
Foto: dts Nachrichtenagentur
Hanau – Im hessischen Hanau sind am Mittwochabend gegen 22 Uhr zehn Menschen bei Schießereien in zwei Shisha-Bars am Heumarkt und Kurt-Schuhmacher-Platz ums Leben gekommen. Auch der mutmaßliche Täter wurde später tot aufgefunden.
Mindestens sechs weitere Personen wurden schwer verletzt. Die Polizei fahndete die ganze Nacht über mit einem Großaufgebot nach den unbekannten Tätern. Nach ersten Mitteilungen sollen am Mittwochabend gegen 22 Uhr an zwei verschiedenen Orten in Hanau Schüsse gefallen sein.
Am Heumarkt soll mindestens eine Person schwer verletzt worden sein, von dort sei ein dunkles Fahrzeug davongefahren, hieß es. Ein weiterer Tatort wurde am Kurt-Schumacher-Platz gemeldet. Dort wurden nach ersten Erkenntnissen mindestens fünf Personen schwerst verletzt.
Täter und Mutter tot
An der Wohnanschrift des mutmaßlichen Täters Tobias R. wurden dann zwei Leichen gefunden. Bei einer der toten Personen handelt es sich um Tobias R., sagte Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) am Donnerstagmorgen. Die andere tote Person sei die 72-jährige Mutter von R. Beide Leichen hätten Schussverletzungen aufgewiesen.
Bekennervideo hinterlassen
Nach neuesten Erkenntnissen hat der mutmaßliche Täter ein Bekennerschreiben sowie ein Bekennervideo hinterlassen. Er soll rechtsradikale Motive geäußert haben, das Video und Schreiben auf eine fremden- und ausländerfeindliche Motivation hindeuten. Der Generalbundesanwalt übernimmt Ermittlungen. Grund sei die besondere Bedeutung der Tat.
Terror-Experte sieht Zusammenhang mit Reichsbürger-Szene

Terrorexperte Peter Neumann
Der Terrorismus-Experte Peter Neumann geht davon aus, dass der Täter hinter der offenbar rechtsradikalen Gewalttat aus der Reichsbürger-Szene stammt. „Es weist viel auf die Reichsbürgerbewegung hin“, sagte Neumann in einer Livesendung der „Bild“ und verwies auf Bemerkungen zu Geheimdiensten und Gehirn-Manipulation im Bekennerschreiben des vermeintlichen Täters sowie auf „teilweise widersprüchliche Verschwörungstheorien“.
Mit Blick auf das schriftliche Dokument stellte Neumann außerdem fest: „Ich würde das Schreiben als Manifest beschreiben. Es ist 24 Seiten lang, es ist sehr wirr in Strecken, es werden viele Verschwörungstheorien artikuliert. Aber das was politisch drin ist, das ist vor allem rechts. Das dürfte uns eigentlich auch nicht überraschen, dieses Muster haben wir in der Vergangenheit, zum Beispiel in Halle, gesehen aber auch im Ausland – El Paso, in Neuseeland, in anderen Orten – wo sich Menschen aus dem Internet eine Ideologie zusammengebastelt haben.“
Große Bedeutung misst Neumann in diesem Kontext dem Internet bei: „Da passiert viel, was nur durch das Internet erklärt werden kann. Also die Art, wie man sich aus den unterschiedlichsten, teilweise widersprüchlichen Verschwörungstheorien eine für sich stimmige Welt sich zusammenbauen kann, aufgrund derer man dann elf Menschen umbringt – das ist, glaube ich, nur durch das Internet möglich. Das wäre vor 40 oder 50 Jahren ganz schwer vorstellbar gewesen.“ Dass es sich um rechten Terror handelt, darauf würde er sich „aktuell schon festlegen“.
Stimmen zur Gewalttat
EU-Ratspräsident Charles Michel hat nach der tödlichen Gewalttat kondoliert. „Der sinnlose Verlust von Menschenleben ist eine Tragödie – egal wo er vorkommt“, teilte Michel am Donnerstagmorgen über den Kurznachrichtendienst Twitter mit. „Nach dem schrecklichen Angriff sind wir in Gedanken bei den Menschen in Hanau.“ Den Angehörigen und Freunden der Opfer drückte er sein Beileid aus.
Zuvor hatte bereits Regierungssprecher Steffen Seibert seine Bestürzung über die Tat ausgedrückt. „Die Gedanken sind heute morgen bei den Menschen in Hanau, in deren Mitte ein entsetzliches Verbrechen begangen wurde“, schrieb er auf Twitter. Tiefe Anteilnahme gelte den betroffenen Familien, die um ihre Toten trauerten. „Mit den Verletzten hoffen wir, dass sie bald wieder gesund werden“, so Seibert.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat bestürzt reagiert. „Mit Entsetzen habe ich von der terroristischen Gewalttat in Hanau erfahren. Meine tiefe Trauer und Anteilnahme gelten den Opfern und ihren Angehörigen“, sagte Steinmeier. Den Verletzten wünsche er baldige Genesung. Weiter sagte Steinmeier, dass er an der Seite aller Menschen stehe, die durch rassistischen Hass bedroht werden. „Sie sind nicht allein. Ich bin überzeugt: Die große Mehrheit der Menschen in Deutschland verurteilt diese Tat und jede Form von Rassismus, Hass und Gewalt.“ Er werde nicht nachlassen, für das friedliche Miteinander in Deutschland einzustehen, so der Bundespräsident.
Merkel sagt Reise ab
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat indessen eine geplante Reise zur Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina in Halle (Saale) abgesagt.
Staatsminister Hendrik Hoppenstedt werde sie vertreten, teilte Regierungssprecher Seibert mit. Die Bundeskanzlerin lasse sich unterdessen fortlaufend über den Stand der Ermittlungen in Hanau unterrichten, fügte Seibert hinzu. Ursprünglich sollte Merkel bei der Amtsübergabe des Präsidenten der Leopoldina die Festrede halten.
Auch Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) reisen nach Hanau, um sich selbst ein Bild der Lage vor Ort zu machen. Ein Termin Seehofers in Berlin wurde abgesagt.
(dts Nachrichtenagentur/red)

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