
Beim Aula-Gespräch wurde dem Gymnasium im Alfred-Grosser-Schulzentrum auch der Titel „Botschafterschule des Europäischen Parlaments“ verliehen. Rechts vorne Prof. Alfred-Grosser, umgeben von Schülern sowie hinten links Judit Hercegfalvi vom Europäischen Parlament und Sozialkundelehrer Andreas Wiemer (hinten rechts).
Foto: v. privat
Bad Bergzabern – Zum zehnjährigen Jubiläum der Namensgebung des Schulzentrums in Bad Bergzabern diskutierte Professor Alfred Grosser aus Paris mit Gästen in der Aula über Europa
Als der Brüssel-Korrespondent Peter Riesbeck in der Aula des Schulzentrums Bad Bergzabern sagte: “In Brüssel und in Europa funktioniert mehr, als wir gemeinhin glauben”, da hatten seine Vorredner bereits vieles aufgezählt, was in Europa zu kritisieren sei.
Der Pariser Politologe Alfred Grosser, nach dem das Bergzaberner Schulzentrum seit zehn Jahren benannt ist, begann bei Angela Merkel, die er dafür kritisierte, ihre Flüchtlingspolitik vom türkischen Präsidenten gefährden zu lassen.
Dann kritisierte er rechte Bewegungen in Europa, die teilweise sogar schon an der Macht seien wie in Ungarn. “Das transnationale Europa wird immer schwächer”, bedauerte der 91-Jährige überzeugte Europäer. Aber es gebe auch positive Entwicklungen, zum Beispiel die deutlichen Worte gegen Fremdenfeindlichkeit, die hochrangige deutsche Bischöfe wie Reinhard Marx oder Kardinal Lehmann gefunden hätten.
Der zweite Redner an diesem Dienstag vor Fronleichnam, Albrecht Müller, unter den SPD-Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt Planungschef im Bundeskanzleramt, ehemaliger SPD-Bundestagsabgeordneter und zur Zeit Mitherausgeber der „Nachdenkseiten“ im Internet, war in mehreren Punkte nicht einverstanden mit Alfred Grosser.
So zweifelte er dessen Behauptung an, der russische Präsident Wladimir Putin finanziere rechtsextreme Parteien in Europa. Es stimme auch nicht, dass es uns in Europa doch gut gehe. „Sagen Sie das mal der alleinerziehenden Mutter oder den Jugendlichen ohne Perspektive“.
Europa sollte sich darauf besinnen, dass es einmal stark war, weil es eine sozialstaatliche Tradition habe. Außerdem mahnte er: „Wenn ein Land ständig Überschüsse erwirtschaftet, dann sind das die Defizite der anderen“.
Darauf entgegnete wiederum Alfred Grosser, ob man dem deutschen Mittelständler verbieten solle, seine erfolgreichen Produkte zu exportieren. Grosser blieb dennoch optimistisch und erinnerte am Ende seines Eröffnungsstatements an Robert Schuman, der gesagt habe: „Wir sind für das Europa der Freiheit, auch für die, die nach Freiheit streben“.
Daran knüpfte der Journalist Peter Riesbeck an, der für große deutsche Tageszeitungen wie die Berliner Zeitung oder die Frankfurter Rundschau aus Brüssel über Europa berichtet. Er kritisierte aber auch, dass Geschichten über Europa häufig nur dann unterzubringen seien, wenn es um Streit und Konflikte gehe. Außerdem sei ein Problem, dass sich deutsche Medien nur mit deutschen Europapolitikern beschäftigten.
Dabei gebe es erfolgreiche Projekte, zum Beispiel Erasmus, das Austauschprogramm für Studierende. Peter Riesbeck, der aus der Südpfalz stammt, empfahl allerdings, Europa von einem „Projekt der Eliten zu einem Projekt der Massen“ zu machen, zum Beispiel, indem man Erasmus zu einem Programm auch für Auszubildende ausweite.
Auch Lukas Wessa, Schüler am Gymnasium im Alfred-Grosser-Schulzentrum, stimmte Peter Riesbeck zu, dass es für Jugendliche wichtig sei, die Welt kennenzulernen. „Wir haben Europa in Straßburg erlebt, wo wir am Sitz des Europäischen Parlaments Jugendliche getroffen haben“, berichtete er.
Judit Hercegfalvi, die an diesem Tag der Schule den Titel „Botschafterschule des Europäischen Parlaments verlieh“, bekräftigte, dass Europa trotz aller Konflikte für Austausch und Begegnung stehe. „Es geht uns trotzdem gut, es gibt Zusammenhalt und Solidarität“, so Hercegfalvi, die im Informationsbüro des Europäischen Parlaments arbeitet.
Der Mitarbeiter des grünen Europaparlamentariers Sven Giegold, Michael Leibeck, betonte, es sei die Aufgabe von Menschen, die in Brüssel arbeiten, Europa so zu erklären, dass es bei den Menschen ankomme. Zum Beispiel, dass Europa die Nahrungsmittelspekulation eingedämmt habe oder das Bankkonto für alle durchgesetzt habe. „Vor zwei Jahren gab es bei uns noch eine Million Menschen ohne Konto“, so Leibeck.
Allerdings würden in Brüssel leider immer noch zu viele Entscheidungen in Hinterzimmern getroffen, stattdessen sollten die Mitgliedsstaaten offenlegen, wofür sie in Brüssel stimmen wollen.
Moderator Berthold Blaes, Deutsch-, Sozialkundelehrer und Leiter der Theater-AG am Gymnasium, betonte, dass die Flüchtlinge integriert werden müssten: „Sie kommen wegen des Hungers, den nicht zuletzt unsere Wirtschaftsform auslöst.“
Zum Schluss rief Alfred Grosser dazu auf, Europa weiter die Treue zu halten, denn es habe für vieles gesorgt, was uns nur nicht mehr auffalle, weil es selbstverständlich sei, zum Beispiel für Frieden.
Er lobte auch das deutsch-französische Jugendwerk, bedauerte aber zugleich, dass über Positives zu wenig berichtet werde. „Ich war zu Gast bei einer Veranstaltung, da haben Jugendliche aus den Banlieues, aus den Vorstädten, etwas auf deutsch vorgetragen; leider waren kaum Medien da“, so Alfred Grosser.
Es interessiere halt immer nur die Krise, dabei sei eines wichtig, so Schülerin Noah Rodrian: „Gemeinsamkeit, das ist die beste Lösung.“ (mv)

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