Donnerstag, 02. Februar 2023

Mein Deutschland – dein Deutschland: Drei Sichtweisen auf ein Land

20. Januar 2013 | Kategorie: Allgemein, Regional

Abbas Khider, Dr. Anja Ohmer, Sabine Stamer und Tom Buhrow (von links): Das Literarische Quartett in Neuauflage. Fotos: Ahme

 

Landau. Seit dem Sommersemester 2010 wird der Poetik an der Universität Koblenz-Landau mit der Poetik-Dozentur ein besonderer Stellenwert eingeräumt. Literaten wie Eugen Gomringer, der „Vater der Konkreten Poesie“ und seine Tochter Nora waren die ersten Inhaber der Poetik-Dozentur. Im Winter 2011 bekleideten die Theaterautorin Theresia Walser und Karl-Heinz Ott die Poetik Dozentur. Im Mai 2012 hieß das Motto „Fußball trifft Kultur“ mit den Dozenten Thomas Brussig, Christof Siemes und Dr. Theo Zwanziger. In diesem Semester waren Tom Buhrow, Tagesthemen-Moderator, seine Ehefrau Sabine Stamer, ebenfalls Journalistin und der irakische Schriftsteller Abbas Khider zu Gast.

Dr. Anja Ohmer von der Uni Landau ist die treibende Kraft hinter diesen Veranstaltungen. „Ich glaube an die Kraft der Literatur“ sagt sie und möchte nicht nur den Studenten sondern auch der literarisch interessierten Öffentlichkeit Gelegenheit geben, literarische Werke aus der Sicht des Schriftstellers selbst zu beurteilen.

Besonders gut  ist ihr das mit der Einladung an Buhrow, Stamer und Khider gelungen. Buhrow und Stamer waren am Eröffnungsabend zu Gast in Landau; Abbas Khider begeisterte die Zuhörer außerdem an zwei weiteren Tagen mit einer Poetik-Vorlesung und einer Lesung aus seinen Büchern.

Spaß hat es offensichtlich allen Beteiligten gemacht. Diese Eindrücke vermittelte ein kurzes Interview direkt vor der Einführungsveranstaltung, aber auch die Veranstaltung selbst. Kein Platz war mehr im Alten Kaufhaus zu bekommen. Die Drei sind gut aufgelegt und witzig, das Publikum geht mit.

»Heimkehrer nach Deutschland haben fast immer gemischte Gefühle«, lautet der erste Satz des Buches »Mein Deutschland – Dein Deutschland«, geschrieben von Sabine Stamer und Tom Buhrow. Der Tagesthemen-Moderator Tom Buhrow und seine Frau, ebenfalls Journalistin, haben zwölf Jahre in Frankreich und Amerika verbracht und kommen nach dieser Wanderschaft durch das Ausland zurück nach Hamburg. „Wir wollten Deutschland lieben, haben aber festgestellt, dass Land und Leute gar nicht geliebt werden möchten“, sagen sie.

Seine Eindrücke hält das Ehepaar in verschiedenen Geschichten fest. Sie drehen sich um das Schulsystem („Wir können froh sein, dass wir kostenlos die Schule besuchen können“), das unterschiedlicher in Frankreich, Amerika und Deutschland nicht sein könnte. Einkaufen in Deutschland: hier kommt man sich wie Bittsteller und Eineurojobber an den Kassen vor. Disziplin wird in Deutschland gleichermaßen gehasst und geliebt- auch dafür lassen sich viele Beispiele finden. Behördengänge, Arbeitssuche, Hauskauf, die Markenversessenheit der Deutschen (eine Sehnsucht nach Gleichheit?), aber auch die Schwierigkeit der Ein -und Ausreise nach und von Amerika wurden thematisiert. Sozialhilfe gibt es in Amerika nur sieben Jahre (Amerika ist Land der Arbeit nicht der Arbeitslosen). Deutschland ist eben speziell und läuft nach anderen Regeln, mit dieser Erkenntnis musste sich das Ehepaar erst anfreunden.

Was hat für Sie den Reiz dieser Poetikdozentur ausgemacht?

Buhrow: Für mich war es die Mischung. Wir hatten den Ansatz des Buchs, indem wir sagten, wir wollen einen Blick von außen auf Deutschland werfen, weil wir fast dreizehn Jahre weg waren und nun mit einem frischen Blick einige Dinge sehen, die man nicht mehr sieht, wenn man hier lebt. Und irgendwie finde ich das ganz toll wie Abbas Khider auch mit einem anderen Blick, auf Deutschland zu sprechen kommt. Interessant ist zu schauen, wie das ist für jemanden, der nie Deutscher war und für uns, die wir nach Deutschland zurückkamen.

Sabine Stamer: Außerdem sind die unterschiedlichen Perspektiven interessant, nämlich die des Nachrichtenmachers Abbas Khider, er saß ja einige Jahre unter Saddam Hussein im Gefängnis, und uns, den Nachrichtenrezipienten.

Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. Schon mit 19 Jahren wurde er wegen seiner politischen Aktivitäten unter Saddam Hussein verhaftet und unschuldig für mehrere Jahre ins Gefängnis geworfen. Nach dem Zusammenbruch des Regimes wurde er 1996 entlassen. Er floh aus dem Irak und hielt sich als „illegaler“ Flüchtling in verschiedenen Ländern auf.

Seit 2000 lebt er in Deutschland und studierte Literatur und Philosophie in München und Potsdam. Seit 2010 ist er Mitglied des PEN. Seine Romane „Die Orangen des Präsidenten“ und „Der falsche Inder“ haben mehrere Preise und Auszeichnungen bekommen. Zurzeit lebt Abbas Khider in Berlin.

Herr Khider, Sie sind ja auch Stipendiat des Künstlerhauses Edenkoben, was verbinden sie damit?

Es ist wichtig für einen Autor Ruhe zu haben von vielen Dingen und außerdem hat man die Möglichkeit Leute und die Kultur kennen zu lernen.

Werden sie auch schreiben?

Ja, ich habe ein Projekt, aber das wird nicht so einfach sein. Ich werde diese zwei Monate ausnutzen und viel schreiben und Ende Februar erscheint der dritte Roman von mir, „Brief in die Auberginenrepublik“  und dann geht es auf Lesereise.

Warum schreiben Sie Deutsch?

Ursprünglich wollte ich nur deutsch lernen um besser Beamte in den Behörden beschimpfen zu können, dann habe ich festgestellt, dass man in dieser Sprache nicht nur schimpfen, sondern auch etwas Großartiges produzieren kann.

Was ist das Wichtigste beim Schreiben?

Lesen und nochmals lesen. Nur wer die Literatur entdeckt hat, kann selber schreiben. (desa)

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