
Symbolbild: Pfalz-Express
Pfalz – Der Tod macht vor keiner Kultur halt, doch der Umgang mit ihm unterscheidet sich stark. Darauf haben Hospizmitarbeiter aus der Region beim Welthospiz-Tag aufmerksam gemacht.
Unter dem Motto „Hospiz – Heimat für alle“ hatte der Deutsche Hospiz- und Palliativverband dazu aufgerufen, Tod und Sterben stärker in die Öffentlichkeit zu rücken. Die ökumenische Hospizhilfe Pfalz/Saarpfalz lud aus diesem Anlass zu einem Pressegespräch ein.
Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich kulturelle Prägungen und religiöse Traditionen auf die Begleitung Sterbender auswirken. Antje Neubauer, Hospiz-Pflegefachkraft vom Ambulanten Hospizzentrum Südpfalz (AHZ), erlebt diese Unterschiede täglich.
„Jeder Tag und jede Begegnung ist anders, weil jeder Mensch anders ist. Ich weiß nie, was mich hinter der Wohnungstür der Menschen erwartet“, sagt sie. Neubauer begleitet in Landau Erwachsene und ihre Angehörigen beim Sterbeprozess. „Ich mache mir morgens auf dem Weg zur Arbeit einen Plan, und dann kommt es doch anders.“
„Man nimmt das Wort Tod nicht in den Mund“
Auch ihr Kollege Andreas Lange, Hospiz-Pflegefachkraft des Ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienstes (AHPB) Westrich, erlebt, dass Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern sehr verschieden mit Sterben und Abschied umgehen. „Die Hospizarbeit ist ja an sich schon vielfältig. Aber seit einigen Jahren werden wir – und das freut uns sehr – auch von Menschen aus anderen Kulturkreisen angefragt“, erzählt er.
Ein Beispiel ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben: „Wir hatten vor kurzem eine Begleitung einer Frau aus dem Libanon, die sehr gläubig und katholisch war. Sie hatte eine weit fortgeschrittene Krebserkrankung, zwei kleine Kinder und einen Mann, der im Ausland auf Montage war.“ In der Kultur dieser Familie, so Lange, spreche man nicht über den Tod. „Man nimmt das Wort Tod auch nicht in den Mund. Der Gedanke ist: Wenn ich den Tod benenne, kommt er noch schneller.“
Diesen Wunsch habe man respektiert. „Dann begleitet man natürlich anders, umschifft den Begriff, fragt besser danach, wie die Familie sich die Zukunft der Kinder vorstellt.“ Als der Sterbeprozess begann, kamen die Mutter und der Mann der Patientin. „Die Familie wünschte sich, dass wir alle gemeinsam das ,Vaterunser‘ beten. Zuerst beteten wir auf Deutsch, dann wechselte die Familie ins Arabische. Ein Gebet, zwei Sprachen – und wir fühlten uns alle verbunden im Glauben. Das hat mich wirklich sehr berührt.“
„Unterschiede führen manchmal zu Irritationen“
Auch Antje Neubauer hat erfahren, dass in manchen Kulturen das Sterben kein Thema ist. „Wir begleiteten eine Tamilin mit zwei jugendlichen Kindern. Da waren beide Eltern schwer krank, der Vater lag auf der Intensivstation. Auch da durften wir den Tod nicht benennen“, erinnert sie sich. Der Gedanke bleibe dort bis zuletzt, dass man wieder gesund werde. „Die Frau verweigerte das Essen. Wir wissen, dass Sterbende keinen Hunger mehr haben und akzeptieren, dass dann der Sterbeprozess beginnt. Die Familie wollte aber unbedingt, dass sie essen sollte, sie sollte doch wieder gesund werden.“
Kathrin Seibert vom AHZ in Landau begleitet im Kinder- und Jugendhospizdienst „Windspiel“ Familien mit schwer erkrankten Kindern. „Wir begegnen hier sehr vielen Menschen mit Migrationsgeschichte“, sagt sie. Oft würden Kinderärzte oder Kliniken den Kontakt herstellen, wenn muslimische Familien sprachliche oder organisatorische Unterstützung brauchen. „Da geht es dann nicht nur um psychosoziale Begleitung, sondern auch um Hilfe im Umgang mit Krankenkassen oder dem Jobcenter.“
Viele Familien begleite sie über lange Zeiträume, denn Kinderhospizarbeit bedeute häufig, dass sich Krankheiten über Jahre hinziehen. „Wir erleben aber auch, dass muslimische Familien schwere Diagnosen eher akzeptieren. Für sie ist klar, dass das Allah so entschieden hat. Das Schicksal gilt als gegeben. Und die Kinder, auch wenn sie schwer behindert sind, werden selbstverständlich überallhin mitgenommen – sie gehören einfach dazu“, erzählt Seibert.
„Wir bräuchten mehr Ehrenamtliche mit Migrationshintergrund“
Dorothée Weis, Koordinatorin des AHPB Westrich, beschreibt, wie wichtig die Auswahl der passenden Begleitenden ist. „Wir haben unsere ehrenamtlichen Hospizbegleiter, die viele Patienten begleiten. Die Hauptamtlichen übernehmen die, die komplexer sind oder für die wir keine passenden Ehrenamtlichen haben.“ Jedes Jahr durchliefen 15 bis 20 Interessierte die Qualifikationskurse. „Am Ende entscheiden sich zwei oder drei, dass sie dann doch keine Begleitungen machen möchten. Was total in Ordnung ist.“
Ein Wunsch verbindet alle Teams: „Es wäre gut, wenn wir noch mehr Ehrenamtliche unterschiedlicher Herkunft und Sprachkenntnisse hätten“, sagt Weis. „Dann könnten wir noch besser begleiten und besser verstehen, wie unterschiedlich die Bedürfnisse und Prägungen sind.“
Dass Sprache eine entscheidende Rolle spielen kann, weiß auch Kathrin Seibert. Sie erzählt von einer Frau italienischer Herkunft, die sich erst öffnete, als sie auf Italienisch angesprochen wurde. „Sie blühte regelrecht auf, weil sie ihre Emotionen auf Deutsch nicht ausdrücken konnte. Sprache ist eben auch Heimat.“
Der Begriff Heimat taucht auch in Neubauers Arbeit häufig auf, besonders bei älteren Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg fliehen mussten. „Sie haben den größten Teil ihres Lebens in Deutschland verbracht, aber beim Sterben kommen Verlust und Trauma wieder hoch. Sie sagen dann, ihre Heimat sei Schlesien gewesen – dort wären sie auch gerne gestorben.“
„Gesetzliche Vorgaben machen es manchmal schwer“
Das ökumenische Dach der insgesamt 14 Ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienste bildet die Ökumenische Hospizhilfe Pfalz/Saarpfalz (ÖHH). Politisch und inhaltlich verantwortet wird sie von Daniela Ball-Schotthöfer, Fachreferentin Hospiz und Geschäftsführerin der ÖHH beim Caritasverband für die Diözese Speyer, sowie von Heike Baier, Fachreferentin Hospiz des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche der Pfalz.
Ball-Schotthöfer sieht Handlungsbedarf bei der Trauerarbeit: „Die Hospizarbeit wird von den Krankenkassen finanziert, aber das Geld ist nur dafür bestimmt. Wollen wir Angebote der Trauerbegleitung machen, müssen wir das über Spenden oder Fördervereine finanzieren.“
Baier ergänzt: „Wir sehen auch noch dringenden Fortbildungsbedarf zum hospizlichen Gedanken und zur Sterbebegleitung in Krankenhäusern, Altenheimen und Einrichtungen der Behindertenhilfe. Mitarbeitende sind oft guten Willens, aber es gibt keine Standards oder Strukturen.“
Auch in der häuslichen Pflege schwerst-mehrfach behinderter Kinder stoßen die Teams an Grenzen. „Da gibt es gesetzliche Vorgaben, die es eigentlich verunmöglichen, ein Kind und seine Familie gut zu versorgen und zu begleiten“, sagt Antje Neubauer.
Alle sechs Hospizmitarbeiterinnen sind sich einig: Der Umgang mit Tod und Sterben rückt zwar stärker in den Fokus der Gesellschaft, doch es gibt noch viele Lücken – und für deren Schließung müsse man auch politisch kämpfen.
Die ÖHH in Zahlen:
14 Ambulante Hospiz- und Palliativberatungsdienste in der Diözese / Landeskirche
582 Mitarbeitende: 523 Ehrenamtliche, 59 Hauptamtliche
74 Ehrenamtliche mit zusätzlicher Qualifikation als Trauerbegleiterinnen
1768 Begleitungen, 41 Prozent davon durch Ehrenamtliche
33 Hospizbegleitergruppen (442 Frauen, 63 Männer, 17 ehrenamtliche Gruppenleitungen)
147.650 gefahrene Kilometer durch Ehrenamtliche
Caritas bittet um Spenden
Vom 26. November bis 5. Dezember bittet der Caritasverband für die Diözese Speyer um Spenden für die ambulante Hospizarbeit. Die Hospiz- und Palliativberatungsdienste begleiten sterbende Menschen und ihre Angehörigen auf ihrem letzten Lebensweg.
Spendenkonto
Caritasverband f.d. Diözese Speyer e.V.
IBAN: DE38 7509 0300 7000 0508 06
BIC: GENODEF1M05 (Liga-Bank Regensburg)
Kennwort: Caritas-Sammlung Herbst 2025
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