Sonntag, 22. September 2019

„Heimwärts in die Fremde“ – Bunte und lebendige Chawwerusch-Premiere auf dem historischen Gelände Geilweilerhof

18. August 2019 | 1 Kommentare | Kategorie: Kreis Südliche Weinstraße, Kultur, Regional

Dientsmagd Eva hat es schwer.
Fotos: Chawwerusch Theater

Von Gabi Kunze

Herxheim / Siebeldingen. – Siebzehn Schauspieler, sechszehn Musiker, jede Menge Helfer – insgesamt wirkten über 56 Beteiligte bei der diesjährigen Freilichtinszenierung des Chawwerusch Theaters mit. Ein großes Aufgebot, eine äußerst lebendige Darbietung inmitten der pfälzischen Rebenfelder auf dem atmosphärisch passenden Gelände des Julius-Kühn-Instituts in Siebeldingen.

Am Freitagabend waren die zweihundert Eintrittskarten für die Premiere komplett ausverkauft. Selbst für alle folgenden Aufführungen sind keine Karten mehr erhältlich. Leider. Denn das Stück „Heimwärts in die Fremde“ ist äußerst sehenswert und war ein voller Erfolg. Mit frenetischem Beifall beklatscht, gab es ein großes Lob seitens des Publikums.

Nach den Begrüßungsreden von Landrat Dietmar Seefeldt und Prof. Reinhard Töpfer, Leiter des Instituts für Rebenzüchtung, und Dr. Jürgen Hardeck, Leiter des Kultursommers Rheinland-Pfalz, wies der Schauspieler Ben Hergl auf die Aktualität des Stücks hin, in dem die Themen Heimat, Flucht und Ausgrenzung behandelt werden.

Mag das 19. Jahrhundert, die Zeitebene, in der die Theateraufführung spielt, weit zurückliegen, so sind es Inhalt und Beweggründe nicht. Auch heute flüchten Menschen aus ihrer Heimat und müssen mit allerlei Schwierigkeiten kämpfen, die damit verbunden sind.

Flüchtlinge machen mit

Gastregisseurin Heike Beutel, die in etlichen etablierten Theatern tätig war, Dozentin an der Schauspielschule Köln ist und Autorin dreier Biografien, hielt sich getreu an das Buch, das von Walter Menzlaw (Hausautor Chawwerusch Theater) 1995 geschrieben und mit dem Chawwerusch Ensemble aufgeführt wurde. Es gab nur wenige Veränderungen zum damaligen Stück, inhaltlich blieb sie bei der Vorlage. Es entstand daraus ein Stationentheater. Unter den Darstellern befinden sich einige geflüchtete Menschen, die aktuell ihr Land verlassen mussten, um „in der Fremde“ Zuflucht zu suchen. Wer wäre prädestinierter dafür, in dieser Aufführung mitzuwirken?

Musikalisch begleitet wurde die Neuinszenierung von der Kolpingskapelle Hambach unter der Leitung von Markus Metz. Auf der „Oud“, einem arabischen Instrument, welches der europäischen Laute entspricht und einer afrikanischen Trommel, begleiteten ein syrischer und ein ghanaischer Musiker die Kapelle. Ein syrisches Lied über die Heimat stimmte das Publikum zu Beginn ein und wirkte emotional sehr berührend.

Von Station zu Station

Die Musikertruppe führte das Stationentheater an, erschuf die entsprechenden Stimmungen und grenzte die Episoden voneinander ab.

Von der traditionellen deutsche Musik über Weltmusik bis hin zum amerikanischen Swing und Blues wurde der Zuschauer, Zuhörer, mitgenommen und das im wahrsten Sinne des Wortes. Die Aufführung erstreckte sich über das gesamte Gelände des Geilweilerhofes.

Die Auswanderergeschichte beruht auf Recherchen von Walter Menzlaw. Die Hauptfigur ist Eva Rosina Frank. Sie wurde 1822 in Jockgrim geboren und wanderte nach dem Tode ihres Sohnes heimlich nach Amerika aus. Die reale Person wurde zur Vorlage für das Buch von Menzlaw, in der er eine fiktive Geschichte nach realen Erfahrungsberichten und Briefen unterschiedlicher Personen zusammengefügt hat. So entstand das Bühnenstück „Heimwärts in die Fremde, das nun von Heike Beutel neuinszeniert wurde.

Tragödie einer Dienstmagd

Eva Rosina Frank (Laura Kaiser) arbeitet als Dienstmagd auf einem Bauernhof. Die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung sind sehr schlecht, doch die junge Frau hat keine Wahl. Im 19. Jahrhundert war das Leben in der Pfalz alles andere als einfach, die Menschen arm und von Perspektivlosigkeit geprägt.

Die eigene Ausweglosigkeit lässt die Menschen hart und häufig mitleidlos werden, wie das Verhalten der Dorfbewohner schnell zeigt.

Eva wird von ihrem Arbeitgeber, dem Bauern (Thomas Kölsch), geschwängert und erhält von ihm statt einer Unterstützung nur Hohn, Spott und Beschimpfungen. Auch im Dorf wird sie sozial geächtet ob der Schande, für die sie keine Verantwortung trägt. Einzig Franz (Yannick Rey), ein junger Mann im Ort, ist ihr zugetan und kümmert sich um sie. Als Evas Kind stirbt, beschließt sie, der sozialen Ächtung und dem entbehrungsreichen Leben zu entfliehen und nach Amerika zu gehen.

Der Auftritt des „Amerikaners“ (Ben Hergl), wie ein Auswanderer auf Besuch in der Pfalz genannt wird, bestärkt sie in dem Wunsch, in das Land zu gehen, in dem es „drei warme Mahlzeiten am Tag“ geben soll und jede Menge Zukunft. Eine Klappleiter im Hof wird vom „Amerikaner“ bestiegen, augenscheinlich eine Erfolgsleiter des erfolgreichen Ex-Pfälzers, der ganz in seiner neuen amerikanisierten Identität aufzugehen scheint, selbstsicher, locker – ein gesellschaftlicher Aufsteiger.

Die aus Landau stammende Schauspielerin Laura Kaiser gibt der Gestalt Eva Rosina Frank ein glaubhaftes Gesicht und den vom Schicksal gebeutelten Menschen von damals eine Stimme. Sie ist Gast-Schauspielerin im Chawwerusch Theater, sowie auch Yannick Rey, der den Franz darstellt – sympathisch, jung, hilfsbereit. Vom Herxheimer Theater mit dabei sind: Ben Hergl. Einmal ist er der gehässige alte Mann im pfälzischen Dorf, aber auch der „Amerikaner“ mit Cowboystiefel und Hut und außerdem der gutmütige, romantische, sehr gottesfürchtige Auswanderer Herr Lenz und stellt somit die unterschiedlichsten Charaktere dar, treffend und witzig.

Thomas Kölsch und Felix S. Felix überzeugen ebenfalls in mehreren Rollen. Kölsch als niederträchtiger Bauer, im feinen Frack gekleidet, stets auf seinen Vorteil bedacht, arrogant und plump. Dieser Figur haucht Kölsch ebenso gekonnt Leben ein, wie dem Dieb auf dem Auswandererschiff oder dem verschrobenen Mister Taylor. Mister Taylor sitzt gern im Schaukelstuhl, eine Feder im Hut und wirkt wie ein Indianerverschnitt, eher den echten Amerikanern, beziehungsweise Indianern, zugetan. Er gibt Eva einen neuen Job und ermöglicht ihr unverhofft durch sein Verhalten die Chance ihres Lebens.

Felix S. Felix ist Evas Mutter, gezeichnet von den Mühen, der Plackerei des Alltags, geprägt vom Leben, forsch und doch liebevoll.

Auch sie gibt es mehrfach: als Bekanntschaft auf dem Auswandererschiff, die zu ihrer Schwester will, oder als böse Zunge im pfälzischen Dorf.

Zwölf Laiendarsteller sind mal eine Horde Cowboys, die den deutschen Flüchtlingen zusetzen, weil sie dem amerikanischen Volk die Arbeit wegnehmen, oder weilen als Weggefährten auf dem Auswandererschiff ins „gelobte Land“, oder verkörpern die pfälzer Dörfler.

Der Zuschauer wird mit Beginn der Geschichte von Station zu Station geleitet. Die wechselnden Spielstätten werden somit zu einer großen, weitschweifenden Kulisse. Der Zuschauer bleibt nicht an einem Ort, sondern wandert von einer Spielstätte zur nächsten. Der gesamte Geilweilerhof dient als Bühne.

Markus Metz und die Kolpingskapelle katapultieren das Publikum musikalisch und mit Hilfe zahlreicher menschlicher Wegweiser zur ersten Station, zum Beginn oder auch zum Ende der Geschichte. Denn es beginnt mit der Rückkehr Eva Rosina Franks aus Amerika. Gut gekleidet ist sie, eine „reiche Dame geworden“, wie Missgunst und Neid schnell bemerken. Es hat sich in dem kleinen pfälzer Dorf scheinbar nicht viel verändert, wie Eva bald feststellen muss.

Als Zuschauer beschleicht einem der Gedanke, dass man dort auch nicht gerne geblieben wäre. Allerdings, so einfach verlässt man nicht seine Heimat, die Wurzeln, die Familie. Doch die Zustände waren erdrückend.

Harte Arbeit, schlecht Lebensbedingungen. Die Standesunterschiede wurden optisch fantastisch herausgearbeitet. Kostümbildnerin Barbara Krott hat den Charakteren ein äußerst aussagekräftiges Outfit verschafft und damit dem Zuschauer ein passendes Bild ermöglicht, um im 19. Jahrhundert abzutauchen.

Die Ausstattung der Inszenierung ist wohl durchdacht und wurde mit teils einfachsten Mitteln umgesetzt. Auch ein Landauer, eine Kutsche, dient als Bühne für die nächste Station, in der es Richtung Auswandererschiff und nach Amerika gehen soll.

Hochstöckige Doppelbetten zeigen die Enge auf dem überfüllten Schiff, die schlechten Bedingungen an Bord. Die unterschiedlichsten Menschen mussten zusammengepfercht die Überfahrt überstehen, getrieben von der Hoffnung, geplagt vom Heimweh und der Ungewissheit, immer auf der Suche nach einem besseren Leben.

Allerdings wurden in das Bühnenbild einige Details eingebaut, die durchaus einen Bezug ins Heute herstellen. Mal fährt Franz mit einem BMX-Rad ins Bild, mal tauchen neben den verschlissenen Koffern einige Plastiktragetaschen auf, zwischen Waschbrett und Kutsche. Ein Konzentrat an Eindrücken, die ausdrucksstark und mit einem Schuss Humor einzelne Szenen untermalen.

Die Ankunft in Amerika ist an hohe Erwartungen geknüpft. Über Gesangseinlagen wird dies gebührend begangen. Selbst der Zuschauer wird zum Tanz aufgefordert und damit in die Darbietung eingebunden: Ein beschwingtes, flottes und lebendiges Stationentheater, das die Tragik der Geschehnisse stark abmildert.

Eva Rosina Frank schafft es in Amerika. Sie erleidet Niederlagen, muss hart arbeiten, hat mit enormen Anfeindungen und Fremdenhass zu kämpfen, verliert ihre Arbeit, findet eine neue Arbeitsstelle, wird übers Ohr gehauen und kämpft sich so durch Höhen und Tiefen. Evas ständiger Begleiter: Der verstorbene Sohn, der vom Himmel herunter, mit Flügeln auf dem Rücken, auf sie aufpasst und ihr hier und da einen guten Rat gibt, damit sie den richtigen Weg findet. Der kleine Darsteller des verstorbenen „Hannesle“ mag jedes Zuschauerherz gerührt haben in dieser Aufführung. In der Kluft des armen Kindes vom Lande, voller Zuversicht, ermutigend, die Mutter im Geiste beschützend.

Ihr altes Zuhause, die Pfalz, trägt Eva weiterhin mit sich, vor allem, wenn ein Fiebertraum sie schüttelt und ihre Kräfte sie verlassen: „Die Heimat im Herzen und der gesamte Besitz in einem Koffer“.

Eva Rosina macht sich selbstständig und schafft es letztendlich zu einem gewissen Wohlstand. Ein langer Weg, den sie zurückgelegt hat, bis ein Brief aus ihrer Heimat ankommt, der sie veranlassen wird, in die Pfalz zurückzukehren.

„Heimwärts in die Fremde“ ist eine spannende Geschichte, die von den Darstellern wunderbar interpretiert, großartigen musikalisch begleitet und fantastisch neuinszeniert wurde.

Die Premiere am 16. August war auch die Eröffnung der diesjährigen 30. Kulturtage des Landkreises Südliche Weinstraße. Das Motto des Kultursommers 2019 lautet „Heimat(en)“. Dieser Leitgedanke soll eine Inspiration sein.

Jeder, der mit Eva Rosina Frank an diesem schönen Sommerabend unterwegs war, sie begleitet hat auf ihrer beschwerlichen Reise, konnte einen persönlichen Gedanken für sich dabei finden. Sicherlich bot das Freilicht-Theaterstück auf dem Geilweilerhof einen unterhaltsamen Abend mit Musik, Gesang und gutem Schauspiel. Darüber hinaus war es aber wesentlich mehr. Es zeigt einen Teil unserer Geschichte, bietet einen Blick auf die existenziellen Nöte und Zustände von damals, auf die Menschen und ihre nachempfindbaren Träume. Und es bietet Anregungen, eine Reflexion ohne erhobenen Zeigefinger.

Allein über die Anschauung können sich Fragen ergeben. Fragen zu den heutigen selbstverständlich gewordenen Möglichkeiten. Heutiger Wohlstand im Gegensatz zu jener Zeit, in der die Standesunterschiede deutlichst waren und eine große Armut, Hungersnöte und Arbeitslosigkeit die Menschen in die Fremde zwangen. Zeiten, in denen so mancher sein Land verlassen musste, um überleben zu können, so, wie es auch heute noch der Fall ist, nur, dass nicht mehr wir die Flüchtlinge sind.

Nachbar Amerika, wie war es damals und wie ist es heute? Thema Rassismus, Ausgrenzung, Flucht und Vertreibung, damals und heute?

Wie viele Heimaten kann ein Mensch haben?

„Auf dass die Erde Heimat wird für alle Welt.“

Ein wirklich großer Gedanke, der an diesem Abend ausgesprochen wurde.

Für Gastregisseurin Heike Beutel und Barbara Krott, die neben der Arbeit mit Bühnen- und Kostümbild auch Leiterin des interkulturellen Wupper-Theaters ist, war es die erste Zusammenarbeit mit dem Chawwerusch Theater Herxheim. Gemeinsam mit dem gesamten Theaterensemble haben sie eine sehr besondere, ergreifende Aufführung erschaffen, dialektisch gut gewürzt und optisch ausgefeilt.

„Home, Sweet Home.“ Ein schöner Text, das wohl nicht für jeden wahr geworden ist. Die Musik dazu wurde eigens von Ben Hergl geschrieben und unter der Leitung von Markus Metz für die Hambacher Kolpingskapelle neu arrangiert.

Regieassistenz: Angelika Drexler-Ferrari, Kostümassistenz Karin Faust-Detzel und Marie Heinen.

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Ein Kommentar auf "„Heimwärts in die Fremde“ – Bunte und lebendige Chawwerusch-Premiere auf dem historischen Gelände Geilweilerhof"

  1. GGGGGGKKKKKEEEE sagt:

    Zunächst ist für den ausführlichen Bericht zu danken.

    Wenn man aber oberhalb von diesem Beitrag die Überschrift „Seehofer will syrischen Heimaturlaubern Flüchtlingsstatus entziehen“ liest, dann wird schnell klar, das der Versuch eine Paralelle zwischen den damaligen Migranten und den heutigen „Flüchtlingen“ zu ziehen, auf ganzer Linie scheitern muss.

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