
Ortsbürgermeister Gerhard Beil (2.v.re.) kennt sich in der Geschichte Rheinzaberns bestens aus.
Foto: Beil
Rheinzabern – „Stehn‘se kommod!“, begrüßte Ortsbürgermeister Gerhard Beil Gäste der Deutschen Gesellschaft für Historische Uniformkunde –DGHU- aus Germersheim, die in Rheinzabern ihren Jahresabschluss feierten und etwas über die Gemeinde wissen wollten.
Eine gute Gelegenheit für den Ortschef, sich bei der DGHU für die Teilnahme am letztjährigen Festumzug zu „revanchieren“ . So lag ein Hauch von „Lilli Marlen“ in der Luft, als man sich bei der Laterne am Flachsmarkt traf. Angeführt von Oberstleutnant i. Tr. Uto Ziehn waren im Tross alle möglichen „Dienstgrade“ vertreten, vom „Putzfleck“ über „Gemeine“ bis zum „Stabsoffizier“ der Bayerischen Armee, dazu auch Lazarettschwestern und Marketenderinnen.
Im Rahmen der grenzüberschreitende Zusammenarbeit und Freundschaft waren auch Mitglieder aus dem Elsass und aus Lothringen gekommen.
Die DGHU besteht aus historisch Interessierten, die „lebendige Geschichte“ inszenieren, indem sie bei Jubiläen, Gedenktagen oder Historischen Feiern mitwirken, so etwa beim Festungsfest in Germersheim, beim „Tag des lebendigen Denkmals in Spichern“ oder bei der „Bataille de Woerth 1870“. Die Jahresaktivitäten spielen zwischen „Kaisermanöver“ und „Königgrätz“.
Es geht aber nicht um das Militärische an sich, vielmehr will man verdeutlichen, wie Kriegshandwerk, Kasernenleben, Festungsregeln, militärische Restriktionen oder militarisierter Alltag lange Zeit Staat und Gesellschaft geprägt haben.
Am Flachsmarkt erläuterte Gerhard Beil den Gästen zunächst die kleinbäuerliche Struktur des alten Rheinzabern, mit Minianwesen und Gemeinschaftshöfen, großer Kinderzahl, Wohnungsenge, ungesunder Wasserversorgung etc. Selbstversorgung, etwas Milchvieh, dazu Flachsanbau, der die Menschen kaputt machte.
Baumwolle aus den Kolonien ließ Flachsanbau und Heimweberei unattraktiv werden, stattdessen zog als neues Standbein der Tabakanbau ein. Nach einer Blütezeit in den Nachkriegsjahren ist Tabakanbau mittlerweile deutlich auf dem Rückzug.
Typisch für die alte kleinteilige Landwirtschaft war auch die genossenschaftliche Milchzentrale zur Erleichterung des Milchabsatzes an Molkereien. Nicht zu vergessen die Knochenarbeit der Waschfrauen, die bei jedem Wetter mit kaltem Wasser am Erlenbach „sudeln“ mussten, oft von Gicht und Rheuma geplagt, abgeschafft und ausgelaugt.
Am Kirchplatz stand die schier 1050 Jahre dauernde Zugehörigkeit Rheinzaberns zum Hochstift Speyer im Mittelpunkt. Kirchenbau und Friedhofsverlagerungen waren ebenso ein Thema wie das Schulwesen oder berühmte Rheinzaberner wie Paul Fagius bzw. die Gebrüder Pfeiffer.
Aus aktuellem Anlass wurde natürlich der „Anneresl“ vorgestellt, den sogar die Dichterin Elisabeth Langgässer ausdrücklich erwähnt.
Im Rathaushof sprach Gerhard Beil über den Strukturwandel der letzten 50 Jahre im Dorfgebiet, die Auswirkungen der Verwaltungsreform und die Umgestaltung des historischen Ortskerns zum kulturellen Zentrum mit Kirche, Museum und Rathaus. Natürlich ging man auf die günstige Verkehrslage Rheinzaberns seit Bau der Römerstraße ein, die vielfach aber auch Heerstraße mit Requirierungen, Furagierungen oder Brandschatzungen war.
Am großen Luftbild im Ratssaal verdeutlichte Gerhard Beil nochmals die Entwicklung der Gemeinde und erklärte dabei die Siedlungstätigkeit der Nachkriegszeit, die ganz wesentlich durch die Archäologie vorgegeben war. Römerdorf ist man nicht nur wegen des Museums allein, sondern wegen der Lage weiter Straßenzüge im Bereich des einstigen römischen Vicus Tabernae.
Dessen Aussehen und Bedeutung wurde erst anhand der Zeichnungen von Jean-Claude Golvin richtig sichtbar. Überhaupt erfuhren die Gäste vieles, das nirgends aufgeschrieben, sondern dem Erfahrungsschatz des Ortsbürgermeisters entwachsen ist.
Mittlerweile knurrte vermutlich der ein oder andere Magen, so dass der Sitz mancher Uniform gefährdet schien. Nachdem Uto Ziehn sich für die DGHU bedankt hatte, rückte die Truppe wieder zur Fortsetzung ihres Jahresabschlusses „ohne Tritt“, aber zügig, ins Gasthaus „Römerbad“ ab, um dort mit Messer und Gabel die „Bataille de Rosel“ zu schlagen, die „Vernichtung“ größerer Mengen von Köstlichkeiten aus Küche und Keller. (Gerhard Beil/red)

Diesen Artikel drucken

Rheinzabern – Flachs gilt als wichtigster in Mitteleuropa wachsender Textilrohstoff. Einst prägten Hanf- und Flachsanbau auch die Landwirtschaft in der Südpfalz, ehe ...
Rheinzabern – Dienstag, 24.September, 8 Uhr in: Babylonisches Sprachgewirr an der IGS, dazwischen vereinzelt Flaggen. Europa trifft sich im Kleinen. Das Comenius-Programm ...
Rheinzabern – Der Wahlkampf im Jahr 2017 lässt grüßen: Karl Dieter Wünstel und Landrat Dr. Fritz Brechtel überraschten unlängst die Rheinzaberner Frühaufsteher ...
Rheinzabern – Seit vielen Jahren lädt die Gemeinde Rheinzabern am 3. Adventssonntag ihre Senioren zu einem gemütlichen Nachmittag ein. Ortsbürgermeister Gerhard Beil ...
Rheinzabern – Peter Mohr, langjähriger Mitarbeiter der Gemeinde Rheinzabern, trat am 1. April 2016 seinen wohlverdienten Ruhestand an. Seit 1. April 1988 ...
Rheinzabern – Fast am originalen Standort des letzten öffentlichen Brunnens im Flachsmarkt entstand in den letzten Monaten ein netter Ort zur Begegnung, ...
Rheinzabern – „Lasst die Fahnen wehen!“, hieß ein Aufruf von Ortsbürgermeister Gerhard Beil an die Rheinzaberner, um die Bewohner des Römerdorfs dazu zu animieren, Flagge ...
Reinzabern – „Mit allen Sinnen“, lautet das Motto des Kultursommers Rheinland-Pfalz 2014. Erstmals ist die Volkshochschule Rheinzabern mit dabei, gerade richtig zum ...
Rheinzabern – Die Volkshochschule Rheinzabern veranstaltet im Oktober 2014 eine Studienfahrt nach Flandern, ins Artois und in die Picardie. Anlässlich des 100. ...
Rheinzabern – Margit Müller, die Leiterin der KiTa Mühlgasse, beging dieser Tage ihr 40-jähriges Berufsjubiläum. Aus diesem Grund überreichte ihr Ortsbürgermeister Gerhard ...
Rheinzabern – „Kirgisistan – ein fernes Land so nah“, heißt die neue Sonderausstellung im Terra-Sigillata-Museum, zu deren Eröffnung der frisch akkreditierte kirgisische ...
Rheinzabern – Seit gut zwei Jahrzehnten gibt es den Drei-Zabern-Weg, der am Museum in Rhein-Zabern beginnt. Eine rote Raute markiert die Wanderroute ...












Einmal ganz davon abgesehen, daß Herr Uto Ziehn kein Major, sondern Oberstleutnant ist, gefällt mir der Artikel ausnehmend gut. Ich würde mir wünschen, mehr Artikel, in welchen über unsere Passion berichtet wird, würden in genau diesem Stil geschrieben: Sachlich korrekt, mit etwas Humor und absolut ohne Wertung. Weiter so, Herr Beil und vielen Dank dafür.
Holger Bieler, 1. Compagnie, 2. Bad. Grenadier=Regiment ‚Kaiser Wilhelm I.‘ N°110
Es ist schön, dass Geschichte und Geschichten einen würdigen Rahmen bekommen.