Montag 20.Juli 2026

Sozialpolitik in Wörth: SPD kritisiert Kurs der Stadtspitze – Bürgermeister Weiß verweist auf Konsolidierung und Verantwortung

12. Juli 2025 | Kategorie: Kreis Germersheim, Politik regional

Rathaus Wörth.
Foto: Pfalz-Express/Licht

Wörth – Die SPD Wörth zeigt sich zunehmend besorgt über den Kurs der Stadtverwaltung und der Mehrheitsfraktionen im Stadtrat, insbesondere im Hinblick auf soziale Projekte und die Förderung von Familien, Jugendlichen und Vereinen.

Aus Sicht der Sozialdemokraten markierten jüngste Entscheidungen einen deutlichen Rückschritt in der städtischen Sozialpolitik. Bürgermeister Steffen Weiß (FWG) und die CDU/FWG-Mehrheit im Stadtrat verweisen dagegen auf die angespannte Haushaltslage und notwendige Konsolidierungsmaßnahmen.

„Demokratie leben!“ eingestellt

Kritik übt die SPD unter anderem an der Beendigung des Bundesprojekts „Demokratie leben!“, das im Oktober 2024 auf Initiative der Verwaltung durch einen Stadtratsbeschluss eingestellt wurde. Fraktionschef Mario Daum spricht von einem „fatalen Signal“ und betont, dass gerade jetzt demokratische Bildungsarbeit und gesellschaftliche Teilhabe wichtiger denn je seien. Durch das Programm seien in den vergangenen Jahren zahlreiche Projekte für Vereine, Schulen und die Stadtgesellschaft gefördert worden.

Bürgermeister Weiß hält dagegen: Die Einstellung sei unumgänglich gewesen, auch aufgrund veränderter Anforderungen an die Verwaltung. Eine Fortführung hätte zusätzlichen Personalbedarf bedeutet. Weiß betont zudem, dass die aufgezählten Veranstaltungen nicht den eigentlichen Kern des Programms ausgemacht hätten. Ein Neustart sei perspektivisch möglich.

Erhöhung der Essenspreise an Grundschulen

Auch die im Mai beschlossene Erhöhung der Essensbeiträge an Grundschulen um 40 Prozent ab dem Schuljahr 2025/2026 stößt bei der SPD auf Kritik. Die Partei hatte zuvor sozialverträglichere Modelle vorgeschlagen, die jedoch keine Mehrheit fanden. Daum warnt, dass gerade Familien mit mittleren und niedrigeren Einkommen besonders belastet würden. In anderen Kommunen im Kreis Germersheim gebe es aus seiner Sicht deutlich sozialere Lösungen.

Die Stadt verweist dagegen auf die Konsolidierungsliste, die als Voraussetzung für die Haushaltsgenehmigung durch die Kommunalaufsicht beschlossen worden war. Bürgermeister Weiß betont, dass man mit Befreiungen von Essensbeiträgen für Kinder aus Familien, die Leistungen nach dem Bildungs- und Teilhabepaket oder Anspruch auf Lernmittelfreiheit haben, bewusst soziale Komponenten eingebaut habe. Ein noch höherer Eigenanteil sei vom Landesrechnungshof sogar empfohlen worden.

Jugendsozialarbeit und Verträge

Ein weiterer Streitpunkt ist die Zukunft der aufsuchenden Jugendsozialarbeit*. Der bestehende Vertrag mit einem freien Träger läuft zum 31. Dezember 2025 aus und sollte turnusgemäß verlängert werden. Dies wurde nun jedoch nicht beschlossen. Die SPD befürchtet einen stillschweigenden Rückbau von Angeboten für junge Menschen und spricht von fehlendem Dialog mit Fachkräften und Trägern.

Weiß weist die Vorwürfe zurück. Der Vertrag laufe nicht ersatzlos aus, sondern werde im Zuge von Verhandlungen zu einem Gesamtvertrag neu geordnet. Haushaltsmittel stünden weiterhin zur Verfügung. Man reagiere damit auch auf Unklarheiten zwischen beauftragten und tatsächlich erbrachten Leistungen der letzten Jahre.

Anliegen der Vereine: Bebauungspläne, Sportplätze und Umkleiden

Darüber hinaus sieht die SPD Versäumnisse beim Umgang mit Anliegen von Vereinen. So warte der TV Pfortz Maximiliansau auf Fortschritte beim Bebauungsplan für geplante Umbaumaßnahmen, der FC Bavaria Wörth benötige Klarheit für die Sanierung von Umkleiden, und der TuS Schaidt dränge auf eine Sanierung des Naturrasens. Hartmut Kechler (SPD) mahnt, der genehmigte Haushalt biete die Grundlagen – nun müsse umgesetzt werden.

Bürgermeister Weiß stimmt grundsätzlich zu, verweist aber darauf, dass Verfahren Zeit brauchen. Bei den Umkleiden habe die SPD selbst weitere Beratungen und Prüfungen gefordert, was den Prozess verzögere. Zudem seien die Sanierungen der Rasenplätze eingeleitet. Die Vereinsförderung der Stadt bleibe insgesamt hoch, betont Weiß.

SPD fordert Kurskorrektur

Die SPD mahnt insgesamt eine Kurskorrektur an und warnt vor einem sozialen Rückbau zulasten von Familien, Jugendlichen und Ehrenamt. Gerade in unsicheren Zeiten dürfe Sozialpolitik nicht zum Sparobjekt werden.

Bürgermeister Weiß hingegen plädiert für mehr konstruktive Zusammenarbeit im Stadtrat. Er lädt die SPD ein, gemeinsam tragfähige Lösungen zu erarbeiten, anstatt aus seiner Sicht vorschnell öffentliche Kritik zu üben. „Zu tun gibt es genug“, so Weiß.

* IB erläutert Bedeutung der aufsuchenden Jugendsozialarbeit

Die aufsuchende Jugendsozialarbeit in Wörth ist aus Sicht des Internationalen Bundes (IB) ein wichtiger Bestandteil der lokalen Jugendhilfe. „Wir erreichen junge Menschen dort, wo sie stehen – im öffentlichen Raum, in Schulen, in Jugendzentren oder auch in Einzelgesprächen“, erklärt Karim Eibad, Leiter Süd- und Vorderpfalz beim IB Südwest (Außenstelle Germersheim). Ziel sei es, frühzeitig zu begleiten, Perspektiven aufzuzeigen und Entwicklung zu ermöglichen – immer freiwillig und auf Augenhöhe.

Das komplette Statement im Wortlaut: 

„In Wörth ist Jugendarbeit des Internationalen Bunds nicht nur ein Begriff, sondern gelebte Praxis: Mit der aufsuchenden Jugendsozialarbeit schafft der Träger für die Stadt ein starkes, lebensweltorientiertes Angebot für Jugendliche, das weit über klassische Beratung hinausgeht. Junge Menschen werden dort erreicht, wo sie stehen – im öffentlichen Raum, in Schulen, in Jugendzentren oder auch in ganz persönlichen Einzelsettings.

Ziel ist es, junge Menschen frühzeitig zu begleiten, Entwicklungsräume zu schaffen und Perspektiven aufzuzeigen – immer freiwillig, auf Augenhöhe und mit Respekt vor ihrer Lebensrealität.

Zusammenarbeit und Verankerung im Stadtnetzwerk

Die aufsuchende Jugendsozialarbeit ist eng mit bestehenden institutionellen Angeboten wie Jugendzentren und offenen Einrichtungen verknüpft. Viele Kontakte, die im öffentlichen Raum entstehen, werden in den Einrichtungen fortgeführt – durch offene Treffs, Einzelgespräche oder Gruppenangebote.

Damit wird deutlich: Die „aufsuchenden“ Momente sind nur ein Teil des breiten Arbeitsfeldes. Hinzu kommen Angebotsplanung, Projektentwicklung, Netzwerkarbeit, Evaluation und Berichtswesen – Aufgaben, die pädagogische Fachkräfte mit hoher Professionalität und großer sozialer Kompetenz erfüllen.

Abgrenzung zu Regeldiensten

Im Unterschied zu Ordnungsamt oder Polizei arbeitet die Jugendsozialarbeit nicht repressiv, sondern auf freiwilliger Basis. Sie ist nicht zuständig für Ordnung und Sicherheit, sondern für Beziehung, Unterstützung und Entwicklung. Eine klare fachliche und ethische Abgrenzung ist essenziell – gerade in Situationen, in denen soziale Herausforderungen in den öffentlichen Raum getragen werden.

Der Mensch im Mittelpunkt – authentisch, kompetent, nahbar

Ein zentrales Element für den Erfolg ist die Persönlichkeit der handelnden Fachkraft. Eine authentische, glaubwürdige und jugendnahe Haltung ist unerlässlich, um mit Jugendlichen auf Augenhöhe in Kontakt zu treten. Es braucht „Typen“, die nicht belehren, sondern begleiten – mit klarer Haltung, fundierter Ausbildung und einem pädagogischen Konzept im Rücken.

Finanzierung – strukturelle Herausforderungen für den Träger

Die Finanzierung solcher Angebote bleibt eine strukturelle Herausforderung. Zwar stehen Landesmittel zur Verfügung, doch reichen diese oft nicht aus. Darum kümmert sich der Träger eigenständig und generiert somit einen erheblichen Anteil zur Ausfinanzierung der Vollzeitstelle des aufsuchenden Jugendsozialarbeiters selbst. Die kommunale Kofinanzierung ist in vielen Fällen gedeckelt und nicht ausreichend. Von der Anteilsfinanzierung der Stadt Wörth muss außerdem noch ein Betrag von jährlich 5.000 Euro abgezogen werden, den das Kreisjugendamt als Zuschuss beisteuert – sodass der tatsächlich kommunal zu tragende Anteil entsprechend sinkt.

In Wörth bedeutet das: Der freie Bildungsträger bringt zusätzliche Eigenmittel ein, um das Projekt in dieser Qualität zu ermöglichen. Das ist keineswegs selbstverständlich, da soziale Träger in der Regel keine Eigenmittel für solche Maßnahmen bereitstellen können. Umso mehr zeigt dieses Engagement, wie wichtig uns als Träger die nachhaltige Unterstützung junger Menschen vor Ort ist.

Abgrenzung zur wertvollen Vereinsarbeit

Die aufsuchende Jugendsozialarbeit ergänzt die sehr wertvolle, meist ehrenamtlich getragene Vereinsarbeit vor Ort, ersetzt sie aber nicht. Vereine leisten unverzichtbare Arbeit, indem sie Freizeit- und Gemeinschaftsangebote schaffen und Jugendliche in verbindliche Strukturen einbinden. Allerdings stößt diese Arbeit auch an Grenzen: Vereine haben ein Regelwerk, und Jugendliche, die sich nicht daran halten können oder wollen, fallen oft aus diesen Angeboten heraus. Genau diesen jungen Menschen wendet sich die Jugendsozialarbeit mit ihrem pädagogischen Konzept und fachlicher Ausstattung zu. Sie bietet professionelle Unterstützung, sucht den Kontakt auch zu schwierigen Zielgruppen und hilft, neue Perspektiven zu entwickeln. So entsteht ein umfassendes und ergänzendes Netz für alle jungen Menschen in Wörth. Eine Gegenüberstellung dieser Angebote wäre somit ein grundlegend falscher Ansatz und würdigt beide Angebote in ihrer Wichtigkeit herab.

Langzeitwirkung und Prävention als Investition

Die aufsuchende Jugendsozialarbeit ist nicht nur kurzfristige Unterstützung, sondern eine Investition in die Zukunft. Indem sie jungen Menschen hilft, eigene Stärken zu entdecken, Krisen zu bewältigen und Lebensperspektiven zu entwickeln, verhindert sie häufig das Abrutschen in Hilfesysteme.

Das bedeutet langfristig auch erhebliche Einsparungen für die Gesellschaft: Jeder Jugendliche, der dank erfolgreicher Sozialarbeit nicht dauerhaft auf Sozialhilfe, intensive Hilfen zur Erziehung oder das Justizsystem angewiesen ist, spart über sein Leben hinweg hohe öffentliche Kosten – Gelder, die sonst im Hilfesystem abgerufen werden müssten.

Der Internationale Bund setzt mit der aufsuchenden Jugendsozialarbeit ein klares Zeichen:

Für eine präventive, glaubwürdige, präsente Jugendhilfe – mit Herz, Haltung und hoher Fachlichkeit.

Aufgrund der über viele Jahre gelingenden Arbeit der aufsuchenden Jugendsozialarbeit vor Ort stimmt uns der jetzige Beschluss des Stadtrates, zur Beendigung dieser Maßnahme in der jetzigen Form, nachdenklich.

Für Rückfragen steht der Internationale Bund gerne zur Verfügung.“

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