Montag, 23. September 2019

Leserbrief zur Lesung von Tobias Ginsburg: „Entlarvend gut beschrieben“

18. Juni 2018 | 3 Kommentare | Kategorie: Kreis Germersheim, Leserbriefe und Kommentare

Tobias Ginsburg bei seiner Lesung in Kandel.
Foto: Christian Ratz

Das Bündnis „Wir sind Kandel“ organisierte vom 7. – 16.06.18 eine Themenwoche unter dem Titel „Aktiv für die offene Gesellschaft“. Die Veranstalter dürften mit dem Zuspruch bei den Veranstaltungen sehr zufrieden sein.

Mit großem Interesse und einer ausgeprägten Vorfreude bin ich am vergangenen Freitag, den 15.6., erneut nach Kandel gefahren. Angekündigt war der Autor Tobias Ginsburg, der aus seiner Dokumentation „Die Reise ins Reich – Unter Reichsbürgern“ lesen sollte.

Die Reichsbürger waren auch Bestandteil eines Vortrags, den ich gemeinsam mit einem Kollegen bei der Auftaktveranstaltung der Themenwoche am 07.06. halten durfte.

Was ich mich im Vorfeld fragte: „Wie wird der Autor die Reichsbürger beschreiben, diese einordnen? Wird er zu grundlegend anderen Einschätzungen und Bewertungen kommen, als ich und mein Kollege?“

Gegen 20 Uhr waren die Stuhlreihen in der Stadtbücherei bereits nahezu vollständig belegt und es kamen immer noch Menschen, die wie ich an dem Thema interessiert waren. Wenige Minuten nach zwanzig Uhr ging es dann los.

Glücklicherweise lief die Klimaanlage. Körper und Geist fühlten sich, obschon des schwierigen Themas, gut an. Nach den obligatorischen Begrüßungsreden durch eine Vertreterin von „Wir sind Kandel“ und der Leiterin der Bücherei ergriff Tobias Ginsburg das Wort.

„Die Kaperung des Mordes (durch Rechte) sei eine Katastrophe für Kandel“, war einer der ersten Sätze, die der Autor sprach und der mir besonders gut im Gedächtnis geblieben ist.

Er sprach mir aus der Seele, als er begann zu erläutern, wer oder was denn Reichsbürger überhaupt sind. Denn dies ist alles andere als einfach zu fassen und ungefährlich sind diese Leute schon gar nicht.

Tobias Ginsburg erläuterte, dass man in dieser Szene bspw. Menschen findet, die fest daran glauben, dass die BRD eine GmbH sei und folglich den Personalausweis (Ausweis für das GmbH-Personal) ablehnen. Stattdessen besorgt man sich bei Behörden einen „gelben Schein“, der die Staatszugehörigkeit zum deutschen Reich stand 1913 bestätigt.

Andere Mitglieder von Reichsbürger-Gruppierungen folgen diversen Verschwörungstheorien, z.B. der über 9/11., oder sind felsenfest davon überzeugt, dass die NWO (New World Order) der Gegner, das Böse schlechthin, sei, also das internationale Großkapital, westliche Marionetten-Regierungen, die Juden und alle, die nicht so ticken wie sie, die Reichsbürger.

Andere wiederum glauben, dass z.B. unsere Bundesregierung durch den CIA fremdgesteuert sei und dies alleinig aus dem Zweck den großen Austausch, die Umvolkung, zu vollziehen. Sprich die weiße, mehrheitlich christliche Bevölkerung durch Menschen zu ersetzen die u.a. den Islam als Religion gewählt haben, Araber oder Afrikaner sind und so noch einiges mehr.

Die Systemmedien, die Lügenpresse, gehören auch zum Feindbild. „Total irre.“, dachte ich mir. Der Autor äußerste sich in ähnlicher Weise, was mich sehr beruhigte.

Dann erzählte Tobias Ginsburg, der 2017 rund 9 Monate undercover in der Reichsbürger-Szene verbrachte, über seine Erfahrungen in einem Königreich. Eines hatte ich bei meinen Recherchen zum Thema bereits gelernt: Reichsbürger, die unsere freiheitlich demokratische Grundordnung pauschal ablehnen, tendieren gerne dazu ihre eigenen „Reiche“ zu gründen.

Ein solches Reich kann dann auch schon Mal eine 2,5 Zimmer-Wohnung sein oder das Einfamilienhaus des Reichsbürgers. Wiederum andere gründen gleich ein Königreich und erwerben hierzu mit Spendengeldern ein ehemaliges Krankenhaus. So geschehen in Wittenberg. Der selbsternannte König und Imperator, Peter Fitzek, sitzt nun, verurteilt wegen diverser Delikte, hinter Gittern, wusste der Autor zu berichten.

Tobias Ginsburg lernte während seiner „Querfront-Reise“ den Dauer-Demoanmelder in Kandel Marco Kurz kennen. Marco Kurz war damals noch voll und ganz mit seinem inzwischen gescheiterten Projekt „Marsch 2017“ beschäftigt und extrem bemüht die bundesweite Vernetzung voran zu treiben und eine Taktik zu finden, um die Bundesregierung zu stürzen.

In seinem Buch schreibt der Autor über ein konspiratives Treffen in Kassel, zu dem Kurz eingeladen hatte und welche Menschen er dorthin mobilisiert hatte. Zimperlich war Marco Kurz bei seiner Auswahl nicht, so der Autor, vom gewaltbereiten Anarchisten, über vegane, esoterische Verschwörungstheoretiker bis hin zu einem ehemals für das öffentlich-rechtliche Fernsehen arbeitenden Reporter und furchteinflößend wirkenden „Männern aus einem Dorf“ war so ziemlich alles vertreten, was man sich vorstellen könne.

Ich atmete tief durch und sagte zu mir selbst „Schau an, genau das was du auch herausgefunden hast. Mit u.a. solchen Leuten zieht Marco Kurz durch Kandel.“

Tobias Ginsburg vertritt die Auffassung, dass es Marco Kurz in Kandel weder um Trauer geht, noch um den Schutz von Frauen und Kindern. Sein einziges Ziel sei es, seine Absichten, die er schon mit dem Marsch 2017 versuchte umzusetzen, jetzt unter neuem Deckmantel und einer perfiden Taktik zu realisieren.

Einer Taktik, mit der versucht wird, mit reichsbürger-typischen Verschwörungstheorien gepaart mit Hetz- und Hasspropaganda, die sich ausschließlich auf Gewaltverbrechen begangen durch zu uns Geflüchtete, fokussiert.

Ich vermute dahinter ein Geschäftsmodell, welches mir so gar nicht gefällt, da demokratiefeindlich, gesellschafts-spaltend, unnötig – kann weg. Parolen wie „Merkel muss weg, Poß und Tielebörger müssen weg“, fielen mir in diesem Zusammenhang und wie ich sie seit Januar 2018 mehrfach in Kandel hören musste ein.

In seinem Buch beschreibt Ginsburg auch was der völkische Flügel der AfD mit Reichsbürgern zu tun hat. Welche AfD-Politiker er bei seiner Reise ins Reich getroffen hat und welche Reichsbürger-Thesen diese vertreten. Einer dieser AfD-Politiker sitzt nun im Bundestag und leitet den Haushaltsausschuss. Auch dies deckt sich mit meinen Beobachtungen, erinnerte ich an diesem Abend.

Bis zu dieser Stelle war der Leseabend bereits schon sehr erkenntnisreich gewesen, für mich und die etwa gut 70 BesucherInnen in der Stadtbücherei.

Während der Diskussionsrunde kamen noch jede Menge an weiteren Informationen hinzu und es wurden sehr viele Fragen gestellt. Ein Besucher fragte, ob denn das Finanzamt nicht genau hinschauen würde, wenn Leute wie Marco Kurz Spenden sammeln würden. Der Autor antwortete, dass dies natürlich eine berechtigte Frage sei, über die sich die zuständigen Stellen kümmern müssten.

(…)

Welche Empfehlungen der Autor geben könne, um die rechten Aufzüge in Kandel abzustellen, fragte eine andere Person. Ginsburg sagte, er könne hier keine konkreten Ratschläge geben. Richtig und wichtig findet er, solche Themenwochen oder andere Formate zu wählen, um die MitbürgerInnen weiter zu informieren und zu sensibilisieren. Auch der Protest auf der Straße sei legitim.

Spontan fiel mir der Spruch „Kein Fußbreit den Faschisten“ ein und wie sehr auch ich solche Veranstaltungen für eine bunte und offene Gesellschaft schätze.

Ungeheuerlich finde ich, als Tobias Ginsburg darüber berichtete, was im Vorfeld der Autorenlesung seitens der Tageszeitung „Die Rheinpfalz“ erfolgt ist.

Die Zeitung hatte Passagen aus seinem Buch an „Rechte“ geschickt und um Kommentar gebeten. Das dies weder journalistisch verantwortlich war, noch irgendwie sonst vernünftig erklärbar ist, liegt auf der Hand. Der Autor kommentierte dies sarkastisch mit „Danke, liebe Rheinpfalz“.

Um 22:15 Uhr war die Veranstaltung, bei der erneut Störer versuchten, diese zu besuchen, aber von OrdnerInnen zielorientiert abgewiesen wurden, zu einem Ende gelangt. In Kandel wollte oder konnte Tobias Ginsburg nicht übernachten. Unter Personenschutz wurde er zu seinem Auto begleitet. „Danke Rheinpfalz“, dachte ich mir später.

Mit vielen Gedanken im Kopf begab ich mich auf die Heimfahrt. Gedanken, die die meisten BesucherInnen an diesem späten Freitagabend auch mit nach Hause genommen haben dürften.

Ich habe mir das Buch von Tobias Ginsburg in Kandel gekauft. Was ich bislang lesen konnte, war sehr spannend. Definitiv war es kein Fehlkauf, den ich getätigt habe.

Christian Ratz

Freier Fotojournalist (Kommunalinfo Mannheim)

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3 Kommentare auf "Leserbrief zur Lesung von Tobias Ginsburg: „Entlarvend gut beschrieben“"

  1. Armin Schmidt sagt:

    Dazu fällt mir nur ein: Kommunisten unter sich.

    Träumt dann mal schön weiter, solange es noch geht.

  2. Tatsachen sagt:

    Auch ich war an dem Abend in der Bücherei.
    Über manche Reichsbürger mag man ja noch schmunzeln; sie sind einfach zu skuril.
    Leider haben sich diese Ideen bis in die Mitte der Gesellschaft bewegt und werden dort nicht als das erkannt, was sie sind; Ziel ist die Abschaffung der parlamentarischen Demokratie – das bedeutet nämlich der Satz „Merkel muss weg“, „Poss muss weg“, usw.

    Es gibt viel zu tun. Sicherheit, Bildung, Renten, Mieten, Pflege.
    Die Patrioten bieten keine Lösungen – ausschließlich die sog. nationale Identität, was immer das genau sein mag. Wenn sie an der Macht sind, geht es niemandem im Volk besser. Wirklich niemandem. Außer der neuen elitären Führung.

  3. GGGGGGKKKKKEEEE sagt:

    Der Satz „Deutschland ist seit 1945 zu keinem Zeitpunkt voll souverän gewesen“ stammt übrigens von Wolfgang Schäuble. Ist der auch ein Reichsbürger?

    Ansonsten gilt, was eine Minfelderin letzten Samstag auf der Demo in Kandel gesagt hat:

    „Aufrechte Demokraten haben keine verdeckten Ermittlungen und Unterstellungen nötig.
    Wenn Bürgermeister Poß … dafür sorgt, dass sämtliche Unkosten für diese Hetzkampange aus der Steuerkasse bezahlt werden, besteht längst schon die Verpflichtung den großen Berg an Fehlentscheidungen vor der eigenen Tür wahrzunehmen.“

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