
Monika Schnitzer
Foto: dts Nachrichtenagentur
Ein Kommentar von Claudia Licht

Claudia Licht
Die „Wirtschaftsweise“ Monika Schnitzer wirft der Babyboomer-Generation vor, sie habe den Generationenvertrag gebrochen, weil sie seit den 1970er-Jahren zu wenige Kinder bekommen habe.
Damit, so ihre These, habe sie das Rentensystem aus dem Gleichgewicht gebracht. Als Konsequenz fordert Schnitzer: Wohlhabende Rentner sollen stärker belastet (Boomer-Soli), Renten langsamer erhöht und die Lebensarbeitszeit verlängert werden.
Was Schnitzer da sagt, ist ein Frontalangriff auf eine ganze Generation – und eine Geschichtsklitterung obendrein. Der Vorwurf lautet im Kern: Ihr habt zu wenige Kinder bekommen, also seid ihr selbst schuld an der Krise des Rentensystems. Das ist nicht nur ungeheuerlich, sondern blendet zentrale gesellschaftliche Entwicklungen völlig aus.
Ab den 1970er-Jahren wurde von Frauen zunehmend erwartet, dass sie arbeiten – aus Überzeugung, aus ökonomischer Notwendigkeit, oder beidem. Das war ein Fortschritt in Sachen Gleichberechtigung, aber die gesellschaftlichen Strukturen hinkten meilenweit hinterher. Es gab keine flächendeckende Kinderbetreuung, keine geteilte Elternzeit, kein ernst gemeintes politisches Konzept zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Frauen arbeiteten und mussten trotzdem die Hauptlast in Haushalt und Kindererziehung tragen. Weniger Kinder zu bekommen war für viele keine freie Entscheidung, sondern schlicht die einzige machbare Option.
Wir brauchen eine ehrliche Debatte über die Zukunft der Rente. Und ganz sicher auch endlich mal eine modernere Denkweise, alternative Möglichkeiten und nicht nur die „Jungen für die Alten“-Schablone. Dazu muss man das Rad nicht neu erfinden. Ein Blick zu manch europäischen Nachbarn reicht.
Aber wer wie Schnitzer einer ganzen Generation Verantwortung zuschiebt, weil sie sich nicht aufgerieben hat zwischen unzumutbaren Anforderungen, versteht nicht, wie gesellschaftlicher Wandel funktioniert und sollte besser keinen „Vertragsbruch“ herbeireden, den es so nie gegeben hat.

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