Herxheim – Das Herxheimer Dorftheater führte am Freitag zum ersten Mal sein neues Stück „Grundeis“ im Chawwerusch Theatersaal auf.
Zahlreiche Besucher waren erschienen, um sich das skurril-dystopische Schauspiel anzuschauen. Man könnte auch sagen, um in eine verrückte, von allerlei Ängsten gepeinigte Welt abzutauchen, die mit schrägem Humor, allerlei Anspielungen und Einfallsreichtum durchsetzt ist.
Die Darsteller spielten mit sehr viel Herzblut, selbst wenn die Eine mit der Stimme Probleme und der Andere mit dem Blutdruck zu tun hatte – eine humorvolle Lösung hatte die Regisseurin des Stücks, Esther Steinbrecher, parat. So lieh sie in den entsprechenden Momenten auch schon mal ihre Stimme dem jeweiligen Darsteller aus und das Kollektiv funktionierte somit einwandfrei.
Das Stück trägt den Titel „Grundeis“. Eis auf dem Grund, so fühlt sich wohl Angst an. Ein Sprichwort sagt: „Jemanden geht der Hintern auf Grundeis“.
Die Darsteller leben in einem Ort namens Grundeis und das beschreibt schon alles. Hier wohnt die Angst in all ihren Facetten und die Ängste haben Gesichter.
Da gibt es die kleine Angst (Ella Lechner), die große Angst (Lukas Walz) und die Pseudoängste (Moritz Hahn). Von der Angst vor der Dunkelheit über Spinnenphobien bis hin zum Vogelschlag wird in dem Theaterstück nichts ausgelassen.
Doch die Bewohner von Grundeis sind vorbereitet auf jegliche Gefahr. Überall hängen Schilder, die zur Vorsicht mahnen, Verbote, deren Einhaltung von einem allzu hysterischen Schutzmann (Peter Detzel) überwacht werden. An allen Ecken und Enden sind Schlösser, Zäune und Sicherheitsanlagen. Das in schwarz gehaltene Bühnenbild mit dem dunklen Piano und dem Geisterhaus im Hintergrund vertiefen den Eindruck, den ein Ort wie dieser wohl hat.
Jeder der Protagonisten kann auf Anhieb drei seiner Ängste nennen, dabei sieht sich dennoch mancher als Optimist. Jedem fallen Wünsche ein, ja sogar ziemlich schreckliche sind dabei. Doch die Angst scheint alle im Zaum zu halten, oder sollte man besser sagen, hinter dem Zaun?
Die gepflegte Ängstlichkeit erreicht ihren Höhepunkt, als Norma (Judith Schmitt) im Geisterhaus einzieht. Eine Fremde mit einem Goldfisch im Glas. Nicht nur, dass die Neue alles andere als willkommen ist, nein, der Fisch wird zum Gegenstand fantasievoll erdachter, ausgewachsener Horrorszenarien. Die furienhafte Bürgermeisterin (Ulrike Bächle-Hahn) und die Bewohner setzen alles daran, die potenzielle Gefährderin Norma wieder loszuwerden.
Tatsächlich wird in dem Stück alles auf die Spitze getrieben und doch kann man im realen Alltag eben solche substanzlosen Ängste wiederfinden. Als Zuschauer beschleicht einen das Gefühl, mitten in einem Wimmelbuch zu sitzen, in dem jede Seite prall gefüllt ist. Man ist versucht, im Laufe der Handlung Antworten zu finden. Wie umgehen mit diesen grässlichen und lebenseinschränkenden Gefühlen?
Zwei Agenten (Klaus Bredel und Malou Detzel) versuchen, Abhilfe zu schaffen. Sie sehen aus wie die „Men in Black“, jagen allerdings keine Aliens, sondern wollen den Menschen die Ängste nehmen. Das erweist sich als gar nicht so einfach, denn in Grundeis halten alle fest zusammen und einzelne Ausreißer werden schnell von der Gemeinschaft zurückgeholt.
Der Kapellmeister am Piano (Peter Seibel) schafft den musikalischen Rahmen. Er bestimmt, wann es Morgen und wann es Abend wird, um ihn herum läuft das ganze Geschehen ab, bei ihm spielt die Musik. Auch wenn es um die Liebe geht, die in dieser Geschichte ebenso ihren Platz findet.
Dieses Bühnenstück gibt keine Antworten darauf, wie mit Ängsten umzugehen ist. Es zeigt Strukturen, zieht vieles ins Lächerliche, um es dann doch wieder ernst zu nehmen. Es sprüht durch die Darsteller und die Darstellungsweise vor Lebendigkeit.
Überall werden zahlreiche Hinweise versteckt. Hier wohnt Herr Fuchs (Moritz Hahn) und dort Frau Hase (Sophie Malthaner) und da sitzt Opa (Ede Gauly) im Rollstuhl, dessen größte Ängste Mittagessen auf Rädern und die Morgenandacht sind.
Wie kann so ein Theaterstück enden? Bleibt es ein Schrecken ohne Ende? Das muss das Publikum wohl selbst herausfinden. Vielleicht kommt es darauf an, ob der einzelne Zuschauer eher positiv oder negativ eingestellt ist, ob er der „Schokotyp“ oder der „Vanilletyp“ ist. Um das zu verstehen, muss man wohl dabei gewesen sein.
Esther Steinbrecher, ihr Co-Regisseur Leander Ripchinsky und die Mitwirkenden des Dorftheaters haben das Theaterstück gemeinsam innerhalb eines Jahres entwickelt. Kraftvoll, fantasievoll und humorvoll ist daraus eine ungewöhnliche und anregende Aufführung geworden, die mit Darstellern unterschiedlicher Generationen besetzt ist.
Das ideenreiche Bühnenbild sowie die Kostümierung entstanden unter den Händen von Jörn Fröhlich und Cansu Incesu.
Weitere Darsteller sind Raphael Hahn, Sohn des Schutzmanns, Rüdiger Knoll als Diener, und Gerhard Dreisigacker als Bürgermeister. (Gabi Kunze)
Aufführungstermine:
Sa., 14.01.2017, 20 Uhr
So., 15.01.2017, 19 Uhr
Fr., 20.01. 2017, 20 Uhr
Sa., 21.01.2017, 20 Uhr
So., 22.01.2017, 19 Uhr
Fr., 27.01.2017, 20 Uhr
Sa., 28.01.2017, 20 Uhr
So., 29.01 2017, 19 Uhr
im Chawwerusch Theatersaal in Herxheim.

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