
Foto: Pfalz-Express/Rolf H. Epple
RLP – Klimaneutralität ja, aber bitte bezahlbar: Laut IHK-Energiewende-Barometer sehen viele Unternehmen die Energiewende kritisch. In Rheinland-Pfalz fürchten über die Hälfte der Industrieunternehmen um ihre Wettbewerbsfähigkeit.
Das zeigt das aktuelle Energiewende-Barometer der IHK, an dem sich rund 3.600 Unternehmen aus allen Branchen und Regionen beteiligt haben, bundesweit und in Rheinland-Pfalz.
Das zentrale Ergebnis: Die Unternehmen unterstützen das Ziel der Klimaneutralität grundsätzlich, sehen aber massive Probleme bei der Umsetzung. Sie warnen: Die Transformation kann nur gelingen, wenn die Wettbewerbsfähigkeit nicht auf der Strecke bleibt.
„In vielen Betrieben dominieren weiterhin Skepsis und Verunsicherung beim Stichwort Energiewende“, sagt Arne Rössel, Sprecher der IHK-Arbeitsgemeinschaft Rheinland-Pfalz. „Nach wie vor zu hohe Energiekosten, untragbare Bürokratie und die insgesamt angespannte wirtschaftliche Lage führen dazu, dass weniger Kapazitäten und Mittel für Klimaschutzmaßnahmen zur Verfügung stehen.“
Laut Umfrage denken viele Industrieunternehmen weiterhin über eine Verlagerung ihres Standorts nach. Zusätzliche Unsicherheit herrscht darüber, welchen Kurs die Energie- und Klimapolitik auf Landes- und Bundesebene nehmen wird. Die Folge: „Die Unternehmen warten ab. Oft werden nur noch begonnene Projekte zu Ende geführt. Die Energiewende steht vielerorts auf Standby“, so Rössel.
Stimmung bleibt verhalten
Auf einer Skala von -100 (sehr negativ) bis +100 (sehr positiv) liegt der bundesweite Mittelwert aktuell bei -8,3 – Rheinland-Pfalz erreicht exakt denselben Wert. Damit hat sich die Stimmung im Vergleich zum Vorjahr (bundesweit: -20, RLP: -21) zwar leicht verbessert, bleibt aber deutlich im negativen Bereich.
36 Prozent der Unternehmen sehen ihre Wettbewerbsfähigkeit durch die Energiewende negativ beeinflusst. Positive Effekte erkennen bundesweit 25 Prozent, im Land sogar nur 20 Prozent.
Besonders alarmierend: In der Industrie berichten 52 Prozent der rheinland-pfälzischen Betriebe von unmittelbaren Wettbewerbsnachteilen. Nur knapp jedes sechste Unternehmen sieht Vorteile.
„Das ist zu wenig, um Rheinland-Pfalz zu einem Gewinner der Transformation zu machen“, warnt Steffen Blaga, umwelt- und energiepolitischer Sprecher der IHK-Arbeitsgemeinschaft. „Gerade die Betriebe, die über Jahrzehnte sichere Arbeitsplätze und Wohlstand gesichert haben, brauchen faire Wettbewerbsbedingungen.“
Klimaziele ja, aber realistisch
Trotz schwieriger Rahmenbedingungen setzen viele Unternehmen eigene Ziele in Richtung Klimaneutralität. In Rheinland-Pfalz planen 91 Prozent der Unternehmen (bundesweit: 89 Prozent), bis spätestens 2045 klimaneutral zu sein. Ein Drittel strebt dies bereits bis 2040 an, im Einklang mit dem Landesklimaschutzziel. 26 Prozent – bundesweit wie im Land – wollen die Zielmarke schon bis 2030 erreichen. Drei Prozent der Unternehmen im Land geben an, bereits klimaneutral zu wirtschaften (bundesweit: sechs Prozent).
Als größte Hürden nennen die Unternehmen: überbordende Bürokratie, fehlende Informationen, mangelnde Planungssicherheit, lange Genehmigungsverfahren und unzureichende Infrastruktur.
Energiepreise belasten zunehmend
Einer der drängendsten Faktoren bleibt der hohe Energiepreis. Etwa die Hälfte der Unternehmen berichtet von gestiegenen Strom- und Wärmekosten in den vergangenen zwölf Monaten. „Unternehmen in Deutschland zahlen deutlich mehr für Energie als ihre Wettbewerber im Ausland – Geld, das für Investitionen in die Transformation fehlt“, betont Blaga.
Die Folgen sind spürbar: 39 Prozent der Unternehmen in Rheinland-Pfalz (bundesweit: 41 Prozent), in der Industrie sogar 55 Prozent (bundesweit: 63 Prozent), sehen sich durch die Energiepreise im internationalen Wettbewerb benachteiligt. Mehr als jedes zweite große Industrieunternehmen mit über 500 Mitarbeitenden (RLP: 60 Prozent, Bund: 59 Prozent) schränkt deshalb seine Produktion im Inland ein – oder plant dies. Tendenz steigend.
Klare Erwartungen an die Politik
Was die Betriebe jetzt brauchen, ist für sie klar: 87 Prozent der Unternehmen in Rheinland-Pfalz (bundesweit: 82 Prozent) fordern eine Senkung von Steuern und Abgaben auf den Strompreis. Vier von fünf wünschen sich bessere Bedingungen für Eigenversorgung und Direktlieferverträge (PPAs). 71 Prozent sehen eine verlässliche Infrastruktur als entscheidend an (bundesweit: 72 Prozent). 62 Prozent der Betriebe im Land sprechen sich zudem für einen klaren Rechtsrahmen für CO₂-Abscheidung und -Speicherung aus (bundesweit: 51 Prozent).
Wasserstoff verliert an Bedeutung
In den strategischen Überlegungen vieler Unternehmen verliert Wasserstoff zunehmend an Bedeutung. Sahen 2023/24 noch 59 Prozent der rheinland-pfälzischen Unternehmen (bundesweit: 52 Prozent) darin ein zentrales Element ihrer Klimastrategie, sind es 2025 nur noch 39 Prozent. Das deute, so die IHK, auf eine anhaltende Planungsunsicherheit und Investitionszurückhaltung hin – auch wegen des stockenden Markthochlaufs.
„Die Rückmeldungen der Unternehmen zeigen deutlich: Es braucht dringend eine Generalüberholung der deutschen Energiepolitik“, fasst Arne Rössel zusammen. „Die erfolgreiche Transformation der Wirtschaft gelingt nur mit praktikablen und verlässlichen Rahmenbedingungen für die Betriebe.“

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