Montag 12.Oktober 2026

Kultur erhalten: Zerstört die Digitalisierung unser kulturelles Erbe?

12. März 2025 | Kategorie: Freizeit & Hobby, Ratgeber, Sonstiges

Naturkatastrophen und Kriege verdeutlichen die Vorteile der Digitalisierung in Bezug auf den Erhalt von Kultur: Das komplette Lager des Museums ist in den Fluten verschwunden, aber – und die Erleichterung des Kurators ist zwischen den Zeilen greifbar – glücklicherweise existiert eine vollständige digitale Listung aller Ausstellungsstücke. 

Eine gute Nachricht? Der Kunstliebhaber könnte zögern. Was ist ein digitales 3D-Modell schon wert im Vergleich zum heimeligen Geruch alter Farben? Was nützt mir der digitale Rundgang, wenn ich ihn allein zu Hause, ohne Kontakt zu anderen Interessierten, erlebe?

Was heißt schon kulturelles Erbe?

Bereits diese Denkansätze zeigen, wie dehnbar der Begriff „kulturelles Erbe“ ausgelegt werden kann. Ein einzelner Ausdruck für die Gesamtheit jedweder Zeugnisse menschlicher Schaffens- und Schöpfungskraft. 

Gesammelte Güter und Ideen aus jedem nur denkbaren historischem, wissenschaftlichem, wirtschaftlichem, künstlerischem oder sozialem Zusammenhang werden in einem Atemzug zusammengefasst. Ob die Digitalisierung all diese Aspekte überhaupt ganzheitlich erfassen kann, bleibt fraglich.

Greifbare Inhalte oder kaltes Wissen

Immerhin, im materiellen Sinne ist eine Annäherung objektiv möglich. Materielles Kulturgut lässt sich scannen und fotografieren. Unbewegliche Objekte wie Architekturdenkmäler und archäologische Stätten sind praktisch vergänglich und für einen Großteil der Bevölkerung analog nicht permanent greifbar. Der Eindruck kann gar nicht ohne digitale Unterstützung erhalten bleiben.

Ebenso bleibt die Annäherung an bewegliche Objekte in Museums- und Bibliotheksbeständen nur wenigen vorbehalten. Das Erleben über einen fotografischen Eindruck ist unbestritten notwendig, wenn viele Menschen von diesen Dingen erfahren sollen. 

Was aber ist mit den immateriellen Bestandteilen des kulturellen Erbes? Kulturelle und soziale Praktiken, traditionelle Handwerkstechniken, mündliche Überlieferungen, darstellende Künste und unser Wissen über Natur und Universum sind klar aufzeichenbar, verfügen aber über sinnliche Inhalte, die wir nicht in digital erfahrbarer Form greifbar machen können.

Kann man dies verschmerzen? Ist es egal, dass sich viele Krankheiten über Gerüche bemerkbar machen? Lässt sich die Idee der Schafschur vermitteln, ohne das Gefühl und den Geruch von frischer Wolle hervorzuheben? 

Vielleicht. Aber auch Bräuche, Feste und Rituale gehören zum Kulturgut. Traditionen, die von vielsagenden Blicken, unausgesprochenen Konventionen und zwischenmenschlicher Nähe leben. Wie digitalisieren wir das Knistern eines Maifeuers im Kontext mit dem Geruch frischer Waldmeisterbowle und einer herzlichen Umarmung? Zu abstrakt?

Zur Illustration ein Beispiel 

Von einem typischen Casino hat jeder von uns ein Bild. Der Witz dabei: Das Bild in unserem Kopf entspricht nicht dem “typischen” Casino. Wir sehen keine Highend-Technologie, keine Kreditkarten, kein Security-Personal. 

Kollektiv haben wir eine historische Erinnerung angelegt: Wir sehen einen altenglischen Club mit uniformiertem Kellner, Echtholzmöbeln, sündhaft teuren Drinks und Menschen in Galagarderobe; riechen Zigarrenrauch und schmecken den edlen Rum aus Übersee. 

Unsere Vorstellung reicht bis zurück ins 17. Jahrhundert, eben der Zeit, in der Venedigs Kaufleute Casinos zu einem Zentrum von Wirtschaft und Kultur erklären konnten. Woher haben wir dieses Bild? Vermutlich aus einem Kinofilm – einer digitalen Aufbereitung also.

Das digitale Erinnern funktioniert, oder nicht? 

Kurz gegriffen könnten wir nun die Diskussion beenden, denn anscheinend funktioniert der Trick ja ganz gut. Obwohl kaum jemand ein traditionelles Casino je betreten hat, bleibt die Idee dank digitaler Aufbereitung fest in unseren Köpfen verankert. 

Tatsächlich werden aber auch die Tücken der digitalisierten Erinnerung in diesem Beispiel deutlich. Die Idee von der Sache deckt sich nicht mit der Realität. Nicht mit der ursprünglichen und nicht mit der aktuellen. Das Bild ist verzerrt. 

Das Casino-Beispiel lässt sich sogar noch weiter auf die Spitze treiben. Die perfekte Illusion bieten eigentlich nur noch Online Casinos. Immer geöffnet, der perfekte Sound und alle (interaktiven) Mitspieler stets bester Dinge. Cocktail und Rauch kann man sich dazu organisieren. Auf die Abendgarderobe darf man praktischerweise verzichten.

So schön, so einfach und darum die bessere Realität. Eine Realität, die im Laufe der Zeit alle kulturrelevanten Aspekte – Spieltradition, Garderobe, Getränke, Verhaltensnormen – herauskürzt und die eigentliche Erinnerung überschreibt. Weiterentwicklung oder Verdrängung von Kulturgut durch den Übergang in digitale Räume?

Was gegen Digitalisierung von Kulturgut spricht

Genau dort liegt er, der Schwerpunkt der Digitalisierungsgegner. Ebenso wie den klassischen Casinos könnte es im Zuge der digitalen Aufbereitung wertvollen Kunstwerken oder aufwendigen Handwerksprodukten ergehen. Die physischen Originale werden vernachlässigt, verlieren ihren Wert und ihre Authentizität.

Wer will Kunst schaffen, wenn sein Tun als ersetzbar gilt? Wie sicher sind wir, dass wir das Ursprüngliche bewahren können, wenn dessen Plastizität, Aussehen und Beschaffenheit im digitalen Speichersatz so einfach zu verändern sind? Was ist echt, was fake? Die Wahrheit verwischt – so lauten zumindest die Befürchtungen – zu einem „glaubwürdigen“ Einheitsbrei, einem Grundkonsens, frei von Irrwegen und modischer Unhandlichkeit, für alle greifbar und leicht verständlich.

Aber es ist nun einmal so: Kultur ist nicht immer schön. Wir bewahren auch die Irrwege – historische Verfehlungen, Designfails. Menschen lernen auf diese Weise. Die Digitalisierung würde ein Kürzen der vermeintlichen Fehler erlauben. Ein einfaches Beschönigen. Ein Vergessen.

Praktische Hürden der Digitalisierung

Hinzu kommt, dass sich bisher noch jeder Datenträger als potenziell vergänglich erwiesen hat. Wobei das Problem nicht unbedingt in der Vergänglichkeit der Speichermedien selbst liegen muss. Viel größer ist die Gefahr, dass das dort gespeicherte Wissen für uns unerreichbar wird. Ich erinnere an die Rede zum 18. Geburtstag von Omi für Papi, die inzwischen kein Mensch mehr spontan auslesen kann. Der Erhalt digitaler Daten erfordert kontinuierliche Investitionen und Expertise.

Selbst wenn sich dieses Problem lösen lässt, ist immer noch kein neutrales Darstellungssystem gegeben. Irgendwie müssen Dateien benannt werden. Materialien werden anhand derzeitiger, meist westlicher, Einschätzungen beschrieben. Wahrnehmung sind ebenso kulturell geprägt. Wie umgehen wir in diesem Aufzeichnungsprozess die Gefahr der persönlichen Verzerrung? 

Indigene Kunst aus Südamerika von Mitteleuropäern beschrieben oder aufgezeichnet, wird an Authentizität verlieren. Andersherum wäre es genauso. Die digitale Wahrnehmung von Kunst und Kultur ist vorbeeinflusst; begrenzt durch die Wahrnehmung des Aufzeichnenden.  Zusätzlich stellen sich rechtliche Fragen. Wer verfügt über solche Daten und wie? Wie werden sie vor Manipulation geschützt und glaubwürdig gehalten?

Glaubwürdig und echt ist, was wir sehen und anfassen können. Physische Erfahrungen geben dem interessierten Betrachter greifbare Informationen. Ein echtes Nacherleben wird möglich. Man denke an die Ausrufe kleiner Kinder auf Burgführungen. „Warum schliefen die Menschen in Puppenbetten? Oh, waren die echt so klein!?“ Ein rein digitales Bild führt nicht ohne Aufwand zu derartigen Diskussionen.

Kulturelle Weiterentwicklung durch kombiniertes Vorgehen

Die Digitalisierung wesentlicher Kulturgüter bleibt dennoch eine gute Sache. Sie erlaubt ein Bewahren und Reflektieren unterschiedlicher Traditionen und Werke über Ländergrenzen hinweg und macht Kultur für alle zugänglich.

Ihre Stärken spielt die moderne Technik jedoch nur als Ergänzung aus. Eine ausgewogene Herangehensweise, die sowohl digitale Dokumentation als auch aktiven Erhalt und Weitergabe traditioneller Praktiken umfasst, ist entscheidend für den Schutz immateriellen Kulturerbes im digitalen Zeitalter. 

Letztlich wird es darum gehen, einen lebendigen Austausch zwischen Kulturen aufrechtzuerhalten; ein Erleben als hauptsächliche Form der Wissensweitergabe möglich zu machen. Das Erhalten von Kultur ist schließlich ein Prozess, der neben dem Bewahren auch die Weiterentwicklung vorsieht.

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