Donnerstag, 18. August 2022

Jetzt ist es amtlich: Der Erlebnistag Deutsche Weinstraße findet nicht mehr statt

28. Juli 2022 | Kategorie: Allgemein, Kreis Bad Dürkheim, Kreis Südliche Weinstraße, Landau, Neustadt a.d. Weinstraße und Speyer, Regional, Rheinland-Pfalz

Marc Weigel, Thomas Hirsch, Dietmar Seefeldt und Hans-Ulrich Ihlenfeld (v.l.n.r.)…

Landau/SÜW/Bad Dürkheim/Neustadt. In der heutigen (28. Juli) Pressekonferenz im Landauer Rathaus überbrachten Hausherr Thomas Hirsch (OB Landau), OB Marc Weigel (Neustadt), Landrat Hans-Ulrich Ihlenfeld (Bad Dürkheim) und Landrat Dietmar Seefeldt (Südliche Weinstraße) gemeinsam die schlechte Botschaft: Der überaus beliebte Erlebnistag Deutsche Weinstraße wird zukünftig nicht mehr stattfinden.

Der „Erlebnistag Deutsche Weinstraße“, 1985 zum 50. Jubiläum der Deutschen Weinstraße ins Leben gerufen, wurde im Lauf der Jahre schnell zur Erfolgsgeschichte.

Auf der abgesperrten Deutschen Weinstraße tummelten sich tausende Menschen an jedem letzten Sonntag im August – mit dem Fahrrad, auf Inline-Skates oder auch zu Fuß. Für Autos blieb die über 80 Kilometer lange Straße gesperrt. Besucher konnten zwischen Bockenheim und Schweigen-Rechtenbach an diesem Tag ein Stück Pfälzer Lebensgefühl spüren und live erleben. Weit über die Pfalz hinaus bekannt, zog der Raderlebnistag zu Spitzenzeiten rund 400.000 Gäste in die Pfalz und verzeichnete auch zuletzt noch etwa 200.000 Teilnehmer.

…sowie Boris Kranz und Joseph Greilinger (r.) überbrachten die schlechte Botschaft.
Fotos: Pfalz-Express/Ahme

Bedingt durch die Corona-Pandemie konnte der Erlebnistag 2020 und 2021 nicht stattfinden. Viele freuten sich darauf, in diesem Jahr wieder unbeschwert fahren zu können. Corona ist auch offensichtlich nicht das Hauptproblem, dem man sich stellen muss.

Joseph Greilinger und Boris Kranz (Pfalz.Touristik), ebenfalls bei der Pressekonferenz anwesend, erläuterten die wesentlichen Gründe, warum es zukünftig kein solches Event mehr geben wird.

Probleme der Umsetzung des Sicherheitskonzepts

Der Gesetzgeber hat ein Sicherheitskonzept verbindlich vorgeschrieben und dessen Umsetzung über die Strecke von 80 Kilometer ein Unterfangen ist, was nicht für alle Kommunen entlang der Weinstraße umgesetzt werden kann.

Die Ereignisse der letzten Jahre, z.B. in Berlin, aber auch im benachbarten Ausland haben das Thema „Sicherheit von Großveranstaltungen“ in Deutschland in den Fokus gerückt. Deutlich verstärkte und erweiterte Sicherheitskonzepte auf Basis des POG sind die notwendige Konsequenz daraus, stellen aber Gemeinden bereits bei der Veranstaltung von Weinfesten vor große Herausforderungen. Viele Weinfeste haben sich dadurch deutlich verändert.

Auch für den „Erlebnistag Deutsche Weinstraße“ ist ein umfangreiches, deutlich erweitertes Sicherheitskonzept unumgänglich, die Kosten enorm. Zu den vervielfachten Kosten, die im höheren sechsstelligen Bereich zu erwarten wären, käme noch ein deutlich erhöhter Bedarf an ehrenamtlichen Helfenden sowie Sicherheitspersonal hinzu. Ein notwendiges derart kostspieliges Sicherheitskonzept sei daher, auch im Hinblick auf die aktuelle Situation mit Pandemieereignissen, Energiekrise, Krieg und Inflation, schwer argumentierbar und nicht realisierbar, hieß es.

Personal fehlt

Immer mehr Ortschaften konnten in den letzten Jahren die Frequenz an Aktionen und Angeboten am Streckenrand nicht mehr aufrecht halten, freiwilliges Personal zu finden wurde immer schwieriger. Dies führte zu einem ungleich verteilten Angebot und punktuell zu Besucheraufkommen mit übergroßem Andrang. Die Unfallgefahr durch das Zusammentreffen von Radfahrern und Fußgängern auf engstem Raum stieg und führte zu häufigeren Stürzen und Verletzungen.

Schon die letzten Jahren haben gezeigt, dass es zunehmend schwieriger wird, (ehrenamtliche) Mitwirkende und Helfer zu gewinnen. Verschärft wird das noch durch den zwar nicht neuen, aber trotzdem relevanten Umstand, dass der Termin des „Erlebnistag Deutsche Weinstraße“ in die Urlaubszeit und damit in die Hochsaison fällt. Somit ist die Situation im Hinblick auf ausreichend Mitwirkende und Helfer zumindest als sehr kritisch einzuschätzen.

Jedes Jahr startete der Erlebnistag in einer anderen Region der Weinstraße – hier in Edenkoben.
Foto: pfalz-express.de/Ahme

Veranstalter wird nicht gefunden

Der „Erlebnistag Deutsche Weinstraße“ war bislang ein dezentrales Event, bislang organisiert und veranstaltet von den Gemeinden, Orten und Städten entlang der Strecke. Pfalzwein e.V. war zwar Motto-Geber der Veranstaltung, jedoch nie zentraler Veranstalter des Erlebnistags.

Das Polizei- und Ordnungsbehördengesetz Rheinland-Pfalz (POG) schreibt nun einen alleinig haftenden Veranstalter für ein Event dieser Größenordnung vor. Pfalzwein e.V. selbst darf ein (touristisches) Event dieser Größenordnung wegen gesetzlicher Vorgaben aus der Zweckbestimmung des Vereins nicht durchführen. Die Gebietskörperschaften können ebenso wenig als zentrale Veranstalter des Events tätig werden. Die erhöhten Sicherheitsanforderungen haben damit auch zum Scheitern der Veranstaltung beigetragen.

Unfälle, auch mit Pedelecs, gestiegen

In den letzten Jahren stieg die Zahl an Unfällen auf dem „Erlebnistag Deutsche Weinstraße“ kontinuierlich an. Die Konzentration auf bestimmte „Hotspots“ sowie auch die steigende Anzahl an E-Bikes und Pedelecs verschärfen die Situation weiter. Der Ausschank bzw. selbst der moderate Konsum von Alkohol verstärkt dabei noch einmal das Unfallrisiko. Der Konsum von Alkohol bei der Teilnahme am Straßenverkehr – auch per Rad – wird zunehmend kritisch gesehen. Alkohol im Straßenverkehr ist nicht hinnehmbar, daher war auch unter diesem Gesichtspunkt ein „weiter so“ beim „Erlebnistag Deutsche Weinstraße“ kritisch zu sehen.

Gesamtheit der Punkte führt zur Absage

Auch wenn einzelne der genannten Aspekte lösbar erscheinen, ist es die Gesamtheit dieser relevanten Punkte, die die Grundlage für die Absage des „Erlebnistag Deutsche Weinstraße“ seitens der Landkreise, Städte, Tourismus-Verantwortlichen und der Weinwerbung bilden.

Touristiker arbeiten an anderen attraktiven Themen

Aktuell arbeiten die Touristiker in der Pfalz gemeinsam an Alternativen Themenfeldern, um die Pfalz weiter zu stärken, noch attraktiver zu machen und als nachhaltiges und zukunftsweisendes Reiseziel zu etablieren. Denn, wie eine erst kürzlich veröffentlichte Studie zeigt, hat der Tourismus in der Pfalz hohe wirtschaftliche Bedeutung, schöpft aber sein Potenzial nicht aus.

Weinstraßenerlebnistag in Frankweiler.
Archivfoto (2019) Pfalz-Express/Ahme

Tagesgäste in der Region halten

„Es geht vor allem darum, Tagesgäste noch länger in der Region zu halten sowie um eine gezielte nachhaltige Lenkung des Tourismus, vor allem auch in Bezug auf Outdooraktivitäten wie Wandern und Fahrradfahren sowie die Entwicklung der Pfalz zur Ganzjahresdestination“, so Landrat Seefeldt. Die künftigen touristischen Veranstaltungen sollen diese übergeordneten Ziele verfolgen.

„In diesem Sinne wurden in den letzten Jahren viele touristische Radwanderwege und Touren erarbeitet und eingerichtet und haben damit das Erlebnis des Rad-Erwanderns der Weinstraße von einem einzigen Tag auf saisonale Events verlagert. Für die ganze Pfalz ist hier der Radtourismus zentral, besonders im Ausbau und Angebot einer passenden Infrastruktur. Zentrales Ziel ist es, die Pfalz bewusster und stärker als Rad-Destination zu positionieren“, so Landrat Ihlenfeld.

„Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht“, so OB Thomas Hirsch und Marc Weigel ergänzt: „Die Kommunen können das einfach nicht leisten“. 

Nachhaltiges Reiseziel

Kernpunkt bei der Weiterentwicklung des Tourismus in der Pfalz und entlang der Deutschen Weinstraße wird der Fokus „Nachhaltiges Reiseziel Deutsche Weinstraße“ sein, mit passendem Erlebniswochenende, Z.B. unter dem Motto „#nadierlich Pfalz“ mit Erlebnisangeboten bei den Partnerbetrieben des Nachhaltigen Reiseziels, passenden Gästeführungen, speziellen Pfalzcard-Angeboten u. ä.

Pfalz.Touristik arbeitet gemeinsam mit den Städten und Landkreisen aktuell an einer pfalzweiten Qualitätsoffensive, um das Tourenangebot deutlich aufzuwerten und ein funktionierendes Qualitätsmanagement zu etablieren, damit diese auch nachhaltig unterhalten werden. Für die „Radregion Pfalz“ sollen auch passende Erlebnisse, wie geführte Radtouren oder Genießertouren mit Einbindung der lokalen Anbieter entwickelt werden. (desa/red)

Foto: Pfalz-Express/Ahme

 

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