Sonntag, 29. Januar 2023

Großartige Premiere im Chawwerusch Theater: Nicht enden wollender Applaus für „Maria hilf“

8. März 2017 | Kategorie: Kreis Südliche Weinstraße, Kultur
Pflegerin Maria trifft ein. Fotos: Chawwerusch

Pflegerin Maria trifft ein.
Fotos: Chawwerusch

Theaterkritik von Gabi Kunze

Herxheim – Der Pflegenotstand in Deutschland und die zahlreiche Anstellung von Pflegekräften aus dem osteuropäischen Raum sind das Thema dieser Aufführung.

Ein Thema für das Theater? Ein Thema für Menschen, die gerne ins Theater gehen? Unbedingt, wenn man sich die durch und durch positive Resonanz seitens des Publikums nach der Premiere anschaut, die Samstagabend im Herxheimer Theatersaal stattgefunden hat.

Wenn ein Bühnenwerk zum Diskutieren, Reflektieren und Nachdenken anregen möchte, dann hat es „Maria hilf“ geschafft. Dank seiner großartigen Darsteller und einem Drehbuch, das durch eine intensive Recherche und einen extrem stimmigen Aufbau besticht, ist es dem Autor und Regisseur Walter Menzlaw gelungen, ein packendes, ernstes, lustiges und einfühlsames Kammerspiel auf die Bühne zu zaubern.

Dem Publikum bietet sich für dieses Stück ein anderes Bühnenbild als bisher, da die Spielfläche von drei Zuschauerseiten umschlossen und somit passend arrangiert wurde.

Drei Seiten, drei Frauen, drei Lebenswirklichkeiten, die miteinander verwoben sind. Eine griechische Tragödienanordnung im deutschen Haushalt? Nicht ganz, da die Problematik eine moderne Herausforderung ist. Dort, wo früher die Familie, sprich die Frau, sich um die Alten und Kranken in der Familie kümmern musste, muss heute Hilfe von außen her. Eine bezahlbare Hilfe, die zumeist aus Osteuropa kommt. In diesem Fall heißt sie Maria und kommt aus Polen.

Doch zurück zum Anfang: Magdalena (Felix S. Felix) ist eine ältere, rüstige Dame. Ihr Mann ist vor 11 Jahren verstorben und seitdem wohnt sie allein und bewältigt ihren Alltag eigenständig. Da gibt es die Tochter Michaela (Miriam Grimm), die nach ihr schaut und als alleinerziehende, vollzeitbeschäftigte Sozialpädagogin immer auf dem Sprung zu sein scheint. Und es gibt den Sohn Christian, der nur über das andere Ende des Telefons in Erscheinung tritt und ab und an Blumen schickt.

Die Witwe mag noch einmal verreisen, dorthin, wo sie gerne in ihrer Erinnerung schwelgt. Doch dazu soll es nicht mehr kommen. Ein Schlaganfall verändert ihr Leben von heute auf morgen und nicht nur ihres. Plötzlich im Rollstuhl sitzend, ist sie auf Hilfe angewiesen. Die Tochter versucht den Spagat zwischen arbeiten gehen, Kindererziehung und Pflege zu meistern. Eine Herkulesaufgabe, die sie ans Ende ihrer Kräfte bringt.

Michaela besorgt der Mutter eine Hilfskraft, was nicht gerade auf deren Begeisterung stößt. Konflikte sind damit vorprogrammiert.

Chawwerusch, Maria hilf - 2

Die Darstellerinnen schaffen es in ihrem intensiven Rollenspiel, die vielfältigen Gefühlsebenen in der Geschichte dem Zuschauer nahezubringen. Sehr authentisch werden die Situationen erlebbar gemacht, sodass das Publikum eine Beziehung zu den einzelnen Protagonisten aufbauen kann.

Diese „Außenansicht“, die sich rund um die Bühne entwickelt, ermöglicht einen Perspektivwechsel, der von der Distanz bis zum erneuten „inneren Erleben“ sehr viel zu bieten hat:

Mutter Magdalena, die nicht mehr kann wie sie will, die früher zweiseitig war und nun einseitig ist und sich damit auseinandersetzen muss, sich von einer Fremden die Hose herunterziehen zu lassen. Felix S. Felix spielt die anspruchsvolle Rolle der Pflegebedürftigen in all ihren Facetten äußerst überzeugend. Nicht nur die eingeschränkte Bewegungsfreiheit, sondern auch die plötzlichen Stimmungsschwankungen stellt sie authentisch dar – ein Schwanken zwischen Hoffnung und Selbstaufgabe, Lachen und Weinen, Wut und Ohnmacht.

Dann gibt es da die Tochter Michaela, die nun nicht mehr nur ihr eigenes Leben unter einen Hut bringen muss. Miriam Grimm transportiert die Emotionen der Tochter sehr treffend ins Publikum: Das Pendeln zwischen dem schlechten Gewissen der Mutter gegenüber und der Erleichterung darüber, dass nun Maria da ist und sich kümmert.

Und wie ist es mit Maria? Sie hat selbst eine Familie in ihrer Heimat und tritt nun einen 24-Stunden-Job an in einem Haushalt, in dem sie abgelehnt wird. Die junge Dame will nicht nur ihr eigenes Geld verdienen. Offenbar trägt sie auch viel Liebe in sich: „Pflege ohne Herz geht nicht“.

Yaroslava Gorobey gibt der Pflegerin Maria ein echtes Gesicht, das die unterschiedlichen Ebenen, auf denen sie sich bewegen muss, realistisch spiegelt. Maria, die positive, aufopferungsvolle, genügsame Vollzeitpflegerin, die alles kann und alles macht und oft die richtige Antwort parat hat: „Nix funktioniert allein“.

Maria, die trotz Müdigkeit und Erschöpfung sich nicht unterkriegen lässt und eine starke Persönlichkeit in sich zu sein scheint. Doch wer fragt nach ihr?

Trotz der Ernsthaftigkeit des Themas hat das Schauspiel viele heitere und komische Momente zu bieten. Es gibt die Möglichkeit, sich einer schwierigen Lebenssituation anzunähern, von der früher oder später jeder irgendwie in einer gewissen Weise betroffen sein wird oder es auch schon ist: dem des Altwerdens und einer eventuellen Pflegebedürftigkeit.

Der Umgang damit in unserer Gesellschaft wirft viele Fragen auf und das Stück „Maria hilf“ hat sie bildhaft ausformuliert. Das Stück ist voll von Sprüchen, die aus dem Alltag gesammelt wurden. Es ist voll von erlebten Situationen und somit entwachsen aus einem gut recherchierten Fundus von Betroffenen.

Bei der 90-minütigen Theateraufführung waren auch Töchter und Mütter anwesend, die sich hilfreich beim Aufbau der Geschichte beteiligt haben, sowie Pflegerinnen aus Osteuropa. Ebenso eine Gesellschaftswissenschaftlerin aus Frankfurt, die zu diesem Thema ein Buch geschrieben hat und zur Recherche hinzugezogen wurde.

„Maria hilf“ ist eine äußerst empfehlenswerte Theateraufführung, die liebevoll bis ins Detail austariert worden ist. Das passende Bühnenbild von Reinhard Blaschke, die Kostümierung von Marlene Korbstein und die Technik von Kim Acker schufen den passenden Rahmen. Die Regieassistentin Angelika Drexler-Ferrari hat auch durch persönliche Erfahrungen zum Thema „Schlaganfall“ und „Pflege“ ihre Erlebnisse miteinbringen können.

Wie sich am Ende der Premiere herausstellte, hat sich jeder in dieser Aufführung wiederfinden können.

Weitere Spieltermine im Chawwerusch Theatersaal in Herxheim:

Fr. 10. März 20 Uhr, Sa. 11. März 20 Uhr, So. 12. März 19 Uhr, Fr. 17 März 20 Uhr, Sa. 18 März 20 Uhr, So. 19. März 17 Uhr.

Chawwerusch, Maria hilf - 3

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