Montag 12.Oktober 2026

Die Gasversorgung in Deutschland 2026: Eine kritische Bestandsaufnahme

26. Januar 2026 | Kategorie: Wirtschaft

Quelle: Pfalz-Express

Deutschland hat seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 seine Gasversorgung radikal umgestellt. Russisches Pipeline-Gas, das früher den Großteil deckte, ist nahezu vollständig ersetzt worden.

Stattdessen dominieren nun norwegisches Pipeline-Gas, LNG-Importe (vor allem aus den USA, aber auch Katar und anderen) und begrenzte Beiträge aus den Niederlanden und Belgien. Die Bundesregierung feiert dies als Erfolg der Energiesicherheit.

Doch bei näherer Betrachtung zeigt sich ein gemischtes Bild: Niedrige Speicherstände im Januar 2026, steigende Preise, hohe Kosten für die Infrastruktur, erhebliche Umweltbelastungen und ein drohender Lock-in-Effekt für fossile Energieträger werfen die Frage auf, ob die Strategie nachhaltig und zukunftsweisend ist.

Aktueller Stand der Versorgung (Januar 2026)

Die Gasspeicher in Deutschland sind zum 26. Januar 2026 nur noch zu 37,5 % gefüllt – rund 24 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt der Jahre 2017–2021. Die Gesamtkapazität liegt bei ca. 250 TWh. In der Woche vom 12. bis 18. Januar 2026 wurden 27 TWh Gas verbraucht (5,1 % unter dem langjährigen Durchschnitt), doch der kältere Winter und ein hoher Industrieverbrauch belasten die Reserven stärker als in den Vorjahren.

Die Bundesnetzagentur schätzt das Risiko einer Mangellage derzeit als gering ein; die Alarmstufe des Notfallplans Gas ist aufgehoben. Dennoch bereiten sich Industrieunternehmen (z. B. in der Chemiebranche) intern auf Notfallpläne vor, und Experten warnen vor zu großer Gelassenheit angesichts historisch niedriger Füllstände seit 2022.

Im Gesamtjahr 2025 lag der Gasverbrauch bei 864 TWh (+2,2 % gegenüber 2024, aber 13,5 % unter dem Durchschnitt 2018–2021). Die Importe beliefen sich auf 1.031 TWh, davon kamen 44 % aus Norwegen, 24 % aus den Niederlanden und 21 % aus Belgien. Über die LNG-Terminals (Wilhelmshaven, Brunsbüttel, Lubmin, Mukran) wurden 106 TWh importiert – das entspricht 10,3 % der Gesamtimporte, aber in Spitzenzeiten (z. B. Kältewellen) lieferten sie Rekordmengen. Die Preise stiegen jedoch spürbar: Von ca. 27 €/MWh Anfang Januar auf rund 40 €/MWh, was Verbraucher und Unternehmen zusätzlich belastet.

Die schnelle Inbetriebnahme der LNG-Infrastruktur (schwimmende und stationäre Terminals) hat die Versorgung stabilisiert – ein kurzfristiger Erfolg. Allerdings sind viele Terminals nicht voll ausgelastet (z. B. nur 48 % im Q2 2024), und Deutschland exportiert weiterhin Gas (221 TWh 2025, vor allem nach Österreich, Tschechien und die Schweiz).

Entwicklung seit 2022: Von der Krise zur neuen Abhängigkeit

Die Bundesregierung hat nach dem Ausfall russischer Lieferungen (Nord Stream) massiv in LNG-Terminals investiert und die Diversifikation vorangetrieben. Gas gilt offiziell als „Brückentechnologie“: Neue Gaskraftwerke sollen bis 2045 auf Wasserstoff umrüstbar sein. Die inländische Förderung ist gering (34 TWh 2025, inkl. Biogas), und der Ausbau erneuerbarer Energien sowie Wasserstoff schreitet voran – allerdings deutlich langsamer als erhofft.

Kritisch zu sehen ist die wachsende Abhängigkeit von US-LNG (Fracking-Gas). Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) dokumentiert einen deutlichen Anstieg dieser Importe. Geopolitisch birgt dies neue Risiken: Abhängigkeit von US-Politik, Fracking-Umweltschäden in den USA und potenziell problematischen Partnern wie Katar.

Kritische Punkte: Umwelt, Kosten und verpasste Chancen

Umweltauswirkungen: LNG ist klimaschädlicher als oft dargestellt. Durch Methan-Lecks beim Fracking und Transport können die Treibhausgasemissionen bis zu 274 % höher liegen als bei Kohle (über 20 Jahre betrachtet).

LNG-Terminals schaffen einen Lock-in-Effekt: Sie binden Kapital und Infrastruktur an fossiles Gas für Jahrzehnte und verzögern den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace, BUND und DUH kritisieren die Überdimensionierung (bis zu 13 Terminals geplant oder im Bau) als klimaschädlich und unnötig. Studien zeigten bereits früh, dass weniger Infrastruktur ausgereicht hätte.

Kosten und Wirtschaftlichkeit: Der Bau der Terminals (z. B. Brunsbüttel von 740 auf 940 Mio. €) wird stark staatlich subventioniert (KfW, Bund). Bei niedriger Auslastung entstehen Fehlinvestitionen, die letztlich auf Steuerzahler und Verbraucher umgelegt werden. Hohe Gaspreise treffen Haushalte und energieintensive Industrie hart und gefährden die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Die Gasspeicherumlage wird 2026 abgeschafft, doch die Gesamtbelastung bleibt hoch.

Gefällt Ihnen unsere Zeitung?

Fügen Sie den Pfalz-Express als bevorzugte Quelle bei Google hinzu. So verpassen Sie keine wichtigen Nachrichten aus der Region.

⭐ Bei Google als bevorzugte Quelle hinzufügen
Zur Startseite

Abonnieren Sie auch unseren Pfalz-Express-Kanal bei YouTube

Diesen Artikel drucken Diesen Artikel drucken

Kommentare sind geschlossen