[1]Pink und bunt: Mit Trommeln und Fahnen zogen Teilnehmer der Partei „Die Partei“, des „Männerbündnisses Kandel“, der „Antifa“ und weiterer Gruppen durch Kandel.
Fotos und Videos (am Textende): Pfalz-Express/Licht/Kunze
Kandel – An Kundgebungen am Samstag nahmen laut Polizeischätzungen etwa 600 Personen teil, die weitestgehend friedlich demonstrierten. Im Vorfeld war die Polizei von über 1.000 Teilnehmern ausgegangen.
Die Polizei, die mit rund 500 Beamten im Einsatz war, hatte außer Begleit-und Wachaufgaben wenig zu tun. Einen Vorfall gab es dennoch: Auf der Hauptstraße beleidigte ein 30-jähriger Karlsruher einen 25-Jährigen aus Trier. Nach Pfalz-Express-Informationen soll er den Mann „Nigger“ genannt haben.
Bei der Identitätsfeststellung leistete der 30-Jährige gegen die Einsatzkräfte Widerstand und beleidigte eine Polizistin. Die Beamten stellten außerdem eine geladene Schreckschusswaffe und einen Teleskopschlagstock sicher. Auch die 63-jährige Begleiterin des Karlsruhers hatte eine geladene Schreckschusspistole und Pfefferspray dabei. Gegen die Beiden wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.
Musik und Reden auf dem Marktplatz
Aufgerufen hatte das „Männerbündnis Kandel“ und die Satire-Partei „Die Partei“ zu einer Versammlung auf dem Marktplatz, die schon um 9 Uhr am Morgen mit einem Frühstück begann, an dem auch Jutta Paulus, Landesvorsitzende der rheinland-pfälzischen Grünen, teilnahm.
Dazwischen gab es immer wieder Musik von den Bands „Freidenkeralarm“, „Ok danke tschüss“, der „Kandel Band“ und sogar ein Theaterstück von „Die Partei“. Wer wollte, konnte sich den Tag über mit der Aktion „Respekt“ unter dem Motto „Gesicht zeigen“ ablichten lassen. Etwa 200 Personen schlossen sich im Lauf des Tages den Kundgebungen an.
„Think pink“
Später sprachen Vertreter von „Die Partei“, den Jusos und anderen Gruppen, bevor es zum Rundgang über die Markt- und Hauptstraße ging.
Kreativ zeigten sich die Veranstalter mit einer Tanz- und Trommelgruppe in Pink, die mit einer Sitzblockade die Route der Migrationsgegner des „Frauenbündnisses Kandel“ zu einem kleinen Umweg zwang (siehe Video).
Zum Abschluss hielt der Wörther Bürgermeister Dr. Dennis Nitsche (SPD) auf dem Marktplatz eine viel beachtete und beklatschte Rede (siehe Video).
Kandel-Lied und Polit-Prominenz
Das Kandeler Bürgerbündnis „WIR sind Kandel“ hielt seine Kundgebung am Saubrunnen ab.
Unter dem Motto „WIR sind Kandel – vielfältig, tolerant, offen“ sprachen der Landtagsabgeordnete und Fraktionssprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Landtag, Dr. Bernhard Braun, und Hellmuth Varnay, Sprecher der SPD-Fraktion im Kandeler Verbandsgemeinderat. Musik gab es vom Duo „Geraffel für 10“, bestehend aus Hans Hruschka und Hartmut Mikolayczak.
Zum Schluss wurde mit Inbrunst ein eigens kreiertes „Wir sind Kandel-Lied“ gesungen. Ungefähr 100 Personen nahmen teil (siehe Video).
„Wir sind Kandel“ hat zudem mit „Nie wieder“- Transparenten, die am Bahnhof und an Wohnhäusern hingen, nach eigenen Worten ein Statement für die Versammlungsteilnehmer des „Frauenbündnisses“ hinterlassen: „Nie wieder Faschismus. Nie wieder Krieg. Nie wieder Hass, Hetze und fremdenfeindliche Parolen. Nie wieder Aufmärsche, die an die Zeit um 1933 erinnern“, so WsK.
Der SPD-Landtagsabgeordnete und Vorsitzende der Landtagsfraktion, Alexander Schweitzer, war ebenfalls dabei. „Als Abgeordneter der Region ist es mir enorm wichtig, in Kandel ein Zeichen gegen Rechts zu setzen.“ Deswegen wolle er vor Ort sein und das Bündnis unterstützen.
Kritik an „Nazi“-Bezeichnung
In der Lauterburger Straße hatte derweil das „Frauenbündnis Kandel“ seine Bühne aufgebaut.
Redner waren dort unter anderem Initiator Marco Kurz selbst, Eric Graziani, („Wir für Deutschland“, WfD), ein aus Südtirol stammender Berliner, der Schweizer Ignatz Bearth, Mitglied der Partei „National Orientierter Schweizer“ (PNOS) oder diverse Frauen. Graziani beispielsweise regte sich auf, dass man in Kandel als „Nazis“ tituliert werde, während man doch lediglich auf Missstände in der Asylpolitik aufmerksam machen wolle (siehe Video).
Die Teilnehmer hatten einige Besen dabei – in Anlehnung an eine Aktion von „Wir sind Kandel“ bei einer früheren Kundgebung, mit der „brauner Schmutz“ nach einer Kundgebung gekehrt werden sollte. Das Frauenbündnis wolle nun mit den Besen vor einigen Kandeler Geschäften „Vernunft einkehren lassen“ sagte Kurz.
Die meisten Reden drehten sich mit teils harscher Rhetorik um kriminelle Asylbewerber. Dem „Frauenbündnis Kandel“ hatten sich nach Schätzungen etwa 350 Personen angeschlossen, das Bündnis selbst spricht von 500 Teilnehmern. Auch in der Lauterburger Straße gab es Musik und Songs.
„Mauern gegen rechts“
Das Bündnis „Aufstehen gegen Rassismus Südpfalz“ hatte eine kleine Kunstinstallation („Mauern gegen rechts“) vorbereitet, die – wie die Initiatoren betonten – keine Provokation sein sollte, sondern ein Statement. Die Mauer aus Pappkartons war mit Hinweisschildern versehen, von denen zum Beispiel „Menschenrechte“, Demokratie“ oder „Toleranz den Weg nach links wiesen, die Abbiegung nach rechts aber in einer Sackgasse endete.
Kandeler Einwohner ziehen sich zurück
Vielen Kandelern war der Umtrieb in ihren Straßen wohl unheimlich – einige schauten mit missliebigem Kopfschütteln von den Fenstern ihrer Häuser und Wohnungen zu, ließen sich aber bis auf wenige Ausnahmen (außer den Aktiven hauptsächlich am Saubrunnen und am Marktplatz) auf keiner der Versammlungen blicken.
Man wolle „damit“ nichts zu tun haben, sagte eine Anwohnerin dem Pfalz-Express, „weder mit den einen noch mit den anderen.“ Sie wisse, dass „es fast allen hier in ´Kannl´ so geht.“ (cli).
Anmerkung der Redaktion: Eine komplett vollumfängliche Berichterstattung war wegen eines Personalengpasses nicht möglich. Die Videos geben einen Ausschnitt der Reden und Ereignisse wider.
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Anordnung der Videos chronologisch (soweit durch Schnitt möglich).
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