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Bischof Karl-Heinz Wiesemann beim Gottesdienst am Ostersonntag: „Die Logik von Gewalt und Tod durchbrechen“

Bischof Karl-Heinz Wiesemann
Quelle: Bistum Speyer

Speyer. Im Gottesdienst am Ostersonntag hat der Speyerer Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann die Gläubigen dazu aufgerufen, sich gegen die „Tyrannei des Todes und die Spiralen seiner Gewalt“ zu stellen.

Viele Menschen seien derzeit von Angst beherrscht, das werde in vielen Begegnungen spürbar. Bei älteren Menschen weckten die Ereignisse in der Ukraine Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg. Angst sei eine „zutiefst verschreckende“ Erfahrung eigener Ohnmacht und restlosen Ausgeliefertseins.

Auch den Jüngern Jesu sei diese Angst nicht fremd gewesen. Die Auferstehung Jesu deutete Wiesemann als eine „langsame Durchlichtung der Angst“. (…)

Zum Krieg in der Ukraine sagte der Bischof: „Ich weiß nicht, wohin uns der schreckliche, menschenverachtende Krieg in Europa noch bringen und vor welche schwierigen, abgründigen Entscheidungen er uns noch stellen wird.“

Wiesemann sprach sich dagegen aus, tatenlos zuzusehen, „wenn ein Volk brutal überfallen, wehrlose Zivilisten gezielt hingerichtet, Familien ermordet, Krankenhäuser zerstört werden und wenn bewusst alle Humanität mit Füßen getreten wird.“

Vor diesem Hintergrund könne Auferstehung wie eine Utopie erscheinen. Doch sie sei letztlich „der einzige Anker, um die fatalen Spiralen unserer Welt zu durchbrechen.“ Erst Ostern biete einen Horizont der Hoffnung für die Sehnsucht der Menschen: „Nie wieder Krieg.“

Rede Bischof Wiesemann im Wortlaut

Ostern 2022
„Fürchtet euch nicht!“ (Mt 28,3)

Liebe Schwestern und Brüder!

Die Angst ist wieder da. Wenn ich mit Menschen, auch jüngeren, vor allem aber älteren, in diesen Tagen spreche, dann ist sie wieder gegenwärtig: die Angst, an die ich mich selbst nur aus meinen Kindertagen im noch spürbaren sogenannten Kalten Krieg erinnern kann.

Die Angst, die die Generation meiner Eltern und älteren Verwandten aber hautnah, existenziell erfahren und durchlitten haben – in Bombennächten und an der Front. Ich selbst trage als ersten Vornamen den Namen des im II. Weltkrieg in Russland gefallenen Bruders Karl meines Vaters Heinrich. Mit einmal sind die längst vergessenen Bilder und Erinnerungen wieder lebendig.

„Ich hätte nicht geglaubt, dass ich das noch einmal wieder miterleben muss! Für uns war der Frieden doch zu einer Selbstverständlichkeit geworden, unsere Aussöhnung mit den uns umgebenden Völkern Europas, die daraus entstandene Friedensordnung!“ „Nie wieder Krieg“ – das war die Losung einer ganzen Generation, die die Schrecken solch sinnloser Gewalt und Vernichtung durchlitten hatten und wollten, dass die Menschheit endlich daraus lerne.

Mein Vater sprach so gut wie nie über den Krieg – aber er wollte nirgendwo mehr mitmarschieren – auch nicht bei so harmlosen Anlässen wie örtlichen Schützenfesten. Der Krieg mitten in Europa, die Brutalität des Vorgehens, der Wahnsinn der Aggressoren, die über Leichen gehende Unterdrückung jedweder Kritik und jedweden Widerstands unter Gleichschaltung aller Organe – all das erinnert gerade uns Deutsche an den Alptraum unserer Geschichte, an etwas, das wir endgültig überwunden glaubten.

Das Unheimliche der Angst besteht darin, dass sie alles betrifft und sich in alles hineinfressen kann. Sie bemächtigt sich der ganzen Existenz. Wer einmal persönlich erlebt hat, wie bodenlos und haltlos machend die Angst im Menschen aufsteigen kann, der weiß auch um ihre vielfältigen Erscheinungsformen. Sie kann sich an alles, selbst das Unscheinbarste und unwesentlich Scheinende anheften. Sie ist eine zutiefst verschreckende Erfahrung eigener Ohnmacht und restlosen Ausgeliefertseins. In ihrer alles durchdringenden Form erscheint sie übermächtig und als Antithese zu dem, was uns den Atem des Lebens einhaucht. Angst erstickt.

Liebe Schwestern und Brüder!

Die ersten Worte des Engels zu den Frauen, die am Ostermorgen zum Grab des Gekreuzigten kommen, lauten: „Fürchtet euch nicht!“ Dieselben Worte sagt der auferstandene Jesus kurz darauf den von den Frauen herbeigerufenen Jüngern: „Me phobeiste – Fürchtet euch nicht!“ Und doch brauchen die Jünger Zeit, um verstehen zu können, was geschehen ist. Sie brauchen eine ganze Zeit, bis die Gewissheit des Lebendigen durch die Unheimlichkeit der Angst hindurch zu leuchten vermag. Sie verschanzen sich hinter verschlossenen Türen. Sie mauern sich ein in ihrem Zweifel. Sie glauben ihren eigenen Augen nicht und erkennen den so Vertrauten nicht. Hermetische Abschottung, verfestigter Zweifel, zerbrochenes Selbstvertrauen – das ist die Signatur ihrer Angst.

Die Evangelien berichten uns von keinen coolen Jüngern, die nichts anficht und die kurzerhand die Story selber weiter schreiben und die „Sache Jesu“ in die Hand nehmen. Auch nicht von Fantasten, die einfach die Wirklichkeit überspielen und ihren wunschgemäßen Halluzinationen erliegen.

Im Gegenteil. Sie berichten von tiefverstörten Menschen, denen die Angst bis ins Innerste hinein gekrochen ist: das Grauen der Brutalität der Kreuzigung und die überall lauernde Gefahr, als Anhänger dieses als Verbrecher öffentlich Hingerichteten mit in die Spirale der Gewalt und Verfolgung gezogen zu werden.

Sie fliehen panisch aus Jerusalem, dem Ort des Grauens, zurück nach Galiläa, wo sie mit ihm, dem sie alles anvertraut hatten, aufgebrochen waren.
Das ist das erste und wichtige, das uns zu Ostern gesagt wird: Die Auferstehung des Herrn überspringt nicht die Angst des Menschen, nicht das unheimlich Grauenvolle des Leides in der Welt, nicht die Wirklichkeit himmelschreienden Unrechts und menschenvernichtender Gewalt.

Auch die Auferstehung beantwortet nicht einfachhin die Frage Jesu am Kreuz: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Im Gegenteil: sie nimmt das zutiefst Verstörende und tödlich Verwundende letzter Einsamkeit und Ohnmacht, hilfloser Ausgeliefertheit wahr und stellt sich genau dieser Wirklichkeit.

Wie häufig war ich als Seelsorger sprachlos oder hilflos stammelnd an Sterbebetten und in Trauerfamilien, in Dialogen über die Frage nach dem sinnlosen Leiden in unserer Welt und der empörenden Erfahrung ausbleibender Gerechtigkeit.

Der grausam Gekreuzigte, der das zentrale Altarbild des berühmten Isenheimer Altars in Colmar ausfüllt (die Darstellung erinnert ein wenig an den vor Jahren gedrehten Film des amerikanischen Regisseurs Mel Gibson über die Passion Christi, die so realistisch wie möglich gezeigt werden sollte) – der ausgeblutete Gekreuzigte mit seinem Wunden übersäten Leib in der spätmittelalterlichen Kunst Meister Grünewalds war bewusst im Krankensaal des Antoniter Klosters so sichtbar präsent, dass er von allen Krankenbetten aus betrachtet werden konnte.

Nicht das viel kleinere, grandiose Lichtbild der Auferstehung stand im alltäglichen Mittelpunkt. Sondern der Blick des Gekreuzigten, der den Leidenden mit seinem stummen Mund und seinen glasigen Augen zuzuflüstern schien: Ich, dein Gott, bin bei dir in diesem Abgrund. Du bist nicht allein.

Hier – und nirgend anders – beginnt das Geheimnis der Auferstehung. Es beginnt mit der vollen Wahrnehmung des Todes und seiner Macht über die Menschen. Der Auferstandene führt die Jünger zurück in den Karfreitag, aus dem die Angst sie haltlos wegetrieben hatte. Sie müssen annehmen und verstehen lernen, warum der Menschensohn leiden und sterben musste.

Er baut Brücken mithilfe der Schriften des Alten Bundes von Mose und den Propheten, in denen sich die Vision des leidenden Gottesknechtes verdichtet. Er versucht von dort durchzudringen durch die versperrende Angst, durch die Mauern des Zweifels, durch die zerbrochene Hoffnung. Er zeigt ihnen die Wirklichkeit seiner Wundmale, die auch den Auferstandenen noch durchbohren.

Als Kind hat mich immer furchtbar irritiert, das gerade zu Ostern das Bild von dem Osterlamm, aus dessen Brust ein schier unstillbarer Schwall von Blut strömt, gezeigt wurde. Und ich habe mich gefragt, warum dieses Lamm mit seiner sich nicht schließenden Wunde ein Bild, ja, das Bild für Ostern, für das Fest der Auferstehung des Herrn, das Fest des Sieges über alle Todesmacht sein sollte.

„Denn als unser Osterlamm ist Christus geopfert.“ (1 Kor 5,7) schreibt der Apostel Paulus im ersten Korintherbrief. Und auch die Offenbarung des Johannes, das letzte Buch der Bibel, das Trostbuch der ersten, schon blutig verfolgten Christengemeinde, sieht auf dem entscheidenden Thron, von dem der Sieg für die ganze bedrängte Menschheit ausgeht, das Lamm und zwar als geschlachtetes. Ich habe lange gebraucht, einen ganzen Weg durch so manche kleinere und größere Ölbergstunden und Karfreitage des eigenen Lebens hindurch, damit meine Augen für das Verständnis geöffnet wurden: Du kannst den Auferstandenen nicht ohne seine Wunden sehen. Im Gegenteil: Du siehst ihn erst durch seine Wunden hindurch.

Nur so öffnet sich, was ansonsten verschlossen bleibt. Daher lesen wir im Johannesevangelium, wie Jesus durch die verschlossene Tür hindurch in die Mitte seiner Jünger trat und sagte: „Der Friede sei mit euch. Danach zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen.“ (Joh 20,19f) Nur so kannst du in die Liebe hineingetauft werden, die die Gewalt in dir entmachtet und die Todesangst besiegt.

Die Auferstehungserfahrung ist ein Prozess der langsamen Durchlichtung der Angst und des Zweifels durch die Erfahrung einer Gegenwart und Liebe, die den Tod besiegt hat und ihm seine größte Waffe, die Einsamkeit, Ohnmacht und Ausgeliefertheit des Menschen nimmt. So ist sie als tiefer Trost und alles übersteigende Hoffnung den frühen Christen aufgeleuchtet.

Und sie erkennen den Auferstandenen von da an, wie die Emmausjünger, am Brechen des Brotes, das für immer festgehalten wird in dem Moment, da es verteilt wird als hingegebener Leib und vergossenes Blut.

Die Auferstehung beginnt im Tod, sie geht durch den Tod. Sie ist die andere, die göttliche Seite des Todes. Und weil Gott beides in Christus so ineinander gefügt hat, verliert der Tod seine letzte und alles tyrannisierende Macht: „Ich bin mit euch bis ans Ende der Welt.“ – bis ans Ende all unserer menschlichen Möglichkeiten, bis in die letzten Dunkelheiten, bis in deine tiefste Angst hinein.

Ich nehme dir die Erstickung des Lebens und hauche dir meinen Geist ein, meinen Lebensatem, mein Feuer der Liebe, die restlos alles für dich auf sich nimmt. Der Tod verdeckt als innerweltliche Macht bewusst seine Rückseite. Sie wird durchsichtig im Bild des Gekreuzigten, im Lamm auf dem Thron, im gebrochenen Brot, das Christi hingegebener Leib ist – nicht nur bedeutet.

In einer Liebe, die alle Macht der Angst überwindet. Die dem Tod sein letztes Wort nimmt. Die den Mut als neuen Geisteswind aussendet, sich gegen die Tyrannei des Todes und aller Spiralen seiner Gewalt zu stellen. Die in der Bergpredigt, die Armen, Verfolgten, nach Gerechtigkeit Hungernden und Düsternden, die Gewaltlosen und Herzensreinen seligpreist, um die Logik von Gewalt und Tod zu durchbrechen und die Vision einer anderen Welt uns zu schenken, einer in der Liebe zutiefst aus ihrer Machtbesessenheit und damit einhergehenden Angst erlösten Welt.

Ich weiß nicht, wohin uns der schreckliche, menschenverachtende Krieg in Europa noch bringen, vor welche schwierigen, abgründigen Entscheidungen er uns noch stellen wird. Wir können nicht tatenlos zusehen, wenn ein Volk brutal überfallen, wehrlose Zivilisten gezielt hingerichtet, Familien ermordet, Krankenhäuser zerstört werden – wenn bewusst alle Humanität mit Füßen getreten wird.

Auf diesem Hintergrund mag das, was Auferstehung im vollen Umfang meint, wie eine Utopie erscheinen. Und doch ist sie letztlich der einzige Anker, um die fatalen Spiralen unserer Welt zu durchbrechen. Nach dem Zeugnis des Neuen Testaments erscheint der Auferstandene nicht dem ganzen Volk, sondern nur bestimmten Zeugen, Menschen, die mit ihm alles durchlitten haben bis in den Abgrund tödlicher Angst.

Sie werden zu Zeugen der neuen Wirklichkeit. Ohne Ostern, ohne Durchblick auf die andere Seite des Todes, ohne die Liebe, die wirklich alles zu verwandeln mag, bleibt die Menschheit immer im selben Kreislauf der Macht und ihrer Logik. Erst und nur Ostern bietet einen Horizont der Hoffnung für die Sehnsucht der Menschen: „Nie wieder Krieg.“

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