Freitag, 06. Dezember 2019

Enthüllungsjournalist Günter Wallraff in Landau: „Meine Vorbilder sind Till Eulenspiegel und der Soldat Schweijk“

21. Mai 2017 | 1 Kommentare | Kategorie: Landau, Regional
Große Begegnungen: Günter Wallraff in Landau. Foto: Pfalz-Express/Ahme

Große Begegnungen: Günter Wallraff in Landau.
Foto: Pfalz-Express/Ahme

Landau. Anja Ohmer vom Zentrum für Kultur- und Wissensdialog (ZKW) der Universität Landau ist Organisatorin der Reihe „Große Begegnungen“, in die sich jetzt nach Martin Walser, Reinhold Messner, Moritz Freiherr Knigge, Claus Hipp, Alfons Schuhbeck, Pater Anselm Grün, Prof. Dr. Ernst von Weizsäcker und Necla Kelek, Enthüllungsjournalist Günter Wallraff, einreihte.

Die eingeladenen Persönlichkeiten stehen mit ihrem Namen für ein Lebenswerk, für ein besonderes Thema oder haben Entscheidendes zur Kultur beigetragen. Die „Großen Begegnungen“ werden gefördert von der VR Bank Südpfalz und der Energie Südwest.

Günter Wallraff berichtete in der gut besetzten Jugendstil-Festhalle in Landau von seinen oft gefährlichen und haarsträubenden Erlebnissen während seiner Recherchen.

Die Schüler des Pamina Zentrums in Herxheim hätten sich Wallraff als Gast gewünscht, berichtete Ohmer in ihrer Begrüßung, was die rührige Veranstalterin auch gleich möglich gemacht hat. Ermöglicht hat sie es ihnen auch, mit Günter Wallraff im Foyer der Halle Tischtennis spielen zu können.

Wallraff ist begeisterter Tischtennisspieler und hat zuhause in Köln-Ehrenfeld eigens einen Schuppen umfunktioniert, in dem er schon mit dem damaligen BILD-Chefredakteur Kai Diekmann, Wolf Biermann und Salmon Rushdie spielerisch gefightet hat.

Anja Ohmer begrüßte die vielen Gäste...

Anja Ohmer begrüßte die vielen Gäste…

Besonders das Diekmann-Spiel war nicht ohne Brisanz, war Wallraff doch 1977 als Journalist Hans Esser undercover bei BILD unterwegs. Die Erfahrungen dort schrieb er in seinem Bestseller „Der Aufmacher“ nieder.

Günter Wallraff sei Synonym für den investigativen Journalismus in Deutschland. Seit mehr als 50 Jahren enthülle er Missstände wie Ausbeutung, Rassismus oder Unterdrückung, so Ohmer, die zunächst die Person Wallraff beleuchtete.

...die auch das Interview interessiert verfolgten. Foto: Pfalz-Express/Ahme

…die auch das Interview interessiert verfolgten.
Foto: Pfalz-Express/Ahme

Der 75-Jährige hatte 1963 den Wehrdienst verweigert, wurde in eine psychiatrische Abteilung eingewiesen, wo er anfing, Tagebuch zu schreiben. „Für Krieg und Frieden untauglich“ hatte man ihm damals attestiert.

Seine Reportage „Ganz unten“ aus dem Jahr 1985, in der er in seiner Rolle als illegaler Bauarbeiter Ali über den menschenverachtenden Handel mit Leiharbeitern berichtet, ist mit über fünf Millionen verkauften Exemplaren das meistverkaufte Sachbuch im Nachkriegsdeutschland und seine berühmteste Rolle geworden.

Für große Resonanz sorgten zuletzt seine Enthüllungen mit dem „Team Wallraff“ auf RTL über Burger King, die Pflegebranche oder das Wach- und Sicherheitsgewerbe.

Wallraff war auch verdeckt als Obdachloser in Nachtasylen und vor den Schreibtischen von Sachbearbeitern in Wohnungsämtern unterwegs sowie als Niedriglöhner in einer Brötchenfabrik, als Call-Agent im „Outbound“-Geschäft oder als Paketauslieferer bei GLS tätig.

Und die Recherchen gehen weiter. „Ich bekomme jeden Tag Zuschriften von Leuten, eine Lawine von Hilferufen, von Leuten, die abgehängt sind“, berichtet Wallraff. Er hat dafür eigens ein Büro „Work-Watch“ gegründet. Gerne ruft er bei den entsprechenden Konzernen an und ist meist auch erfolgreich. Meist genüge schon zu sagen: „Dann muss ich es nicht veröffentlichen“, so Wallraff.

Sogar eine Gesetzesänderung (Widerrufsrecht, Anrufe seitdem illegal) konnte Wallraff bewirken. Durch seine Recherchen als call-Agent sei „die Branche gebremst“ worden.

Erfolgreich war Wallraff auch in letzter Zeit im Fall der Lebenshilfe in Speyer: „Hier ist Einiges verbessert worden“. Trotzdem habe er wieder eine Zuschrift dazu bekommen. „Da will ich mit denen reden“, denn es sei „eine größere Befriedigung, das hinzubekommen, als neue Skandale zu veröffentlichen“. Diese Äußerung wurde mit Applaus vom Publikum honoriert.

Ein Problem, das ihn zur Zeit beschäftigt, sind die unzumutbaren Zustände bei manchen Paketdiensten. Diese schickten Schlepper nach Rumänien, um Personen anzuheuern, die später gegen einen Mindestlohn oder als scheinselbstständige Unternehmer arbeiten müssten.

Wallraff im Interview mit Reiner Folk. Foto: Pfalz-Express/Ahme

Wallraff im Interview mit Reiner Folk.
Foto: Pfalz-Express/Ahme

Dann gibt es noch die Bäckereikette, die Mobbing gegen ihre Verkäufer betreibt, und, und und: „Ich könnte Abende mit Beispielen füllen“, bekundet Wallraff.

Wie sieht er sich selbst? Wallraff fühlt sich als Moderator und nicht als Ombudsmann.
„Ich habe eine kindliche Lust am Verkleiden, sehe mich als Narr im christlichen Sinn“. Seine Vorbilder seien als Kind Eulenspiegel und der Soldat Schweijk gewesen, bekennt Wallraff später im Interview mit Reiner Folk. Die Sendung wird am 5. August um 17.05 in SWR2 ausgestrahlt.

Am Ende der Veranstaltung wurde für Aktionen zur Freilassung Yücels gesammelt. Foto: Pfalz-Express/Ahme

Am Ende der Veranstaltung wurde für Aktionen zur Freilassung Yücels gesammelt.
Foto: Pfalz-Express/Ahme

Wallraff beschäftigt die deutschen Gerichte – aktuell hat er drei Prozesse unter anderem gegen Zalando laufen. Es gibt sogar eine nach ihm benannte „Lex Wallraff“, die den „Tatbestand des Einschleichens“ zum Inhalt hat.

Wallraff, bekennender Linker, beklagt die soziale Ungerechtigkeit. „Es geht ein Riss durch die Gesellschaft“, der Mindestlohn müsste mindestens 11,85 Euro betragen: „Deutschland hinkt hinterher“.

Wallraff kritisierte aber auch explizit die Linken für ihre unterwürfige Islamrelativierungen. Man müsse die patriarchalischen Strukturen und die islamischen Diktatoren samt ihrem weltweiten Islamterror kritisieren dürfen.

Nach den Nazi-Vorwürfen sollten die Bundeswehr-Kasernen umbenannt werden. Er sagt aber auch: „Das war früher normal, da hat jeder dritte Berufssoldat NPD gewählt“.

Die Türkei sei eine Diktatur, die Menschenrechte außer Kraft setze. Aus diesem Grund gibt es Wallraff-Aktionen, die helfen sollen, dem in der Türkei inhaftierten WELT-Korrespondenten Deniz Yücel, zur Freiheit zu verhelfen. (desa)

Beeindruckende Persönlichkeit mit starkem Gerechtigkeitsgefühl: Günter Wallraff. Foto: Pfalz-Express/Ahme

Beeindruckende Persönlichkeit mit starkem Gerechtigkeitsgefühl: Günter Wallraff.
Foto: Pfalz-Express/Ahme

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Ein Kommentar auf "Enthüllungsjournalist Günter Wallraff in Landau: „Meine Vorbilder sind Till Eulenspiegel und der Soldat Schweijk“"

  1. Johannes Zwerrfel sagt:

    Wallraff kritisierte aber auch explizit die Linken für ihre unterwürfige Islamrelativierungen. Man müsse die patriarchalischen Strukturen und die islamischen Diktatoren samt ihrem weltweiten Islamterror kritisieren dürfen.
    ————————-
    Einer der WENIGEN Durchblicker im linken Lager. Alice Schwarzer gehört auch noch dazu!
    Weiter so!
    😉

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