
V.li.: Torsten Blank, Marco Brunzel, René Chassein, Dieter Rombach.
Fotos: Pfalz-Express/Licht
Infos auch in der Fotogalerie am Textende.
Herxheim – Viele Menschen haben keine Ahnung, was sich konkret hinter den Begriffen „Digitalisierung“ oder auch „Industrie 4.0“ verbirgt. Dabei verändert sich sowohl die Arbeitswelt als auch die private so rasant wie nie.
Die Bezeichnung „ 4.0“ beschreibt dabei nichts anderes als die „vierte industrielle Revolution“, die umfassende Vernetzung (nach der Mechanisierung, Elektrifizierung und Automatisierung) mit moderner Informations- und Kommunikationstechnik, erläuterte der SPD-Landratskandidat für die Südliche Weinstraße und Bürgermeister der Verbandsgemeinde Landau-Land, Torsten Blank.
Blank hatte nach Herxheim zum Forum „SÜW 4.0: Was bringt die digitale Zukunft?“ eingeladen und wartete mit hochkarätigen Gästen auf: Der Leiter „Business Development“ des Fraunhofer-Instutits für experimentelles Software-Engeneering und Vorstandsvorsitzender der „Science Alliance“ Kaiserslautern, Informatik-Professor Dr. Dr. Dieter Rombach, der Vorstand der Pfalzwerke AG, René Chassein, und der Leiter der Digitalen Modellregion Rhein-Neckar, Marco Brunzel, standen zur Diskussion bereit.
Um den umwälzenden Wandel gut zu bewältigen, nicht abgehängt zu werden und mit der Entwicklung Schritt zu halten, dafür stehe „SÜW 4.0“, sagte Blank. Der momentan in der Umsetzung befindliche Breitbandausbau sei derzeit das größte Projekt im Kreis.
„Digitalisierung ist ein Bürgerrecht“
Ermunterung dazu kam vom Professor aus berufenem Munde. Es gehe auch gar nicht anders, sagte Rombach, denn die Digitalisierung sei nicht mehr aufzuhalten, biete immense Vorteile und sei nicht weniger als eine regelrechte „Transformation.“
Wichtig sei, betonte Rombach immer wieder, dass man die weitere Entwicklung selbst steuere und diese nicht von großen Konzernen wie Google oder Amazon aufoktroyiert bekomme: „Wenn wir es nicht tun, macht es jemand anders – die Googles dieser Welt.“ Digitalisierung sei ein Bürgerrecht wie Elektrizität und fließendes Wasser – und „die politische Verantwortung dazu ein ´Muss´“, sagte Rombach. In zehn Jahren werde man über den heutigen Stand lachen, prophezeite er.
Dabei sei die Nutzung für jedermann optional: „Jedes Gerät hat einen Aus-Knopf.“ Mit einer Datennutzungskontrolle sei es auch möglich, in großen Teilen selbst zu entscheiden, welche Daten freigegeben werden.
Bei der Telemedizin hätten beispielsweise chronisch Kranke oder Senioren die Möglichkeit einer umfassenden Betreuung, ohne ständig Stunden in Wartezimmern von Ärzten vergeuden zu müssen. Senioren könnten länger in ihrer gewohnten Umgebung leben, anstatt ins Altenheim zu müssen. Dazu müssten aber Daten zur Verfügung gestellt werden: „Da muss jeder die Vor- und Nachteile für sich abwägen.“ Tatsache sei, dass man in der Zukunft von „vielen dummen, zeitraubenden Aktivitäten“ befreit sein werde.
Auch Torsten Blank weiß um die Sorgen und Ängste zahlreicher Bürger gegenüber der Informationstechnologie. „Die müssen wir ernst nehmen, die Menschen mitnehmen.“ Es gibt aber auch viele positive Erwartungen: Bei einer Handzettel-Umfrage wurden helfende Roboter, Ferndiagnosen oder mehr Mobilität genannt.
Mit Kombi-Lösungen konkurrenzfähig bleiben
Niemand müsse, aber jeder solle die Vernetzung nutzen können, sei es die Telemedizin, ein Smart-House mit intelligenter Erkennung der Bedürfnisse der Bewohner, Energieeinsparung, Sicherheit, Verwaltung, Dienstleistungen oder die virtuell gesteuerte Produktion in Betrieben. Gerade Unternehmen bräuchten die „Nabelschnur zur Technologie“, sagte Rombach, „sonst sind wir in Europa ganz schnell gegenüber Hochtechnologie-Ländern wie China im Hintertreffen.“ Und das wieder aufzuholen sei schwer, wenn nicht fast unmöglich.
Die Zeiten, in denen man mit nur einem Produkt einem „nackten Produkt“ Geld habe verdienen können, seien eh vorbei: „Es geht in Zukunft nur mit Kombi-Lösungen“. Was den Einzelhandel angehe – auch der müsse sich bewegen und sich Modelle überlegen. Im Rahmen einer „Smart-City“ besonders in ländlichen Gebieten würden Gewerbetreibende und Kunden profitieren, beispielsweise mit „Frische-Lieferungen“ (online bestellt) oder ähnlichen Leistungen.
Das bestätigte auch Pfalzwerke-Chef René Chassein: „Wir verkaufen künftig nicht ein Kilowatt Strom oder eine Straßenlaterne, sondern das Produkt ´Helle Straße´ – mit allem was dazu gehört.“ Im privaten Bereich gebe es dann beispielsweise das Produkt „gekochtes Essen“ oder „warme Stube“ – auch als „Internet der Dinge“ bezeichnet.
Rombach und Chassein versuchten, Ängste abzubauen. Wenn „früher eine Kuh tot im Stall lag“, sei sofort eine Diskussion über die Gefahren der Elektrizität entbrannt, sagte Chassein. Heute sei sie unverzichtbar. Rombach erinnerte sich an „den Untergang des Abendlandes“, als die Fernsehapparate in die Wohnzimmer einzogen.
Marco Brunzel, Vorkämpfer für Verwaltungsmodernisierung, nahm die schleppende Umsetzung bei Behörden aufs Korn: „Eine Mail zu bekommen, die dann auszudrucken, zu kopieren und in den Ablagekorb zu legen – das ist keine Digitalisierung.“ Die Verwaltungen arbeiteten immer noch nach der „Preußischen Städteverordnung von 1808“ mit vielen überflüssigen Arbeitsgängen.
Für Blank ist klar: Die Digitalisierung biete viele Chancen, „aber wir müssen die Menschen mitnehmen.“ Auch die Jugend solle fit gemacht werden für die digitale Zukunft, die das Leben von Grund auf verändern werde. (cli)

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