
Neulauterburg/ Lauterbourg: Grenze zum Elsass
Foto: Pfalz-Express
Samstagvormittag auf dem Parkplatz eines Supermarkts am Ortsrand von Kandel. Zwischen den Kennzeichen aus GER und SÜW stehen auffällig viele Autos mit der 67 auf dem Nummernschild, dazu ein paar aus dem Département Moselle.
Ein Ehepaar aus dem Elsass hievt zwei Kisten Mineralwasser in den Kofferraum, daneben stapeln sich Kaffeepackungen, Schokolade, Waschmittel und eine Großpackung Gummibärchen. Die Szene wiederholt sich jedes Wochenende, in Kandel genauso wie in Bad Bergzabern, Schweigen-Rechtenbach oder auf den Parkplätzen rund um Wissembourg auf der anderen Seite. Wer hier lebt, kennt das Bild so gut, dass es kaum noch auffällt. Dabei erzählt es eine Menge darüber, wie durchlässig diese Grenze im Alltag geworden ist.
Denn der Einkauf über die Grenze ist in der Südpfalz keine Ausnahme, sondern Routine. Französische Nachbarn aus dem Elsass und aus Lothringen fahren regelmäßig in die Pfalz, weil viele Produkte des täglichen Bedarfs in Deutschland spürbar günstiger sind.
Kaffee ist das klassische Beispiel, dazu kommen Süßwaren, Softdrinks, Drogerieartikel, Tiernahrung und vieles mehr, was in den Einkaufswagen eines normalen Haushalts landet. Je nach Produkt liegen die Unterschiede bei zwanzig, dreißig, manchmal vierzig Prozent. Bei einer Familie, die einmal im Monat einen Großeinkauf macht, kommen so schnell fünfzig oder achtzig Euro Ersparnis zusammen, und das rechnet sich auch dann noch, wenn man den Sprit für die zwanzig Minuten Fahrt einrechnet.
Die Gründe für die Preisunterschiede sind vielfältig und liegen nicht an einem einzelnen Faktor. Unterschiedliche Steuersätze spielen eine Rolle, ebenso unterschiedliche Handelsstrukturen.
Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel gilt als einer der preisaggressivsten in Europa, der Wettbewerb zwischen den großen Ketten drückt die Preise seit Jahrzehnten. In Frankreich sind die Margen im Handel traditionell etwas höher, dafür ist das Angebot in anderen Bereichen breiter. Für die Menschen entlang der Grenze ist die Ursachenforschung allerdings zweitrangig. Sie rechnen einfach nach und fahren dorthin, wo der Wagen am Ende weniger kostet.
Wie eingespielt diese Routinen sind, zeigt ein Blick auf die Details. Viele französische Kunden kommen mit Listen, die über Jahre gewachsen sind, und steuern zielsicher die Regale an, die sich lohnen.
Der Kaffee für die Schwiegermutter, das Waschmittel in der Vorratsgröße, die Tafel Schokolade in Varianten, die es in Frankreich nicht gibt. Manche Familien haben feste Rituale daraus gemacht: erst der Supermarkt, dann der Drogeriemarkt, zum Abschluss ein Stück Kuchen im Café.

Wanderung im Pfälzerwald
Foto: Pfalz-Express
Andere kombinieren den Einkauf mit dem Wochenendausflug in den Pfälzerwald oder an die Weinstraße. Der Handel in Bad Bergzabern und Kandel schätzt, dass an starken Samstagen ein erheblicher Teil des Umsatzes auf Kundschaft von der anderen Rheinseite entfällt, und in den Wochen vor Weihnachten, wenn Lebkuchen, Dominosteine und Adventskalender in den Regalen stehen, steigt der Anteil noch einmal deutlich. Deutsche Weihnachtssüßigkeiten haben im Elsass treue Fans.
Interessant ist, dass der Verkehr keineswegs nur in eine Richtung fließt. Während die Elsässer samstags in Kandel Kaffee und Schokolade kaufen, stehen Pfälzer in Wissembourg beim Bäcker für Baguette und Croissants an, decken sich auf dem Markt mit Käse ein oder kaufen im Supermarkt französische Spezialitäten, die es diesseits der Grenze nicht oder nur teuer gibt. Meeresfrüchte, bestimmte Weine, Pasteten, die große Auswahl an Joghurt und Desserts in französischen Kühlregalen.
Manche fahren auch einfach wegen der Atmosphäre. Ein Samstagvormittag in Wissembourg mit Markt, Café und einem Abstecher in die Altstadt ist für viele Südpfälzer ein kleiner Ausflug, der nebenbei den Wochenendeinkauf erledigt.
Fachleute sprechen bei diesem Phänomen von Einkaufstourismus [1], und er existiert an fast jeder europäischen Binnengrenze, mal in die eine, mal in die andere Richtung. Dänen fahren nach Flensburg, Deutsche fahren nach Polen oder Tschechien, Schweizer kommen in Scharen nach Konstanz und Lörrach.
Die deutsch-französische Grenze in der Südpfalz ist dabei ein besonders eingespieltes Beispiel, weil sie seit Jahrzehnten offen ist und weil die Entfernungen so kurz sind. Von Wissembourg bis Bad Bergzabern sind es zehn Minuten, von Lauterbourg nach Kandel kaum mehr. Man fährt nicht ins Ausland, man fährt ins Nachbardorf.
Für den Handel in der Region ist diese Kundschaft längst fester Bestandteil der Kalkulation. Supermärkte in Grenznähe wissen, dass der Samstag ihr französischer Tag ist, und richten sich darauf ein, mit vollen Regalen bei den Klassikern, mit Personal, das ein paar Brocken Französisch spricht, mit Aktionen, die gezielt auf die Nachbarn zielen.
In manchen Märkten hört man an der Kasse mehr Französisch als Pfälzisch. Auch Getränkemärkte profitieren, denn Wasserkisten und Softdrinks gehören zu den beliebtesten Grenzeinkäufen überhaupt. Sie sind schwer, sie werden ständig gebraucht, und der Preisunterschied summiert sich über das Jahr zu einem Betrag, für den man gern ein paar Kilometer fährt.
Umgekehrt gilt das genauso. Die Geschäfte in Wissembourg und Lauterbourg leben zu einem erheblichen Teil von deutschen Kunden, und die Bürgermeister beider Seiten betonen seit Jahren, wie sehr die Städtchen an der Grenze voneinander profitieren.
Als während der Pandemie die Grenze zeitweise dicht war, merkten das die Händler auf beiden Seiten sofort und schmerzhaft. Seitdem ist vielen in der Region noch bewusster, dass die offene Grenze kein abstraktes politisches Gut ist, sondern etwas, das jeden Samstag konkret stattfindet, mit Einkaufswagen, Kofferräumen und einem freundlichen Merci an der Kasse.
Wer verstehen will, wie stabil dieses System ist, muss nur einmal versuchen, es zu stören. Baustellen auf der B9 oder der Départementstraße hinter Lauterbourg sorgen regelmäßig für Diskussionen in beiden Sprachen, und wenn ein Markt in Grenznähe umbaut oder schließt, wandern die Kundenströme innerhalb weniger Wochen zum nächsten Standort.
Die Nachbarn kennen die Alternativen genau. Zugleich hat sich das Einkaufen über die Jahre verfeinert. Es geht längst nicht mehr nur um den niedrigsten Preis, sondern auch um Auswahl und Gewohnheit.
Wer einmal eine bestimmte deutsche Limonadenmarke oder eine bestimmte Sorte Lakritz für sich entdeckt hat, bleibt dabei, und umgekehrt schwören Pfälzer Haushalte auf französische Butter oder eine bestimmte Senfmarke aus Dijon. Der Grenzeinkauf ist zur Geschmacksfrage geworden.
In den letzten Jahren ist zu diesem eingespielten Hin und Her allerdings eine dritte Möglichkeit gekommen, die sich um die Grenze überhaupt nicht mehr kümmert: der Onlinehandel mit Lebensmitteln und Alltagsprodukten.
Was lange als unpraktisch galt, funktioniert inzwischen erstaunlich gut. Spezialisierte Onlinesupermärkte wie Capalus [2] liefern Getränke, Snacks und Süßigkeiten direkt an die Haustür, kistenweise und ohne dass jemand schleppen muss. Für die einen ist das eine Ergänzung zum Samstagseinkauf, für andere ein Ersatz für genau die Produkte, für die man früher extra gefahren ist. Die Logik ist dieselbe wie beim Grenzeinkauf, nur konsequenter gedacht. Wenn der Preis und das Sortiment entscheiden, warum sollte dann ausgerechnet der Wohnort bestimmen, wo man kauft?
Gerade bei den schweren und sperrigen Warengruppen verschiebt sich dadurch etwas. Wer früher wegen der Getränkekisten über die Grenze fuhr, bestellt sie heute vielleicht online und nutzt die Fahrt nach Wissembourg nur noch für das, was wirklich Spaß macht: den Markt, den Bäcker, das Mittagessen im Bistro.

Französische Grenzstadt zur Pfalz: Wissembourg im Elsass.
Foto: Pfalz-Express
Der Pflichtteil des Einkaufs wandert ins Netz, der Vergnügungsteil bleibt analog. Das ist keine schlechte Entwicklung für die Grenzregion, denn sie macht aus dem Einkaufsausflug wieder mehr einen Ausflug und weniger eine Transportaufgabe.
Auch für die Franzosen auf dem Kandeler Parkplatz ändert sich das Bild langsam. Deutsche Onlineshops liefern in viele Nachbarländer oder werden es in den kommenden Jahren tun, und der EU-Binnenmarkt macht genau das möglich, was er verspricht: Waren bewegen sich frei, egal ob im Kofferraum oder im Paket.
Für Haushalte in Straßburg oder Haguenau könnte der deutsche Preisvorteil damit künftig ohne Autofahrt zu haben sein. Noch ist der klassische Samstagseinkauf die Regel, auch weil er soziale Funktion hat. Man trifft Bekannte, man macht einen Ausflug daraus, man isst hinterher eine Kleinigkeit. Ein Paket an der Haustür ersetzt das nicht, es ergänzt es.
Was man an der Grenze zwischen Pfalz und Elsass beobachten kann, ist deshalb so etwas wie Europa im Kleinformat. Preisunterschiede innerhalb des Binnenmarkts sind normal, und die Menschen gehen pragmatisch damit um.
Sie kaufen Kaffee dort, wo er günstig ist, und Käse dort, wo er gut ist. Sie lernen die Öffnungszeiten der Nachbarn, die Feiertage, an denen drüben alles zu hat, und die Wochen, in denen der Andrang besonders groß ist. An Allerheiligen, wenn in Frankreich frei ist und in der Pfalz die Läden offen sind, wissen die Kandeler, was auf sie zukommt. Umgekehrt fahren Pfälzer gern am Feiertag hinüber, wenn zu Hause alles geschlossen ist.
Bleiben wird von alledem vor allem eines: die Selbstverständlichkeit. Für die Generation, die an dieser Grenze aufgewachsen ist, war Einkaufen im Nachbarland nie etwas Besonderes, und die Kinder, die heute samstags auf dem Parkplatz in Kandel im Einkaufswagen sitzen, werden es noch weniger sein.
Ob der Wocheneinkauf künftig im Kofferraum über die Grenze rollt, im Lieferwagen kommt oder als Paket vor der Tür steht, ist am Ende eine Frage der Bequemlichkeit. Die Richtung ist klar erkennbar, es wird gemischter, digitaler und noch selbstverständlicher grenzenlos. Der Samstagvormittag in Kandel wird trotzdem voll bleiben. Manche Gewohnheiten sind stärker als jeder Lieferdienst, und ein Schwätzchen auf dem Parkplatz gab es online noch nie.

Zieht auch Besucher aus dem Elsass an: Christkindelmarkt in Kandel.
Foto: Pfalz-Express
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