
Ortsbürgermeister Gerhard Beil mit Philipp Schmitt und Referentin Nadja Mirjam Melko.
Fotos: v. privat
Rheinzabern – „Scherben bringen Glück“, nicht nur dem Archäologen, doch werde das Zitat heute falsch verstanden, erklärt die Archäologin Nadja Mirjam Melko bei einem vhs-Vortrag im Kleinen Kulturzentrum Rheinzabern.
Die Heidelberger Archäologin versteht mit Fachwissen und Charme, ihr Publikum mit einer Materie mitzureißen, die gemeinhin als eher spröd gilt. Versteht man aber „Scherben“ in seiner ursprünglichen Bedeutung, dann bedeutet es Gefäß. Gefäße, in denen Handelsware transportiert und verkauft wurde, dienten damit dem Glück der Menschen.
Die Keramikerin streift nur marginal den Titel des Vortrags „573 °C“, der eher als „Lockvogel“ gewählt ist und an die gleichzeitig laufende Ausstellung im Terra Sigillata Museum erinnert. Natürlich geht Frau Melko auch auf naturwissenschaftliche Aspekte und die archäologischen Hilfswissenschaften ein. Die Entschlüsselung von technischen Prozessen bedeutet auch das Erkennen von Gedankenmodellen, ein Hineinversetzen in die Schöpfer der Keramik mit Herz und Hirn.
Ton ist mehr als eine chemische Formel aus Al²O³, SiO² und H²O. Ton ist ein wunderbares Material. Bei 573°C erfolgt der sog. Quarzsprung, der einen Keramikbrand zerstören kann. Nadja Melko hat damit experimentiert, sieht sie sich doch in der Aufarbeitung des Lebenswerkes des berühmten Archäologen Adam Winter (1903-1978).
Wie selten ein Material eignet sich Keramik als Gedächtnis der Menschheit. Aus Funden im Boden die Biographie der Dinge zu rekonstruieren, sie im Zusammenhang zu erklären, das macht ihren Reiz erst aus, ehe sie z.B. als „schönes Stück“ ausgestellt werden. Keramikstücke – Frau Melko zeigt etliche Prachtexemplare – dienen als Bildträger ganzer Epochen, zeigen Kunstgeschmack und Stile, Dekore, Moden und Mythen, erlauben die chronologische Einordnung.
Als einer der ältesten figürlichen Keramikfunde Europas gilt die etwa 5000 Jahre alte Venus von Dolní Věstonice in Mähren. Etwas jünger ist die Gefäß- und die Baukeramik, z.B. für Bodenfliesen, Hypo-caustenröhren oder Dachziegeln. Selbst als Plomben zu verschiedensten Zwecken eignet sich Ton. Vergleiche mit heute sind evident.
Besonders geht Nadia Melko auf „Vasen“ ein. Das lat. „Vasa“ bedeutet nichts anderes als Gefäß. An einem griechischen Prachtstück lässt die Archäologin Kunst, Religion, die Technik und vieles mehr lebendig werden, insbesondere auch die Bedeutung des Hand-Werks, das ja im Zeitalter der Automatisierung und Virtualisierung immer mehr an Bedeutung verliert, eines aber der „Theorie“ voraus hat: Das Begreifen mit Händen, mit allen Sinnen.
Natürlich spielt auch die Terra Sigillata aus Rheinzabern eine Rolle. Sie nicht isoliert zu betrachten, sondern im Kontext vielfältiger Keramik, lässt sie noch bedeutender erscheinen. Ihre typische Farbe gibt es nur hier, denn jedes Tonlager hat andere Feinkomponenten und ergibt eine lokalspezifische Farbe.
Ton ist ein Rohstoff, der bereits von einem der ältesten Handwerke der Menschheit verwendet wird. Alles ohne Strom, mit uralten Werkzeugen. Ohne Töpferei sind Sesshaftwerdung und die damit verbundene Vorratshaltung undenkbar.
Schließlich erläutert die Referentin eine Reihe von Töpfertechniken, sie hat auch selber schon viel experimentiert.
Dem lebendigen Vortrag folgt eine umfangreiche Diskussion. Lang anhaltender Beifall ist verdienter Lohn. Der Vortrag – eine wahre Elogie auf die Archäologie – lässt künftig manchen mit ganz anderen Augen durch die Museen schweifen.
Dem herzlichen Dank des Ortsbürgermeisters schloss sich der Vorsitzende des Museumsvereins mit einem Blumenstrauß an. (Gerhard Beil)
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