Zukunftsforum Wald und Natur in Annweiler: Unser Wald braucht Hilfe

15. Februar 2020 | noch keine Kommentare | Kategorie: Kreis Südliche Weinstraße, Regional

Wolfgang Schuh: „Der Wald verbessert das Klima. Über 2.000 Mio t CO2 speichert der deutsche Wald. Durch eine nachhaltige Waldwirtschaft nimmt der CO2-Speicher jährlich um 50 Mio t zu“. V.l.n.r.: Werner Kempf, Ulrich Matthes, Wolfgang Schuh, Christine Schneider, Christian Burkhart.
Foto: hi

Annweiler. Das Interesse war groß. Rund 130 Zuhörer waren am Donnerstag dieser Woche in den Hohenstaufensaal zum Zukunftsforum Wald und Natur gekommen, um von hochkarätigen Experten aus Wissenschaft und Politik zu hören, wie sich der heute schon messbare Klimawandel auf die Zukunft des Waldes auswirkt.

Dazu eingeladen hatte der CDU Gemeindeverband Annweiler unter der Leitung von Werner Kempf. Die Moderation der Veranstaltung übernahm Bürgermeister Christian Burkhart.

Ein überwiegend fachkundiges Publikum nahm die Gelegenheit wahr, sich über die aktuellen Forschungsergebnisse zu informieren: Wie weit ist der Klimawandel bereits Realität geworden für die forstwirtschaftlichen Belange. Und was ist von der klimapolitischen Seite auf europäischer Ebene für die Bewältigung der gewaltigen Herausforderungen zu erwarten, vor denen die kommunalen und privaten Waldbesitzer stehen.

Wälder erhalten, stärken und auf die Zukunft vorbereiten

Bäume und Wälder sind eine wirksame Waffe gegen den KIimawandel: Sie ziehen das Kohlendioxid (CO2) aus der Luft und lagern den Kohlenstoff (C) im Holz und im Waldboden ein. Der Klimawandel macht das Waldökosystem anfälliger für Schäden. Stürme, Hitze und Trockenheit begünstigen Schädlinge wie den Borkenkäfer (Foto). Das stellt Waldbesitzer, Naturschützer und Wissenschaftler vor große Aufgaben.

„Unser Wald ist Lebensraum, Holzlieferant, Erholungsort und Klimaschützer. Es muss daher unser Ziel sein, klimastabile Wälder aufzubauen. Und zwar weltweit, in der EU und in der Pfalz“, umriss die Europaabgeordnete Christine Schneider (EVP) die Strategie, die mit dem EU Green Deal verbunden ist. Denn die Wälder seien wichtiger Bestandteil des New Green Deal: „Unser Wald braucht Hilfe – weltweit“.

Dazu müsse Bürokratie abgebaut, die Bio-Ökonomie gestärkt und die Wiederaufforstung vorangetrieben werden. Eine finanzielle Unterstützung für die kommunalen und privaten Waldbesitzer sei unabdingbar. Dafür müssten auch Mittel aus der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) bereit gestellt werden.

Gemeinsame Forschung intensivieren

Christine Schneider: „Ich setze mich für eine qualifizierte, ganzheitliche und eigenständige EU-Forststrategie für die Zeit nach 2020 mit dem Schwerpunkt nachhaltiges Forstmanagement ein. Die Waldgebiete in der EU müssen sowohl qualitäts- als auch flächenmäßig verbessert werden, damit die EU ihre Klimaziele erreichen, die Biodiversität schützen und eine gesunde Umwelt schaffen kann.“ Europaweit müsse die gemeinsame Klimawandelforschung intensiviert werden.

European Green Deal

Die EU könne nur koordinieren, die Kompetenzen liegen bei den Mitgliedstaaten, betonte die Europapolitikerin Schneider, denn: „Die Herausforderungen und Bedürfnisse unserer Wälder in Europa sind unterschiedlich“. Daher bedürfe es individueller Regelungen zur Förderung auf Bundesebene für:
• naturnahe Waldbewirtschaftung
• forstwirtschaftliche Infrastruktur
• forstwirtschaftliche Zusammenschlüsse
• Erstaufforstung
• Vertragsnaturschutz im Wald
• Maßnahmen zur Bewältigung der durch Extremwettereignisse verursachten Folgen im Wald.

Der Klimawandel ist längst im Gange. Er ist messbar. Auch in SÜW. Das zeigte der Leiter des Rheinland-Pfalz Kompetenzzentrums für Klimafolgen, Ulrich Mathes, anhand zahlreicher Forschungsergebnisse der jüngsten Zeit in großer Eindringlichkeit auf.

Waldökologie und Forstwirtschaft stehen vor gewaltigen Herausforderungen. Es müsse alles Menschenmögliche getan werden, um den absehbar weiteren Temperaturanstieg zu begrenzen. Für die Wälder der Südpfalz ist der Klimawandel bereits heute besonders deutlich spürbar (Grafik unten).

Foto: hi

Es werde künftig weniger Bodenwasser für Waldbäume geben wegen des tendenziell abnehmenden Niederschlags in der Vegetationszeit bei gleichzeitig mehr Verdunstung durch höhere Temperaturen.

Die Niederschläge werden zunehmend häufiger als sogenannte Starkregen fallen. Bodenerosion, Humusverlust und Wegeschäden sind die Folge.
Und die Winter werden milder und feuchter werden.
Matthes: „Der menschengemachte Klimawandel erhöht die Wahrscheinlichkeit von Extremen. Die Häufung und Intensität der Ereignisse ist ohne den menschlichen Einfluss nicht mehr erklärbar.“

Was können wir tun? Ziel muss sein, die Widerstandsfähigkeit und Selbstregulation zur Erhaltung grundlegender Funktionen und Leistungen zu fördern (Resilienz).

Die Wiederbewaldung muss unter Berücksichtigung der natürlichen Waldgesellschaft und nach räumlichen Prioritäten erfolgen: „Eine ‚Wunderbaumart‘ ist nicht in Sicht, aber das Anpassungsvermögen heimischer Baumarten darf nicht unterschätzt werden“. Hierzu bestehe ein erheblicher Forschungsbedarf.

Die Wildfrage sei wichtiger denn je. Für waldangepasste Wildbestände werde man über neue Standards im Jagdrecht nachdenken müssen“. Wenn der Wildverbiss zu hoch ist, wird der für klimastabile Wälder notwendige Verjüngungs- und Anpassungsprozess der Wälder beeinträchtigt.

Matthes: „Wir können den Wald nicht anpassen. Aber wir können den Wald in seiner Anfassungsfähigkeit stärken und unterstützen“.

Forderung der Waldbesitzer: Eine Waldklimaprämie

„Die Extremwetterlagen häufen sich. Das bringt erhöhte Verkehrssicherungspflichten mit sich. Dürre und Borkenkäfer setzen dem Wald zu. In den letzten beiden Jahren sind die Käferholzmengen von unter 200.000 Festmeter (fm) auf über 600.000 fm in 2018 und im vergangenen Jahr auf fast 2 Mio fm gestiegen“, erläuterte Wolfgang Schuh, Geschäftsführer des Waldbesitzerverbandes RLP. Dadurch sei bundesweit ein Schaden von 3 Mrd Euro zu beklagen. Die Folgen für die Forstbetriebe in Rheinland-Pfalz seien gravierend.

Die Waldflächen müssen wieder aufgeforstet werden. Das stelle private und kommunale Waldbesitzer vor erhebliche Probleme. Denn die notwendigen Einnahmen hierfür fehlen wegen der stark gesunkenen Holzpreise: „Der Holzmarkt ist jetzt schon überfüllt. Während bislang für Fichtenholz 90 Euro erlöst wurden, sind es derzeit nur noch 30-40 Euro pro Festmeter“. Das sei kaum kostendeckend für die Wiederaufforstung. Es drohen wirtschaftlichen Schieflagen der Forsthaushalte, warnt Schuh.

Hilfen für die akute Schadensbewältigung seien unerlässlich. Das Problem müsse an der Wurzel gepackt werden: „Eine Reduzierung der Treibhausgase ist unerlässlich. Wir brauchen überdies ein Sofortprogramm Borkenkäfer und Dürreschäden“.

Wolfgang Schuh: „Eine nachhaltige Forstwirtschaft dient dreifach dem Klimaschutz. Die Wälder nehmen CO2 auf und speichern es. Im Holzbau wird CO2 langfristig gespeichert. Außerdem ersetzt Holz CO2-intensive Rohstoffe, wie Stahl, Beton“. Daher fordere der Waldbesitzerverband den Gesetzgeber auf, eine Waldklimaprämie zu beschließen. (hi)

Großes Interesse im Fachpublikum. Ohne Förderung für die privaten und kommunalen Waldbesitzer sind die Herausforderungen des Klimawandels kaum zu bewältigen.
Foto: hi

 

 

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