Donnerstag 10.September 2026

Hotspot Annweiler: Junge Mittelalterforschung – Justinianische Pest am Beginn des Mittelalters

8. August 2026 | Kategorie: Kreis Südliche Weinstraße, Regional, Regional

Helga Salm: „In Anlehnung an das stupor mundi – das „Staunen der Welt“, wie Friedrich II genannt wurde – gilt auch für diese Vortragsreihe: hier lernt man das Staunen“.
Foto: hi

Annweiler. Mit einer spontanen Laudatio von Helga Salm für Sven Gütermann, Leiter des Annweiler „Museum unterm Trifels“ und Initiator der Vortragsreihe „Junge Mittelalterforschung“, startete die neue Saison 2026/2027.

Mit mehr als hundert Besuchern war der Ratssaal der Verbandsgemeinde Annweiler bis auf den letzten Platz gefüllt. Im Auditorium begrüßte Gütermann unter anderem Bürgermeister Christian Burkhart und Ortsbürgermeister Hans-Peter Carius.

Schon der Auftakt machte deutlich, welchen Stellenwert die Vortragsreihe inzwischen weit über Annweiler hinaus genießt. In ihrer spontan gehaltenen Laudatio würdigte Helga Salm das langjährige Engagement von Sven Gütermann.

Mit Beharrlichkeit, fachlicher Kompetenz und großem persönlichem Einsatz habe er die Reihe aufgebaut und zu einer festen Größe im kulturellen Leben der Region entwickelt.
Wissenschaft auf hohem Niveau verständlich zu vermitteln und zugleich renommierte wie junge Forschende nach Annweiler zu holen, sei sein besonderes Verdienst.
Der lang anhaltende Applaus des Publikums unterstrich diese Wertschätzung und spiegelte die große Resonanz wider, die die Veranstaltungsreihe inzwischen erfährt.

Karl-Heinz Leven (rechts) eröffnete die neue Saison der Vortragsreihe „Junge Mittelalterforschung“ gemeinsam mit Helga Salm (mitte), die den Museumsleiter und Initiator Sven Gütermann (links) mit einer spontanen Laudatio würdigte.
Foto: hi

Karl-Heinz Leven: Hat die Justinianische Pest zum Untergang Roms beigetragen?

In seiner Einführung stellte Sven Gütermann den wissenschaftlichen Werdegang des Referenten vor. Der Medizinhistoriker, Prof.Dr. med. Karl-Heinz Leven, habilitierte sich 1993 im Fach Geschichte der Medizin und ist seit 2009 Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die antike Medizin sowie die Geschichte mittelalterlicher Seuchen. Gütermann bezeichnete Leven als „eine der führenden Persönlichkeiten auf diesem Forschungsgebiet“.

Neue Erkenntnisse zur ersten Pestpandemie

Im Mittelpunkt des Vortrags stand die Justinianische Pest, die ab dem Jahr 541 n. Chr. große Teile des Byzantinischen Reiches und Europas heimsuchte. Sie gilt als die erste historisch eindeutig nachweisbare Pestpandemie und markiert nach Ansicht vieler Historiker einen Wendepunkt am Übergang von der Spätantike zum frühen Mittelalter.
Leven spannte den Bogen von den schriftlichen Überlieferungen antiker Chronisten bis zu den neuesten Erkenntnissen der Paläogenetik. Besonders eindrucksvoll waren die Ergebnisse moderner DNA-Analysen an historischen Skelettfunden.

Sie ermöglichen heute den eindeutigen Nachweis des Erregers Yersinia pestis und liefern neue Erkenntnisse über Ausbreitung, Sterblichkeit und die tatsächlichen Auswirkungen der Pandemie.

Archäologie trifft Naturwissenschaft

Der Referent machte deutlich, wie eng Geschichtswissenschaft, Archäologie, Medizin und Naturwissenschaft inzwischen zusammenarbeiten. Moderne Untersuchungsmethoden eröffnen neue Einblicke in die Lebens- und Krisensituationen der Menschen des frühen Mittelalters und führen dazu, dass lange vertretene historische Annahmen heute kritisch überprüft werden.
Dabei ging Leven auch der Leitfrage seines Vortrags nach, ob die Justinianische Pest tatsächlich auch zum Niedergang des Oströmischen Reiches beziehungsweise zum Ende der Antike beigetragen habe.

Seine Antwort fiel differenziert aus: Die Pest sei ein bedeutender Faktor gewesen, habe den Untergang des Römischen Reiches jedoch nicht allein verursacht. Vielmehr sei sie Teil eines komplexen Zusammenspiels aus politischen, militärischen, wirtschaftlichen und klimatischen Entwicklungen gewesen: Pest, Klima, Migration („Völkerwanderung).

Der Untergang Roms. Einmal aus anderer Sicht beleuchtet von einem Medizinhistoriker mit Forschungsschwerpunkt mittelalterliche Seuchen.
Foto: hi

Lebhafte Diskussion

Im Anschluss entwickelte sich eine lebhafte Fragerunde. Zahlreiche Besucher nutzten die Gelegenheit, mit dem Referenten über Ursachen und Folgen der Pandemie zu diskutieren.
So fragte die bekannte Biologin, Dagmar Lange, nach dem Einfluss klimatischer Veränderungen auf die Ausbreitung der Seuche. Leven erläuterte, dass klimatische Faktoren durchaus eine Rolle gespielt haben könnten, ihre Bedeutung jedoch weiterhin Gegenstand aktueller Forschung sei.

Annweiler etabliert sich als Mittelalterzentrum der Pfalz

Mit dem gelungenen Auftakt ist der Vortragsreihe „Junge Mittelalterforschung“ erneut ein beeindruckender Start in die neue Saison gelungen. Die Verbindung aus wissenschaftlicher Exzellenz, verständlicher Vermittlung und außergewöhnlich großem Publikumsinteresse macht Annweiler zunehmend zu einem anerkannten Ort historischer Forschung in der Pfalz.

Der überfüllte Vortragssaal zum Saisonauftakt zeigt eindrucksvoll, dass das Interesse an fundierter Mittelalterforschung ungebrochen ist und die Vortragsreihe ihren festen Platz im Kulturleben der Region gefunden hat. (Günter Hirschmann)

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