
Quelle: terletskyigor auf magnific.com
Plakate, Social-Media-Kampagnen und die Schaufenster der Fußgängerzonen werben mit dem Versprechen von Inklusion, Vielfalt und Mode für jeden Körper.
Doch hinter der optisch ansprechenden Fassade zeigt sich im Alltag oft ein anderes Bild: Viele Konsumentinnen und Konsumenten stoßen auf der Suche nach passender, modischer und qualitativ hochwertiger Kleidung rasch an sichtbare Grenzen. Ein genauer Blick auf Größenabdeckungen, Produktpalette und tatsächliche Verfügbarkeit gibt Aufschluss darüber, wie divers das Angebot im deutschen Einzel- und Onlinehandel tatsächlich ausfällt.
Die Realität der Konfektionsgrößen im Handel
In der Wahrnehmung vieler Konsumentinnen und Konsumenten gilt die Konfektionsgröße 38 oder 40 als der klassische Durchschnittsstandard. Die Realität der deutschen Bevölkerung zeichnet jedoch ein anderes Bild. Statistisch gesehen liegt die Durchschnittsgröße deutscher Frauen [1] längst im Bereich der Konfektionsgröße 42 bis 44. Zudem bringt jeder Körper individuelle Proportionen mit sich, sei es bezüglich der Körpergröße, der Hüftweite oder der Brustweite.
Trotz dieser bekannten Tatsachen orientiert sich der Großteil des stationären Modehandels weiterhin an einem recht engen Größenspektrum. In herkömmlichen Filialen großer Modeketten endet das Angebot häufig bei der Größe 46. Kleidung ab Größe 48 wird oft gar nicht geführt oder ist in sehr überschaubaren Stückzahlen vorhanden.
Noch deutlicher wird dieses Missverhältnis, wenn spezialisierte Passformen betrachtet werden. Weder für besonders kleine Frauen (Petite-Größen) noch für überdurchschnittlich große Frauen (Tall-Größen) bieten die meisten Standardgeschäfte eine verlässliche Auswahl vor Ort.
Strukturunterschiede zwischen Standard- und Plus-Size-Segmenten

Quelle: syda_productions auf magnific.com
Die Diskrepanz zwischen dem tatsächlichen Bedarf und dem Angebot im Handel macht deutlich, dass Vielfalt nicht nur bedeutet, mehr Größen zu produzieren. Es geht im Wesentlichen darum, Kleidung zu gestalten, die an unterschiedliche Körpertypen angepasst ist.
Während Mode der Standardgrößen meist durch einfache Gradierung (das proportionale Vergrößern der Schnitte) skaliert wird, erfordert Kleidung im Bereich Plus Size eigenständige Schnittkonzepte, um optimale Passform und Tragekomfort zu gewährleisten.
Um die Faktoren zu verstehen, die die reale Vielfalt im Bekleidungssektor beeinflussen, lohnt sich eine differenzierte Betrachtung der wesentlichen Kriterien:
• Abdeckung des Größenspektrums: Viele Modemarken decken lediglich die Größen 36 bis 46 flächendeckend ab. Ein echtes inklusives Angebot reicht jedoch von Petite- und XS-Größen bis weit über die Größe 50 hinaus.
• Proportionen und Schnittführung: Die schlichte Skalierung von Schnittmustern führt ab bestimmten Größen oft zu unzureichenden Passformen. Vielfalt zeigt sich dort, wo Schnitte speziell für kurvige oder sehr lange Silhouetten entwickelt werden.
• Verfügbarkeit im stationären Handel: Während der Online-Handel eine breite Palette an Spezialgrößen anbietet, bleibt das Angebot in den Innenstädten stark limitiert. Das erschwert das spontane Einkaufserlebnis für viele Menschen erheblich.
• Stilistische Bandbreite: In höheren Größensegmenten ist das Sortiment häufig defensiver gestaltet. Der Fokus liegt oft auf kaschierenden Schnitten und gedeckten Farben, während aktuelle Trends oder mutige Designs seltener vertreten sind.
Marktanalyse zur Vielfalt in der Damenmode
Wie tief diese Spaltung im Markt verankert ist, belegt eine aktuelle Marktanalyse zur Vielfalt in der Damenmode [2]. Die Studie von Ulla Popken untersuchte insgesamt 36 relevante Anbieter aus verschiedenen Segmenten, darunter klassische Modemarken, große Online-Marktplätze und Plus-Size-Spezialisten. Die Ergebnisse zeichnen ein eindeutiges Bild der Angebotsstruktur: Bei traditionellen Modeherstellern reicht das Angebot im Durchschnitt lediglich bis Größe 48, sodass größere Konfektionsgrößen im regulären Kollektionsrahmen kaum berücksichtigt oder nach wenigen Zwischengrößen vollständig eingestellt werden.

Quelle: Marktanalyse von Ulla Popken
Große Online-Marktplätze bieten zwar eine breitere Palette an und decken im Schnitt Größen bis etwa 58 ab, jedoch ist dieses umfangreichere Angebot stark von Dritthändlern abhängig und im stationären Handel vor Ort kaum präsent. Erst reine Plus-Size-Spezialisten schließen die verbleibende Lücke im Markt konsequent und führen Größen bis 60 und darüber hinaus. Diese Daten verdeutlichen, wie stark das Angebot nach wie vor segmentiert ist und dass Kunden und Kundinnen abseits der Standardmaße beim klassischen Modeeinkauf auf deutliche Barrieren stoßen.
Online-Handel als Treiber der Angebotserweiterung
Dass sich das Angebot in den letzten Jahren dennoch spürbar erweitert hat, ist primär dem digitalen Handel zu verdanken. Das Internet hat sich zum Anlaufpunkt für Menschen entwickelt, die außerhalb der standardisierten Normgrößen einkaufen. Online-Anbieter stehen nicht vor der Herausforderung begrenzter Verkaufsflächen und können somit eine wesentlich größere Produktvielfalt rentabel anbieten.
Durch spezialisierte Nischenanbieter und reine E-Commerce-Plattformen ist der Zugang zu trendbewusster Mode in großen Größen sowie Spezialpassformen deutlich einfacher geworden. Kundinnen und Kunden profitieren von Filtermöglichkeiten nach Passform, Material und genauen Maßen, was die gezielte Suche erleichtert.
Dennoch bringt die Verlagerung in den digitalen Raum auch Nachteile mit sich: Das unmittelbare Haptik-Erlebnis, das Anprobieren vor Ort sowie die direkte Fachberatung entfallen. Das Risiko von Fehlkäufen und die damit verbundene hohe Retourenquote [3] stellen sowohl ökologisch als auch ökonomisch eine Herausforderung dar.
Gesellschaftlicher Wandel und das Umdenken der Branche
Der Wunsch nach mehr Vielfalt im Modebereich ist keineswegs nur eine Frage der Logistik oder des Sortiments, sondern eng mit gesellschaftlichen Entwicklungen verknüpft. Bewegungen wie die der „Body Positivity“ [4] und „Body Neutrality“ haben in den vergangenen Jahren das Bewusstsein dafür geschärft, dass Schönheit und Stilunabhängigkeit nicht an eine bestimmte Konfektionsgröße gebunden sind.
Die Modebranche reagiert schrittweise auf diesen Wandel. Immer mehr Marken werben mit diverseren Models und verzichten auf stärkere digitale Nachbearbeitungen. Dennoch bleibt die Herausforderung bestehen, diese Werte nachhaltig in den Kollektionen und im stationären Point of Sale zu verankern, anstatt sie lediglich als kurzfristiges Marketinginstrument zu nutzen.
Die Zukunft des Modemarktes
Zwar hat der Online-Sektor wesentliche Lücken in der Versorgung mit Spezialgrößen und vielfältigen Passformen geschlossen, im alltäglichen Straßenbild des stationären Einzelhandels ist diese Vielfalt jedoch noch nicht vollständig angekommen.
Ein zukunftsfähiger Modemarkt wird sich daran messen lassen müssen, wie nahtlos Barrierefreiheit und Inklusion in das reguläre Einkaufsangebot integriert werden. Technologische Fortschritte, wie etwa KI-gestützte Größenselektoren oder der Ausbau von On-Demand-Produktionen, könnten in Zukunft dazu beitragen, Überproduktionen zu vermeiden und gleichzeitig passgenaue Kleidung für alle Körpertypen zugänglich zu machen.
Die Entwicklung deutet darauf hin, dass Diversität im Modemarkt schrittweise von einer Nischenthematik zu einem wichtigen Qualitäts- und Erfolgsfaktor avanciert.
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