Berlin – Fremdwörter und Fachbegriffe, Anglizismen und „Denglisch“, lange und verschachtelte Sätze: Die Programme der Parteien zur Bundestagswahl am 22. September sind in weiten Teilen unverständlich. Manche Passagen muss man mehr mehrfach lesen, um auch nur zu ahnen, was gemeint ist.
„Die Parteien verschenken große Kommunikationschancen“, sagte Frank Brettschneider vom Institut für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim. „Kein einziges Programm ist richtig verständlich.“ Brettschneiders Institut hat die Sprache in den Programmen zusammen mit der Beratungsfirma H&H Communication Lab in Ulm untersucht. Die noch unveröffentlichten Ergebnisse liegen der „Welt am Sonntag“ vor.
Auf einer Skala von 0 (sehr unverständlich) bis 20 (sehr verständlich) bekommen CDU/CSU das beste Ergebnis – nämlich einen Indexwert von 9,9. Die Grünen liegen mit einem Wert von 8,4 auf den zweiten Platz. Dahinter folgen die Linkspartei (7,7) sowie SPD und FDP (je 7,3). Schlusslicht sind die Piraten, die bei einem Indexwert von 5,8 landen; einen derart schlechten Wert hat seit 1994 kein Parteiprogramm mehr erhalten, selbst eine durchschnittliche politikwissenschaftliche Doktorarbeit (Indexwert: 4,3) ist nicht viel unverständlicher.
Im Vergleich zu den Programmen zur Wahl 2009 hat die Verständlichkeit bei FDP, Grünen und vor allem SPD abgenommen. Nur Linken und Union attestieren die Forscher leichte Verbesserungen. „Insgesamt hat sich die Verständlichkeit der Programme seit 2009 verschlechtert“, sagt Studienautor Brettschneider.
In allen Programmen finden sich Sätze, die mehr als 40 Wörter lang sind, die Linkspartei kommt in mindestens einem Fall sogar auf mehr als 70 Wörter. Selbst erdachten Substantivierungen erfreuen sich bei den Parteien ebenso großer Beliebtheit wie Begriffe, die nur in der jeweiligen Fachwelt geläufig sind.
Die „Welt am Sonntag“ ist in einer eigenen Auswertung auf folgende Beispiele gestoßen: – CDU/CSU: „Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung“, „Infrastrukturungleichgewichte“, „Konfliktlösungsmöglichkeiten“.
SPD: „Hochspannungsgleichstromübertrag“, „Komplementärkapazitäten“.
FDP: „Vernachrichtendienstlichung“, „Eingriffsausgleichsregelung“, „Rebflächenmanagementsystem“ .
Linke: „Aufstandsbekämpfungsstrategien“ .
Piraten: „Datenverarbeitungseinwilligungsklauseln“, „Mindestbelastungsgrenzwerten“, „Privacy-by-Design“.
Ebenfalls verbreitet sind englischsprachige Beimengungen wie „One-click-Lizenzierung“ (Grüne) oder „German Mittelstand“, „Sharing Economy“ und „Smart Homes“ (alle CDU/CSU).
Vor allem bei den Grünen kommt hinzu, dass der Kampf um die Gleichberechtigung von Mann und Frau auch mit sprachlichen Mitteln ausgetragen wird. So ist im Grünen-Programm nicht nur von „BürgerInnenenergie in „BürgerInnenhand“ die Rede, sondern etwa auch von „BürgerInnengemeinschaftsanlagen“.
Besonders mangelhaft ist die Verständlichkeit ausgerechnet im Bereich Außenpolitik, zu der die Hohenheimer Forscher auch die Euro- und Europapolitik zählen: „Das ist der Bereich, den die Parteien besonders gut erklären sollten – weil er besonders kompliziert ist und besonders wichtig“, sagt Frank Brettschneider. „Doch ausgerechnet hier hapert es mit der Verständlichkeit noch mehr als in anderen Politikfeldern.“
Die Union tut sich in ihrem Programm bei diesem Thema sprachlich so schwer wie bei praktisch keinem anderen. Doch mit einem Indexwert von 8,6 liegt sie hier immer noch vor der SPD (7,1) oder den Grünen (6,5). Studienautor Brettschneider glaubt, dass bei dem Kauderwelsch in den Wahlprogrammen auch „taktische Unverständlichkeit im Spiel“ ist: „Die Parteien wollen manchmal gar nicht richtig verstanden werden: Die Wähler sollen nicht merken, was die Parteien bei einzelnen Themenfeldern im Schilde führen.“(red/(dts Nachrichtenagentur))
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