- Pfalz-Express - https://www.pfalz-express.de -

Karlsruhe: „Hater-Community“ soll 44-Jährigen jahrelang terrorisiert haben – bundesweite Razzien

Foto: Pixabay.com

Karlsruhe – Eine mutmaßliche „Hater-Community“ soll einen 44-jährigen Karlsruher über Jahre hinweg systematisch verfolgt und terrorisiert haben.

Die Aktionen gingen nach Erkenntnissen von Staatsanwaltschaft und Polizei weit über Beschimpfungen im Internet hinaus: Die Beschuldigten sollen sich als ihr Opfer ausgegeben, in seinem Namen beleidigende und bedrohliche Nachrichten verschickt, dadurch Ermittlungen gegen ihn provoziert und schließlich sogar sein Wohnanwesen und Gräber seiner Angehörigen attackiert haben.

Die Kriminalpolizei Karlsruhe ermittelt seit Januar 2024 gegen insgesamt 15 deutsche Staatsangehörige im Alter zwischen 22 und 49 Jahren. Teile der lose organisierten und überwiegend im Internet kommunizierenden Gruppierung sollen unter der Bezeichnung „Freikreuzzug“, kurz „FKZ“, aufgetreten sein.

Straftaten begangen und dem Opfer angelastet

Besonders perfide war nach dem bisherigen Ermittlungsstand die Methode, mit der der 44-Jährige unter Druck gesetzt wurde. Mitglieder der Gruppe sollen in seinem Namen zahlreiche E-Mails mit beleidigenden oder bedrohlichen Inhalten an Politiker, Gedenkstätten, Angehörige der Rechtspflege, Einzelhandelsunternehmen und Bildungseinrichtungen verschickt haben.

Die Folgen bekam der Karlsruher selbst zu spüren: Wegen der Nachrichten wurden Strafanzeigen erstattet und Ermittlungsmaßnahmen gegen ihn eingeleitet. Die mutmaßlichen Täter sollen damit gezielt den Eindruck erweckt haben, ihr Opfer stecke selbst hinter den Straftaten.

Vom Internet bis zum Familiengrab

Die Kampagne soll sich jedoch nicht auf die digitale Welt beschränkt haben. Mitglieder des Netzwerks stehen außerdem im Verdacht, das Wohnanwesen des Mannes beschädigt zu haben. Selbst vor den Gräbern seiner Familienangehörigen sollen sie nicht Halt gemacht haben. Auch dort soll es zu Beschädigungen gekommen sein.

Nach Erkenntnissen der Ermittler tauschten die Beteiligten über verschiedene Kommunikations- und Social-Media-Plattformen Informationen über den 44-Jährigen und dessen Umfeld aus. Dort sollen Aktionen abgesprochen, vorbereitet und anschließend ausgeführt worden sein.

„Maskengames“

Innerhalb der einschlägigen Hater-Szene werden Zielpersonen solcher Aktionen als „Masken“ bezeichnet. Entsprechend werden koordinierte Aktionen gegen sie „Maskengames“ genannt. Auch innerhalb der jetzt untersuchten Gruppierung sollen Aktionen teilweise unter diesem Begriff gelaufen sein.

„Künstler, Satiriker und Entertainer“

Der 44-Jährige tritt selbst öffentlich in sozialen Medien auf und veröffentlicht unter anderem Videos und Livestreams. Er bezeichnet sich als „Selfmade, Künstler, Satiriker und Entertainer“ und als Gründer und Anführer einer von ihm als libertär beschriebenen Bewegung. Seine Beiträge reichen von skurriler Selbstdarstellung und Comedy bis zu politischen und gesellschaftlichen Themen.

Nach Einschätzung der Ermittler dürfte der Mann aufgrund seines Auftretens und seiner teilweise stark polarisierenden Inhalte zur Zielscheibe der Gruppe geworden sein.

Die mutmaßliche Hetzkampagne soll bereits im März 2023 begonnen und bis September 2026 angedauert haben.

Razzien in sieben Bundesländern

Wegen des Verdachts der Nötigung, Bedrohung, Störung der Totenruhe, Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener, des Vortäuschens von Straftaten, Diebstahls, der Sachbeschädigung, üblen Nachrede und Beleidigung erließ das Amtsgericht Karlsruhe auf Antrag der Staatsanwaltschaft mehrere Durchsuchungsbeschlüsse.

Am Mittwoch, 30. September, schlugen die Ermittler zu. Unterstützt von örtlichen Polizeikräften durchsuchte die Karlsruher Kriminalpolizei 15 Wohnungen in sieben Bundesländern.

Dabei stellten die Beamten umfangreiche Datenträger sicher. Bei einer der Durchsuchungen entdeckten sie zudem eine größere Indoor-Plantage mit rund 40 Cannabis-Pflanzen.

Die Datenträger müssen nun ausgewertet werden. Die weiteren Ermittlungen führt das Dezernat Staatsschutz der Kriminalpolizeidirektion Karlsruhe.

Gefällt Ihnen unsere Zeitung?

Fügen Sie den Pfalz-Express als bevorzugte Quelle bei Google hinzu. So verpassen Sie keine wichtigen Nachrichten aus der Region.

⭐ Bei Google als bevorzugte Quelle hinzufügen [6]