprünglich“ komme, empfinde er als eine Art Rassismus, ebenso wie viele Frauen Bemerkungen über ihr Kopftuch.

Immer wieder würden muslimische Mitbürger auf den religiösen Aspekt reduziert, „als wäre die restliche Identität nichts wert. So klappt das nicht mit dem Ankommen.“

Ständig sei man in einer „wir – ihr“ Struktur verhaftet: „Unter diesen Rahmenbedingungen findet die Islam-Diskussion statt. Wenn Politik sich nicht öffnet, sondern nur Forderungen stellt, ist das auch eine eine Art Rassismus.“ Dabei vermischen sich nach Ansicht Badawais religiöse und soziale Diskriminierung.

Gewissermaßen habe man es heute mit einem Phänomen zu tun: „Der unheimliche Moslem wird sichtbar, er möchte auch mitreden. Das scheint vielen nicht zu gefallen.“

Tarek Badawai spricht gerne von der „islamischen Comunity“. Davon würden Viele wieder in ihre Heimatländer zurückkehren, weil sie sich hierzulande nicht wiederfänden. „Bis 2013 gab er mehr Fortzüge als Zuzüge, besonders bei Türken.“ Bedauerlicherweise sei der türkische Präsident Erdogan – nachdem er viel für das Land getan und erreicht habe – nun auf dem Weg zum „Größenwahn“.

„Muslime sind selbst Opfer von Terroristen“

Hat der Islam nun Potenzial für Frieden und für Gewalt? Sowohl als auch, sagt Badawai. Das habe aber mit den Menschen zu tun und nichts mit den Texten im Koran.

Der Mensch sei der Destabilisierungsfaktor: Die Entstehung des IS, die Gewalt-Explosion in den Ländern hätte nach Hinterlassung des Machtvakuums schon viel früher stattgefunden, hätte nicht die Religion noch längere Zeit Frieden gesorgt.

„97,4 Prozent der Muslime hier sind loyal, haben ihren Lebensmittelpunkt hier“, so Badawai. Diese würden genauso wie Einheimische von Terroristen getötet, möglicherweise sogar vorrangig, sollte etwas passieren: „Muslime decken keine Terroristen. Wir sind hier, wir haben die Staatsangehörigkeit aus Überzeugung angenommen.“

Deutschland sei in seiner Harmonie zwischen Politik und Religion beinahe einmalig auf der Welt: „Darauf bin ich stolz.“

Bei der Anschlussdiskussion gab es zwar viele Fragen, aber wenige Antworten. Überlange Statements einzelner Zuhörer, die von den Kernthemen abwichen, und auch weit ausgeholte Repliken des Referenten erschienen wenig ergebnisorientiert: Der berühmte „Rote Faden“ – er fehlte. (Claudia Licht)

V.li.: Gregory Meyer (JU-Vorsitzender Kreis Germersheim), Michael Niedermeier, Tarek Badawai.

V.li.: Gregory Meyer (JU-Vorsitzender Kreis Germersheim), Michael Niedermeier, Tarek Badawai.

 

Tarek Badawai, Kandel

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2 Kommentare auf "Themenabend in Kandel: Islamwissenschaftler Tarek Badawai: Immer mehr „Wir – Ihr“ in der Gesellschaft"

  1. Achim sagt:

    Auch nichts weiter als ein vorantreiben der Islamisierung (Islamunterricht an deutschen Schulen) und ein „Schuld sind nur die anderen“ von diesem „niveauvollem Herrn“.
    Unötig sich so etwas anzuhören.

  2. Achim Wischnewski sagt:

    „Studium der Islamischen Studien in Kuwait.“

    Keine weiteren Fragen!
    (…)