Freitag 9.Oktober 2026

Gelebte Freundschaft: Kandel feiert Städtepartnerschaften – 65 Jahre mit Reichshoffen und 60 Jahre mit Whitworth

6. September 2026 | Kategorie: Kreis Germersheim
    V.li.: Helen Rendall vom Partnerverein in Whitworth, Philipe Rosio, Bürgermeister von Reichshoffen, Marc Hassenfratz, Erster Beigeordneter von Reichshoffebn, Volker Merkel, Erster Beigeordneter Kandel und Michael Gaudier, Stadtbürgermeister von Kandel.
    Foto: Pfalz-Express / Licht – Fotostrecke am Textende

Kandel – 65 Jahre Partnerschaft mit Reichshoffen und 60 Jahre mit Whitworth: In der Bienwaldhalle wurde am Samstagabend zu diesen beiden Jubiläen kräftig gefeiert.

Rund 45 Gäste waren aus Reichshoffen angereist, dazu eine siebenköpfige Delegation aus Whitworth. Das Konzept des Abends war von Anfang an nicht auf steife Festreden ausgelegt, sondern auf Begegnung, Musik, Essen und gute Gespräche. Und genau so entwickelte sich der Abend auch.

Volker Blatsch, Vorsitzender des Vereins Grenzüberschreitender Freundschaften Kandel und Hauptorganisator der Events, und Vorstandsmitglied Hans Hruschka begrüßten die Gäste. Danach gehörte die Bühne zunächst „Aline & Lena“ aus Reichshoffen. Das Duo sorgte mit Musik für einen ersten musikalischen Akzent, bevor das Buffet eröffnet wurde.

Volker Blatsch (li.) und Hans Hruschka moderierten den Abend.
Foto: Pfalz-Express / Licht

Für das Essen sorgte die Lebenshilfe Germersheim-Kandel, für die Getränke die Schülerinnen und Schüler der Abiturklasse 2028 der IGS Kandel. Und die machten ihre Sache so souverän, als würden sie das nicht zum ersten Mal, sondern jeden Samstagabend machen. Getränke gingen über die Theke, Gläser wurden nachgefüllt, und auch bei größerem Andrang blieb der Service entspannt.

Klaus Nagel und sein Team verköstigten die Gäste.
Foto: Pfalz-Express

Während des Essens lief eine von Eckhard Zechiel zusammengestellte Multimediashow. Über Jahrzehnte hinweg hatten sich bei den Städtepartnerschaften unzählige Fotos angesammelt: Reisen, Besuche, gemeinsame Veranstaltungen und Begegnungen. Auf der Leinwand wurde daraus eine kleine Zeitreise durch die Geschichte der Freundschaften.

Ein Podcast mit dem Stadtbürgermeister

Nach dem Essen wurde die Bühne zum Gesprächsplatz. Volker Blatsch und Hans Hruschka interviewten Kandels Stadtbürgermeister Michael Gaudier, ein Podcast, nur eben live vor dem Publikum in der Bienwaldhalle.

Gaudier berichtete von seinem Besuch in Reichshoffen zum Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs. Er habe dort die Ehre gehabt, eine Rede halten zu dürfen. Für Gaudier sind solche Begegnungen ein Zeichen für die Entwicklung der Partnerschaften: „Aus früheren Feinden sind heute Freunde geworden“, so Gaudier. Beim gemeinsamen Gedenken stünden deutsche, französische und britische Flaggen nebeneinander. Gerade in Zeiten, in denen sich Spalter lautstark bemerkbar machten, sei die gelebte Freundschaft umso wichtiger. 

Stadtbürgermeister Michael Gaudier
Foto: Pfalz-Express / Licht

Auch Marc Hassenfratz, 2. Beigeordneter von Reichshoffen, fand deutliche Worte. Er wünschte sich, dass die Menschen aus den drei Städten wieder viel häufiger persönlich zusammenkommen. Nicht nur Vereine und offizielle Vertreter sollten sich treffen. Entscheidend sei, dass die Menschen einander kennenlernen, Zeit miteinander verbringen und die Freundschaften tatsächlich leben.

Hassenfratz verwies auf bestehende Kontakte, etwa zwischen Musikgruppen und Chören. Diese Verbindungen gebe es bereits seit mehr als sechs oder sieben Jahren. Auch bei der Französischen Woche in Kandel könne der Austausch noch gestärkt werden.

Der neue Reichshoffener Bürgermeister Philippe Rosio stellte seine Stadt vor und sprach über ihre Entwicklung.

Foto: Pfalz-Express /Licht

Für die Gäste aus Whitworth übernahm Helen Rendall von der „Whitworth Town Twinning Community“ diesen Part. Sie beschrieb die englische Partnerstadt als ausgesprochen grün und naturverbunden. Kühe und Schafe gehören dort ebenso zum Landschaftsbild wie viel freie Natur. Whitworth liegt rund 20 Kilometer von Manchester entfernt und hat dennoch einen ganz anderen Charakter als die nahe Großstadt.

Helens Mann Steven Mitchell, seines Zeichens Deutschlehrer, stand ebenfalls häufig mit auf der Bühne und übersetzte die jeweiligen Beiträge direkt ins Englische oder Deutsche. So konnten die Reden und Wortbeiträge aus beiden Sprachen von allen Anwesenden verfolgt werden.

Foto: Pfalz-Express / Licht

Eine Partnerschaft, die ihrer Zeit voraus war

Der Kandeler Stadthistoriker Dr. Werner Esser gab zudem einen kurzen Einblick in die Geschichte der Verträge. Die Partnerschaft mit Reichshoffen wurde bereits 1961 geschlossen, drei Jahre vor dem Élysée-Vertrag zwischen Deutschland und Frankreich.

Kandel und Reichshoffen gingen damit früh einen eigenen Weg der Verständigung. Unterzeichnet wurde die Vereinbarung damals von Kandels Bürgermeister Oskar Böhm und dem Reichshoffener Bürgermeister Comte Pierre de Leusse.

1966 kam die Partnerschaft mit Whitworth hinzu. Damals unterzeichneten Oskar Böhm für Kandel und Frank W. Walker für Whitworth die Vereinbarung.

Aus den Unterschriften unter den Verträgen wurde im Laufe der Jahrzehnte weit mehr als eine Verbindung zwischen Verwaltungen. Familien, Jugendliche, Sportler, Musiker und Vereine reisten hin und her. Auch die Jugendgruppen aus Whitworth und Kandel waren in die Kontakte eingebunden.

Volker Blatsch blickte deshalb nicht nur zurück, sondern auch nach vorn. Die Boule-Freunde aus Kandel und Reichshoffen seien ein gutes Beispiel dafür, wie aus einer Städtepartnerschaft echte persönliche Freundschaften entstehen. Auch frühere Treffen von Senioren könnten wiederbelebt werden. Mit dem neuen Gemeinderat in Reichshoffen wünsche er sich eine gute Zusammenarbeit für die kommenden Jahre.

Aus Whitworth sprach auch Alan Neal, ehemaliger Bürgermeister und langjähriger Wegbegleiter der Partnerschaft. Für ihn ist die Verbindung mit Kandel „really, really important“. Viel mehr dürfe er eigentlich gar nicht sagen, meinte er scherzhaft, sonst könnte seine Frau ihn am Ende noch in Kandel zurücklassen.

Auch Jean Louis Grussenmeyer aus Reichshoffen kam zu Wort. Sein Vater gehörte zu den Menschen, die bei der Gründung der Partnerschaft dabei waren.

Drei Sprachen und und ordentlich Beat

Musikalisch wurde der Abend ebenfalls international. Die Modern Voices präsentierten drei Stücke: eines auf Deutsch, eines auf Englisch und eines auf Französisch.

Danach übernahmen Aline & Lena noch einmal die Bühne. Mit bekannten Schlagern traf das Duo offenbar genau den richtigen Nerv. Aus dem Zuhören wurde Mitsingen, aus dem Mitsingen wurde Tanzen und plötzlich war die Tanzfläche voll.

Später legten die Beat Brothers nach. Mit Rockmusik bekam der Abend noch einmal eine ganz andere Richtung. Die Band brachte ordentlich Tempo in die Halle, und jetzt hielt es viele Gäste nicht mehr auf den Stühlen. Es wurde getanzt, gesungen und mitgeklatscht. 

So endete der Jubiläumsabend genau dort, wo eine Städtepartnerschaft hingehört: nicht nur bei Urkunden und offiziellen Terminen, sondern mitten im Leben. Auch der der Erste Kreisbeigeordnete Christoph Buttweiler, der Bürgermeister der Verbandgemeinde Kandel, Mike Schönlaub, und der Erste Beigeordnete der Stadt Kandel, Volker Merkel, schwangen gekonnt das Tanzbein. Letzterer mit Beinschiene, das den Tanzkünsten jedoch keinen Abbruch tat. (cli)

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