Freitag 9.Oktober 2026

Buchrezension: Stefan Schaupp – Pfälzische Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert (Verlag Regionalkultur)

10. September 2026 | Kategorie: Allgemein, Bücher, Ratgeber

Quelle: Verlag

„Wer sich erst in die Pfalz verguckt hat, ist schon im besten Sinne Pfälzer.“ Mit diesem treffenden Motto eröffnet Stefan Schaupp sein Buch und formuliert zugleich sein zentrales Anliegen: Die Leser sollen die Pfalz nicht nur historisch kennenlernen, sondern sie emotional und intellektuell für sich entdecken.

Der 208 Seiten starke Band mit 69 Farb- und Schwarz-Weiß-Abbildungen, erschienen im Verlag Regionalkultur (ISBN 978-3-95505-484-7, 24,80 Euro), erfüllt diesen Anspruch auf überzeugende Weise. Er erzählt die Geschichte der Region vom Beginn der bayerischen Herrschaft im frühen 19. Jahrhundert bis an die Schwelle des 21. Jahrhunderts kompakt, anschaulich und unterhaltsam – und macht dabei eine Region im Herzen Europas lebendig.

Stefan Schaupp, geboren 1968 in Mannheim, Historiker und Germanist, arbeitet als Oberstudienrat am Käthe-Kollwitz-Gymnasium in Neustadt an der Weinstraße. Er ist kein bloßer Kompilator, sondern ein Kenner der pfälzischen Regionalgeschichte, der bereits mit früheren Arbeiten (darunter Freiheitsbäume. Freiheitsträume) ausgewiesen ist. Seine didaktische Erfahrung als Lehrer spürt man auf jeder Seite: Der Text ist klar, lebendig und zugänglich, ohne an wissenschaftlicher Sorgfalt einzubüßen.

Schaupp vermeidet Fachjargon und trockene Chronologie. Stattdessen verknüpft er landeskundliche Längsschnitte mit der großen Ereignisgeschichte und streut immer wieder jene „kleinen“ Geschichten ein, die Geschichte greifbar machen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit einem atmosphärischen Einstieg: König Max I. Joseph inspiziert sein neues, „französisch“ geprägtes, aber nun bayerisches Land. Danach folgt der umfangreiche landeskundliche Teil „Von der Pfalz und ihren Bewohnern“. Hier erfährt der Leser Grundlegendes über Geographie und Bevölkerungsentwicklung, Konfessionen und Kirchen, die Entwicklung der Selbstverwaltung vom Landrat zum Bezirkstag, Identität, Mentalität und Sprache.

Besonders gelungen sind die Abschnitte zu Landwirtschaft, dem Pfälzerwald, dem Wandel vom traditionellen Gewerbe zur Industrie, zu technischem Fortschritt und Verkehr sowie zu Sport.

Schaupp porträtiert Persönlichkeiten wie den Sänger Fritz Wunderlich aus Kusel oder den Fußballidol Fritz Walter und streift Forscher, Erfinder, Künstler, Musiker, Literaten und Historiker.

Hier wird klar, warum Felix Mendelssohn so gerne in die Pfalz reiste – die Region erscheint als kulturell und landschaftlich reizvoller Lebensraum. Erst danach entfaltet sich die chronologische Erzählung der „großen“ Ereignisse. Schaupp führt den Leser durch die „Keime einer tief wurzelnden Aufregung“ vor dem Hambacher Fest 1832, schildert das Fest selbst und den pfälzischen Anteil an der Revolution 1848/49.

Nach einer kurzen Phase der „Ruhe nach dem Sturm“ folgt das Kaiserreich mit Parteien und Wahlen, wirtschaftlichem Wandel, nationalem Hochgefühl und dem Ersten Weltkrieg. Besonders erhellend ist hier die Darstellung der politischen Bündnisse – etwa wie sich Sozialdemokraten und Zentrum gegen die Nationalliberalen verbündeten – und der Superlative, die Kaiserslautern in dieser Zeit erzielte.

Die Weimarer Republik wird als Zeit der Besatzung, des Separatismus (mit der „Autonomen Pfalz“), der Inflation und des schleichenden Aufstiegs der NSDAP behandelt. Josef Bürckel tritt als nationalsozialistischer „Territorialfürst“ auf.

Das Kapitel „Die Pfalz unterm Hakenkreuz“ thematisiert Machtetablierung, Verfolgung, Volksgemeinschaftsideologie, Wirtschaft, Justiz, Kirchen, Widerstand und die Verfolgung von Minderheiten, bevor der Weg in den Krieg beschrieben wird.

Die Nachkriegs- und Konsolidierungsjahre (1945–1970) behandeln Wiederaufbau, Politik, die französische und amerikanische Militärpräsenz, Schulen und die ersten „Gastarbeiter“. Der Schlussabschnitt „Umbrüche und Aufbrüche (1970–2000)“ blickt auf Jugendkultur und Protest, wirtschaftlichen Wandel, Bildung und Politik, Helmut Kohl als „pfälzischen Patrioten und europäischen Visionär“ sowie den Truppenabzug und endet mit einem Resümee und Ausblick.

Stärken und Wirkung

Schaupps große Stärke liegt in der gelungenen Balance. Die landeskundlichen Kapitel schaffen den notwendigen Kontext, ohne den die späteren Ereignisse abstrakt blieben. Die „kleinen“ Geschichten – Mendelssohns Vorliebe für die Pfalz, politische Bündnisse, Kaiserslauterns Superlative, Fritz Walter und Fritz Wunderlich – verleihen dem Buch Wärme und Nähe. Geschichte wird hier nicht nur erzählt, sondern erfahrbar: Man spürt die Mentalität der Pfälzer, ihre Freiheitsliebe, ihren Pragmatismus und ihre Verbundenheit mit Landschaft und Wein.

Die zahlreichen Abbildungen (Fotos, Karten, Diagramme) unterstützen den Text hervorragend und machen das Buch auch visuell attraktiv. Der feste Einband und das handliche Format (ca. 15,5 × 22,5 cm) laden zum Schmökern ein.

Für Laien, Heimatinteressierte, Schüler und Studenten ist der Band ideal geeignet; auch der Fachhistoriker findet Anregungen und einen soliden Überblick. Die Darstellung bleibt faktenreich und differenziert, ohne moralisierend oder ideologisch zu werden.

Natürlich kann ein so kompakter Band von 208 Seiten nicht jedes Detail ausleuchten. Wer eine erschöpfende Spezialstudie zu einzelnen Aspekten (etwa dem Separatismus oder der NS-Zeit) sucht, wird ergänzend zu anderen Werken greifen müssen.

Doch genau darin liegt die Qualität: Schaupp liefert keinen erschöpfenden Katalog, sondern eine erzählende, einladende Gesamtschau.

Fazit

Pfälzische Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert ist ein gelungenes, lesenswertes und empfehlenswertes Buch. Es erfüllt sein selbst gestecktes Ziel, die Leser für die Pfalz „zu vergucken“, und lässt die Region als lebendigen, historisch facettenreichen Teil Europas erscheinen.

Stefan Schaupp hat eine unterhaltsame und zugleich fundierte Landeskunde vorgelegt, die Geschichte nahbar macht und Lust auf mehr macht – auf weitere Entdeckungen vor Ort, in Archiven oder in der eigenen Familiengeschichte. Für alle, die die Pfalz lieben oder sie kennenlernen wollen, ist dieser Band eine ausgezeichnete Wahl.

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